Archiv für den Monat: Juni 2015

Neues aus der Allergologie

Zu Beginn dieses Monats fand über 5 Tage der Kongress der europäischen Allergologen (EAACI) in Barcelona statt. Ein herausragender Kongress. Leider war dadurch die Möglichkeit, die herrliche Metropole Katalaniens kennen zu lernen sehr begrenzt.

Einer der Schwerpunkte war das Asthma bronchiale in seinen verschiedenen Varianten. Seit Jahren gelingt es zunehmend verschiedene Verläufe (sog. Phänotypen) von Asthma bei Kindern zu beschreiben. Diese unterscheiden sich sowohl in ihrem zeitlichen Verlauf, ihrer Therapie, aber auch in der Schwere und dem Risiko von Allergien. So Sandra Ekström aus Stockholm stellte Daten aus der BAMSE-Studie vor, in denen sie den Zusammenhang von Asthma und Übergewicht beleuchtete. In der nebenstehenden Graphik sieht man den BMI (eine Größe, die Gewicht in Bezug auf die Körperlänge beschreibt) von Mädchen in Bezug auf das Alter. Natürlicherweise – bei gesunden Kindern –  nimmt der BMI langsam zu (untere, grüne Linie).

Beim “early transient asthma” (blaue Linie) , das in der frühesten Kindheit beginnt und sich zur Pubertät hin verliert, ist die Kurve zu Beginn über der grünen Linie und nähert sich in der Pubertät der unteren grünen Linie. Beim “persistent asthma” (rote Linie) liegt der BMI schon gleich zu Beginn sehr hoch und entfernt sich in der Pubertät noch weiter von der Normalkurve der Gesunden (grüne Linie).

Es gibt also für einige Asthmaformen einen Zusammenhang mit Übergewicht. Ob sich daraus Behandlungsmöglichkeiten ergeben ist noch nicht klar.

Aktuelle Kongresse werfen ein Licht auf viele kleine Aspekte von Krankheiten. Andere Forscher werden dadurch angeregt weitere Fragen zu bearbeiten. So kommt schließlich eine Bewegung zusammen, die irgendwann nach Jahrzehnten ein grundsätzliches Problem löst. Auf dem Kongress wurden hunderte kleine Schritte zur Lösung präsentiert – absolut spannend! Aber der ganz große Wurf war nicht dabei. Geduld ist für Ärzte und Forscher auch wichtig. Aber nicht aufgeben ebenso!

 

Was geht rum? 27. Juni 2015

In der letzten Woche sind nur noch sehr wenige Infekte zu beobachten gewesen. Durch das kalte Wetter traten nahezu keine allergischen Erkrankungen auf.

Jahreszeitlich bedingt gab es einzelne Verbrennungen. In den kommenden Tagen, wenn das Grillwetter wieder zurück kommt, sollte dieses Risiko besonders bei Kleinkindern nicht vergessen werden.

Natürlich gibt es weiterhin Zeckenbisse. Hierzu können Sie unter dem Stichwort “Zecke”, “Borreliose” oder “FSME” weitere Informationen im praxisblättle finden. Wegen der Borrelien sollte jede Bisstelle einer Zecke für 30 Tage nachbeobachtet werden unter der Frage, ob ein kreisrunder Ausschlag (das sog. Erythema migrans) auftritt. Bei Auftreten eines Ausschlages ist eine ärztliche Untersuchung wichtig, um den Ausschlag zu bewerten und die richtigen Schlüsse zu ziehen.

Borreliose

Über die letzten Jahrzehnte ist eine Zunahme der Zeckenbisse für Patienten in unserer Region zu beobachten. Und mit der gestiegenen Bedeutung der Zecken steigt auch die Anzahl der Infektionen, die diese über die mitgebrachten Viren oder Bakterien übertragen.

Für Kinder wie Erwachsene ist die bei weitem wichtigste – weil häufigste – Infektion die Borreliose. Dieser Name bezeichnet eine Gruppe von Bakterien, die von der Zecke übertragen beim Menschen ein weites Spektrum an Erkrankungen auslösen kann. Zecken in Europa sind zu 13% von einem der Erreger der Borreliose befallen, während die Durchseuchung mit dem FSME-Virus nur bei 0.1% bis 5% liegt. Borrelia afzellii macht vorwiegend Hauterkrankungen. Für die Erregerübertragung von der Zecke braucht es mehrere Stunden. Es erkranken vorwiegend Kinder von 5 bis 14 Jahren bzw. Erwachsene zwischen 45 und 59 Jahren. Für süddeutsche Kinder fand eine Studie heraus, dass 27% der Kinder in Kindergärten einmal im Jahr von einer Zecke betroffen waren. Dennoch: Dass Risiko nach einem Zeckenstich an einer Borreliose zu erkranken liegt nur bei 0.3 bis 1.4%.

