Archiv für den Monat: August 2013

Blutungen nach Mandeloperationen

Zusammen mit der Infektanfälligkeit entwickeln viele Kleinkinder eine Vergrößerung der Mandeln (Tonsillen). In einigen Fällen kann diese Tonsillenhyperplasie (so nennt sich das medizinisch) zu weiteren Problemen führen: einmal dadurch, dass in den vergrößerten Mandeln nicht sichtbare Eiterherde sind, die immer wieder zu teilweise heftigen eitrigen Entzündungen führen. Zum anderen durch die Größe an sich. Betroffene Kinder schnarchen sehr heftig und haben eine Einengung der oberen Atemwege, die zur Sauerstoffunterversorgung in der Nacht führen kann: obstruktives Schlaf-Apnoe-Syndrom. Dies wiederum hat Konzentrationsstörungen, Müdigkeit und schwere Kieferverformungen zur Folge.

In diesen Fällen ist eine Entfernung der Mandeln (sog. Tonsillektomie) wichtig. Diese Operation ist jedoch mit dem Risiko einer Nachblutung verbunden, weswegen man die Indikation zur Operation sehr streng stellt. In den Jahren 2006 und 2007 sind 5 Kinder an einer solchen Blutung in Österreich verstorben. Dies führte einerseits zu strengeren Richtlinien (in Österreich) und andererseits zu einer großangelegten Studie, die nunmehr veröffentlicht wurde (Sarny S et al., 2013).

Untersucht wurde die Häufigkeit von Nachblutungen nach 9405 Operationen. Es zeigte sich eine Rate von 9.3% für Kinder unter 12 Jahren bei der Tonsillektomie (vollständige Entfernung der Mandeln). Erwachsene hatten ein 3-fach höheres Risiko hierfür. Männliche Patienten waren mehr gefährdet. Ähnliche Daten liegen auch aus Großbritannien vor.

Fazit: Eine Entfernung der Mandeln kann für einige Kinder ein Segen sein. Wegen der Risiken ist aber vor der Operation eine sorgfältige Abwägung wichtig, ob ein medizinischer Grund für die Operation vorliegt. “Mein Kind ist so oft krank, da sollten endlich mal die Mandeln raus genommen werden” ist sicher kein Grund.

Praxis im neuen Gewand

Neben der Installation einer komplett neuen Computeranlage hat sich die Praxis in vielen Bereichen auch farblich aufgefrischt. So zum Beispiel das Wartezimmer im zweiten Stock, wie das nebenstehende Bild zeigt.

Es geht noch ein bisschen weiter mit der Auffrischung, besonders an der Rezeption unten sowie in den Räumen von Dr. Niethammer.

Wir hoffen Ihnen gefällt der neue Ton, der uns die trüberen Tagen des nahenden Herbsts erhellen soll.

Was geht rum? 25. August 2013

Der Keuchhusten hat einen neuen Anlauf genommen und sich in der Region weiter ausgebreitet. Wir betreuen fast 10 Kinder im Moment mit dieser Krankheit. Keuchhusten – rechts im Bild die auslösenden Erreger Bordetella pertussis – belästigt über mehrere Wochen durch plagenden Husten alle Menschen; problematisch ist aber, dass bei Ansteckung von Säuglingen Lebensgefahr droht. Säuglinge haben keine Schutz (keinen Nestschutz, Muttermilch schützt ebenfalls nicht) und sie entwickeln teilweise nicht einmal Husten, sondern gefährliche Atemaussetzer.

Solange eine solch problematische Krankheit in der Region ist, ist es besonders wichtig, Säuglinge frühzeitig zu impfen. Nach 3 Impfungen im Monatsabstand besteht Schutz. Darüber hinaus sollten sich Kinder, die länger als 2 Wochen Husten ohne eine chronische Erkrankung wie Asthma oder Mukoviszidose zu haben von Säuglingen fernhalten.

Im Übrigen gibt es neben der Sommergrippe keine auffälligen Schwerpunkte bei den Krankheiten.

Feinstaubbelastung

Experten sind sich in Mitteleuropa einig: Die Luft ist deutlich weniger schmutzig als vor 25 Jahren. Aber sie verweisen darauf, daß auch unter den heutigen Bedingungen erhebliche gesundheitliche Schäden verursacht werden. So werden diese Gesundheitskosten allein für die Stadt Zürich beispielsweise auf über 150 Millionen Euro geschätzt.