Die bei weitem häufigste (70-97%) Manifestation der Borreliose ist das Erythema migrans. Von der Stichstelle ausgehende kommt es nach 3 bis 30 Tagen zu einem Ausschlag mit zentraler Abblassung. Deswegen ist die tägliche Kontrolle der Stichstelle über einen Monat wichtig, damit das Erythema migrans sicher erkannt wird. Die Behandlung ist recht einfach und sicher wirksam mit Antibiotika.

 

 

Ärztliche Versorgung auf dem Lande

Wie angemessen ist die Verteilung der Ärzte in Deutschland? Diese Frage stellt sich einem Arzt auf dem Lande öfter. Spricht er mit Ärzten aus der Stadt, so sieht deren Alltag deutlich entspannter aus: Arbeit nur halbtags ist nicht selten, keine Wochenenddienste ist der Normalfall für niedergelassene Ärzte in der Stadt. Blass vor Neid wird man zwar nicht angesichts der tollen Patienten, denen wir auf dem Lande begegnen. Da sind wir klar im Vorteil. Aber die Frage bleibt: nach welchen Kriterien findet die Verteilung der Ärzte auf dem Lande statt?

Seit langem gibt es Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA). Dieser “bestimmt in Form von Richt­li­nien den Leis­tungs­ka­talog der gesetz­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung (GKV) für mehr als 70 Millionen Versi­cherte und legt damit fest, welche Leis­tungen der medi­zi­ni­schen Versor­gung von der GKV erstattet werden. Darüber hinaus besch­ließt der G-BA Maßnahmen der Quali­täts­si­che­rung für den ambu­lanten und statio­nären Bereich des Gesund­heits­we­sens.” (Originaltext auf der Homepage des G-BA)

Um die Flucht der Ärzte in gewisse attraktive Orte zu begrenzen, wurde vor etwa 25 Jahren eine Richtlinie geschaffen, die u.a. die Zahl der Kinderärzte in Landkreisen festlegt. Ohne sich den Veränderungen der letzten Jahrzehnte anzupassen, gilt diese ohne Abstriche weiter. So sieht der G-BA – in diesem Fall kritiklos –  eine durchschnittliche Patientenzahl von 2405 pro Kinder- und JugendärztIn in der Stadt, 3859 auf dem Land und 4372 in der Nähe größerer Städte vor. Für Allgemeinärzte sind lediglich 1671 Patienten vorgesehen.

Diese Bedarfsplanung ist aber keine auf Fakten und Daten basierende Planung. Sie geht von einem historischen Status quo der Arztzahlen aus und ist zu einem der vielen Instrumente geworden, mit denen Politik und Krankenkassen die Ausweitung des Leistungsbedarfes stoppen wollen. In der Bedarfsplanung nicht berücksichtigt werden für die Kinderheilkunde wesentliche Leistungen, die im EBM nicht abgebildet sind. Dadurch wurden die Arbeitsbedingungen für Kinderärzte (und auch Hausärzte) auf dem Land immer schlechter. Die demotivierenden Arbeitsbedingungen als Selbstständiger im niedergelassenen Bereich haben, in Verbindung mit den veränderten Ansprüchen unserer Nachfolgerinnen und Nachfolger, dazu geführt, dass nahezu ausschließlich Interesse an angestellter Tätigkeit, oft in Teilzeit, im ambulanten Bereich vorherrscht. Neu geschaffene Arztsitze können so kaum besetzt werden.

Wenn diese Bedingungen nicht bald angepasst werden, wird die Zahl der Kinderärzte – z.B. im Kreis Sigmaringen – bald drastisch sinken, weil den künftigen Rentnern keine jungen Kollegen nachfolgen. Diese bleiben bei klaren Arbeitsbedingungen in der Klinik oder machen eine Praxis in der Stadt auf, wo ihnen und ihren Familien deutlich mehr Zeit bleibt. Und, das wird oft übersehen, die meisten Ärzte arbeiten gar nicht am Patienten. Sie arbeiten als Medizinjournalisten, sind in der Pharmabranche oder treten als Berater, Schauspieler oder mit sonstigen Berufen auf. Oder sie sind ins Ausland abgewandert.