Bleiben wir bei Zürich. Dort liegt die Feinstaubbelastung pro Jahr bei 428 Tonnen laut dem Schweizer Tropen- und Public Health-Institut in Basel. Davon werden 39% durch das Baugewerbe hervorgerufen, 15% durch die Industrie (Zürich hat wenig Industrie!) und 34% durch den motorisierten Strassenverkehr. In Deutschland liegen die Zahlen ähnlich (siehe nebenstehende Graphik). Für das gesamte Land liegt die Belastung durch den Verkehr bei 32% (linke Graphik: hellblau), die Privathaushalte tragen immerhin zu 16% (grün) bei. Der Straßenverkehr spielt eine zentrale Rolle, weil Menschen in den Innenstädten flanieren und dabei den Feinstaubbelastungen direkt und – je nach Wohnlage – sehr lange ausgesetzt sind.

Steigt die Feinstaubbelastung um 10 µg/m³ an, so sterben an diesen Tagen 1% mehr Menschen. Die Belastung an Verkehrsstraßen liegt bei ca. 50 µg/m³, in der Altstadt von Winterthur am Bahnhof bei 24 und in einem Dorf vor Zürich bei 8 µg/m³ Das hört sich sehr wenig an. Laut Nino Künzli aus Basel bedeutet das, dass übers Jahr mehr Menschen an Luftverschmutzung als an Autounfällen sterben.

Feinstaub ist eine Realität, die unsere Gesundheit beeinträchtigt. Kinder mit Asthma oder Infektkrupp leiden besonders darunter. Sie haben in Abhängigkeit von der Konzentration mehr Beschwerden,höheren Medikamentenbedarf und Schulfehltage. Im Linzgau leben wir zum Glück in einer traumhaften Region. Aber auch hier werden wir an einzelnen Tagen, besonders bei Hochnebel, stärker belastet. Und auch an Neujahr. Aber das nur für wenige Stunden

 

Mückenstiche

In den letzten Wochen nimmt das Problem der Mückenstiche immer mehr zu. Dabei ist es häufig nicht der Stich an sich der so lästig ist, sondern meist die allergische Spätreaktion, die er verursacht. Diese Reaktion tritt frühestens 8 Stunden auf und zeigt sich mit einer deutlichen Schwellung (meist > 30 mm) und Juckreiz. Gerade bei kleineren Kindern, die mit dem Juckreiz schlecht zurechtkommen, treten bald Kratzspuren und manchmal auch Entzündungsreaktionen in der Folge auf.

Wie kann man sich vor Insektenstichen schützen?

Eine alte Frage. Einen perfekten Schutz gibt es nicht. Sofern technisch und finanziell möglich, sind Schnakengitter in der Wohnung sehr wirksam. Ansonsten ist die Anwendung von Repellents sinnvoll. Das beste hierbei ist DEET (z.B. Anti-Brumm®, zu 75 ml etwa 8 Euro). Dieser Stoff wirkt sicher über 4 Stunden, ist leicht klebrig auf der Haut und wird deutlich besser vertragen als bislang angenommen. Vorsicht nur im Gesicht und an Händen, weil er zu Reizungen der Bindehäute führen kann und Kinder mit den Händen gerne mal ins Gesicht fassen. Mit der Anwendung kann man bei Kindern ab 3 Jahren beginnen. Alle anderen Repellents sind weniger wirksam.

Wenn der Stich frisch aufgetreten ist?

Dann ist sehr wirksam die Anwendung einer aufgeschnittenen Zwiebel für 5 min auf der Stichstelle. Alternativ ist Speichel oder auch Kälte (Eiswürfel) möglich. Das berühmte Fenistil Gel hat über einen kurzen kühlenden Effekt hinaus keine Wirkung.

Wenn die Schwellung da ist?

Dann  kann nur noch eine Cortisonsalbe helfen. Antihistaminika sind nicht wirksam. Der Einsatz von Kortison sollte jedoch auch bei diesen kleinen Flächen auf schwere Stiche begrenzt bleiben.

Was geht rum? 18. August 2013

Bei den hochsommerlichen Bedingungen traten in der letzten Woche vorwiegend “Sommergrippen” auf. Medizinisch gesehen handelt es sich dabei um die Herpangina, eine Infektion durch Coxsackieviren. Das Krankheitsbild ist am ersten Tag oft von hohem Fieber geprägt. In den folgenden Tagen geht es den Kindern leidlich gut, sie wirken über mehrere Stunden gesund, neigen aber immer wieder zu Halsschmerzen, leichtem Fieber (um 38.5 Grad) und Müdigkeit.

Natürlich gibt es auch im Sommer vereinzelt schwere Infektionen, diese treten aber sporadisch auf und sind für andere Menschen keine Bedrohung.

Glücklicherweise halten sich die Verletzungen in Grenzen. Eine besondere Gefahr sind Verbrennungen am Grill. Bisher habe ich keine behandelt und würde mich freuen, wenn es in Zukunft so bliebe. Also Kleinkinder bitte vom Grill fernhalten!

Dr. Wolff aus Urlaub zurück

Ab Donnerstag ist Dr. Wolff wieder aus dem Urlaub zurück, Dr. Niethammer tritt seinen Urlaub an. Die Praxis arbeitet also auch in den kommenden Wochen eingleisig.

Inzwischen sind die Arbeiten an unserer EDV weitgehend abgeschlossen. Diese kostenintensive Maßnahme hat sich jedoch gelohnt: das Stocken unseres Programms ist Vergangenheit, wir können endlich unterbrechungsfrei und schnell mit dem Programm arbeiten.

Allen, die erst jetzt ihren Urlaub antreten wünsche ich eine gute Erholung und viel Spaß mit der Familie!

Gebärmutterhalskrebs-Impfung

Die Gebärmutterhalskrebs-Impfung ist nun schon seit 6 Jahren in Deutschland zugelassen. Die anfängliche Begeisterung bei den Patienten ist einer zunehmenden Zurückhaltung gegenüber dieser Impfung gewichen. Ist das gerechtfertigt?

Die Impfung richtet sich gegen die humanen Papillomaviren (HVP), die die Verursacher des Gebärmutterhalskrebses sind. Es gibt viele HPV-Typen, also leicht unterschiedliche Virusvarianten, von denen insbesondere die Typen 16 und 18 für die Entwicklung des Krebses verantwortlich sind (70% aller Erkrankungen an Gebärmutterhalskrebs). Deswegen finden sich Impfstoffe gegen Typ 16 und 18 in beiden verfügbaren Impfungen. Daneben führen die gleichen Viren, insbesondere die Typen 6 und 11 zu Genitalwarzen, die belästigend, aber nicht gefährlich sind. Die Übertragung aller dieser Viren erfolgt beim Geschlechtsverkehr. Es hat sich in den letzten Jahren entsprechend belegen lassen, dass eine frühe Impfung – idealerweise vor den ersten Sexualkontakten – günstig ist.

Im letzten Jahr zeigte eine Veröffentlichung von Hartwig et al im BMC Cancer die Häufigkeiten der Neuerkrankungen pro Jahr durch HPV-Viren in Europa: über 23.000 Erkrankungen an Gebärmutterhalskrebs, weit über 500.000 Erkrankungen an Genitalwarzen (zu gleichen Teilen bei Männern und Frauen) sowie 12.700 Kopf- und Halskrebserkrankungen, die in den meisten Fällen auch auf dieses Virus zurückzuführen sind.

Aus Australien, wo Mädchen und Jungen (!) in einem hohen Prozentsatz geimpft sind zeigen die letzten Daten, dass mit dieser Strategie die Vorstufen des Krebes deutlich rückläufig waren. Die Zahl der Genitalwarzen sank bei Frauen unter 21 Jahren von 11.5% (vor Einführung der Impfung) auf 0.85% im Jahre 2011. Geimpfte Frauen hatte in keinem Fall die sog. Feigwarzen, aber nicht Geimpfte waren offensichtlich durch die breit akzeptierte Impfung bei den anderen ebenfalls weniger von Genitalwarzen betroffen. Dies ist ein klar messbarer Erfolg der Impfung bei den schnell auftretenden Feigwarzen, der die Hypothese unterstützt, dass das Auftreten von Gebärmutterhalskrebs  - der erst Jahrzehnte nach Infektion auftritt – in Zukunft ebenso deutlich verhindert werden kann.

In Deutschland sind nur 30% der jugendlichen Mädchen geimpft. Eine erschreckend niedrige Zahl, wenn man die Bedeutung und Schwere der Erkrankung betrachtet, die die HPV-Impfung verhindern kann. Ein Problem dürfte sein, dass es Jahrzehnte dauert, bis die Erkrankung ausbricht. Da wiegt dann manchmal die kleine Angst vor dem kleinen Schmerz einer Spritze höher.

Kurzsichtigkeit und Sonnenlicht

Kurzsichtigkeit (Myopie) wird in der Regel als schicksalhaft angesehen. Und in der Tat ist es so, dass die Erkrankung eine familiäre Häufung zeigt. Insbesondere stellt die Kurzsichtigkeit der Mutter einen Risikofaktor für das Kind dar.

Untersuchungen aus China und Dänemark weisen aber auf einen Umweltfaktor hin, den wir beeinflussen können: das Tageslicht. In der dänischen Untersuchung (Cui et al, 2012) wurde nachgewiesen, dass Kinder im Alter von 8-14 Jahren eine geringere Zunahme der Länge des Augapfels hatten, wenn sie sich im Schnitt 2782 Stunden im Tageslicht aufhielten gegenüber denen, die sich nur 1681 Stunden draußen aufhielten. Eine chinesische Untersuchung bei Kindern von 6-12 Jahren kam zum gleichen Ergebnis.

Aktivität draußen ist also nicht nur günstig zur Verhinderung des Übergewichts oder von Asthma sondern auch zur Vorbeugung vor Kurzsichtigkeit. Schöner als drinnen vor Bildschirmen zu sitzen ist es allemal.

Ein Grund mehr unseren Kindern den Weg nach draußen schmackhafter zu machen.

Kinder sind das Wichtigste für uns?

So wird es immer gesagt: Das wichtigste für uns Menschen seien die Kinder. Stimmt das? Und handeln wir so, als seien sie in unserer Gesellschaft auch das Wichtigste?

Ich habe große Zweifel. Kinder werden aus meiner Sicht eher als Humankapital gesehen. Wir haben verstanden, dass sie für unsere eigene Zukunft unerlässlich sind. Nur sie können die Renten erarbeiten, die wir im Alter (hoffentlich) mal erhalten werden. Deswegen wird auch gleich Druck ausgeübt, damit die in Deutsch und Mathe besonders gut sind. Ihre soziale Entwicklung, ihre emotionale Entwicklung wird wenig angesprochen. Wir als Gesellschaft haben einen ganz engen Blick auf unsere Kinder und ich bekomme mehr und mehr das Gefühl: die Kinder merken das.

Die Diskussion um Kindertagesstätten – “Kita”. Welch ein erbärmlich kurzes Wort für einen Hort, an dem sich Kinder wohlfühlen sollen. Aber geht es darum überhaupt? Es werden “Kita-Plätze” geschaffen. Zahlenspiele. Wieviele Kinder sind einem Betreuer zugeordnet? Da gibt es enorme Unterscheide und mit wenig Betreuern werden teilweise hohe Zahlen an Plätzen geschaffen. Haben Sie schon einmal gehört, welche Ausbildung die vielen neuen Betreuer haben? Ich nicht. Gestern bei “Rettet die Million” war ein Erzieher einer Berliner Kita als Kandidat: Sehr forsch, sehr um sein ICH bemüht, und wenn sein “Liebster” (Mitkandidat) mal etwas sagte, bekam er zu Antwort “Nun lassen wir mal den Unsinn”. Wünschen wir uns solche Egomanen für unsere Kinder? Sicher nicht. Wo also kommen die vielen Erzieher plötzlich her?

Professor Hans Bertram von der Universität Berlin sagte kürzlich in einem Interview der FAZ: “Meine Interpretation ist, dass wir in der öffentlichen Diskussion Kinder inzwischen sehr stark als Objekt betrachten”. Nur so ist es zu erklären, unsere Kinder laut UNICEF sehr unzufrieden sind (Platz 22), während sie in Bezug auf Wohlstand, Bildung und Gesundheit beste Bedingungen in Deutschland vorfinden (Platz 6 weltweit).

“Kindern sind so unterschiedlich. Aber wir haben in Deutschland ganz stark die Vorstellung, dass sie zu einem bestimmten Zeitpunkt eine bestimmte Norm erreichen müssen” (Bertram). Wir brauchen Gelassenheit, wir brauchen Freiräume für Kinder. Und gezielte Förderung für die wenigen Kinder, die bedürftig sind. Welches Recht haben wir glücklich entwickelte Kinder zu “fördern”? Das heißt doch meist, wir bringen sie vom eigenen Weg der Entwicklung bewußt ab. Fördern wir Erwachsene, die keine passende Kleidung tragen? Wir kämen nicht auf die Idee. Kinder brauchen Platz, ihren eigenen Weg zu gehen und eine Persönlichkeit zu entwickeln. Und wir sollten uns sorgsam überlegen, wann wir und warum wir eingreifen.

Eines ist immer gut. “Wenn du intelligente Kinder willst, lies ihnen Märchen vor. Wenn du noch intelligentere Kinder willst, lies ihnen noch mehr Märchen vor” (Albert Einstein)