Noch fehlt der Aufschrei von Eltern auf dem Lande. Nur Getöse und Presse bewegt die Politik. Solange das nicht passiert, wird sich die Situation schleichend verschlechtern. Besonder ungerecht. Eigentlich zahlen alle menschen vergleichbare Krankenkassenbeiträge. Die menschen auf dem Lande bekommen aber deutlich weniger Leistung im Gegenzug.

Was geht rum? 20. Juni 2015

In dieser Woche kam es gleich am Montag zu einer enormen Häufung von Erkrankungen an Magen-Darm-Grippe: heftiger, aber kurzer Beginn mit Erbrechen, meist kein Fieber, nachfolgend oft Durchfall. Der Erreger ist noch nicht bekannt, es handelt sich vermutlich um Virusinfektionen. Wie immer steht die Zufuhr von Wasser + Zucker + Salz (idealerweise als Elektrolytlösung wie beispielsweise Oralpaedon©) in den ersten Stunden im Vordergrund. Zum Ende der Woche war die Zahl der Neuerkrankten spürbar geringer.

Auch der Scharlach hält wieder Einzug. Noch sind es vereinzelte Fälle; es ist aber damit zu rechnen, dass diese bald weiter um sich greifen.

Die allergischen Krankheiten sind inzwischen geringer als in der vergangenen Woche. Der Höhepunkt des Gräserpollenfluges liegt vermutlich hinter uns. Die Gräserpollen werden uns dennoch bis etwa Oktober begleiten – in geringerem Ausmaß.

Helmtherapie bei Säuglingen mit Schädelverformung

Durch einseitige Belastungen kommt es im Zusammenhang mit der empfohlenen Rückenlage häufig zu Schädelverformungen. Meist sind diese leichtgradig und lassen sich mit kleineren Verhaltensänderungen günstig beeinflussen. Seit ca. 15 Jahren gibt auch kraniale Othesen (“Helmtherapie” – siehe das Bild eines Helmes nebenan). Solche Helme sollen bei entsprechender Indikation täglich 23 Stunden bis zum ersten Geburtstag getragen werden.

Eine Arbeitsgruppe aus den Nierderlanden um den Forscher RM vann Wijk hat von 2009 bis 2011 eine Gruppe von Kindern über 18 Monate untersucht. Die Hälfte trug – bei gleicher Ausprägung der Schädeldeformation – für 6 Monate bis zum ersten Geburtstag einen Helm; bei den anderen wartete man den Spontanverlauf ab. Die Kinder wurden bis zum 2. Geburtstag nachuntersucht. Es zeigte sich zum Schluß kein Unterschied: in beiden Gruppen kam es zu sehr schönen Verläufen, aber auch solchen wo die Deformität nur teilweise zurückging. Der Helm hatte jedoch keinen Einfluß auf ein besseres Ergebnis. Im Gegenteil: es gab erwartungsgemäß Nebenwirkungen wir schlechte Akzeptanz des Helmes oder Schwitzen und Schmerzen.

Die anfängliche Begeisterung für die Helmtherapie ist verflogen. In sehr wenigen Einzelfällen mag sie Sinn machen. Eine solche Entscheidung will jedoch gut bedacht. sein. Nebenbei ist diese Therapie nicht günstig und wird von den Krankenkassen auch nicht getragen.

Autokindersitze – neue TEST – Ergebnisse

Im neuen Heft der Stiftung WARENTEST (06/2015) ist ein aktualisierter Test zu Autokindersitzen zu finden. Im Folgenden stellen wir einige der guten Sitze gegliedert nach dem Körpergewicht der Kinder kurz vor. Von Geburt an bis 13 kg Körpergewicht

  • CYBEX Cloud Q ohne Isofix-Basis:  Note 1.9, mittlerer Preis 230€, bestes Ergebnis in Bezug auf Unfallsicherheit (siehe Abbildung rechts; Quelle: kikiwelt.de)

Von Geburt an bis 18 kg Körpergewicht

  • (nur Sitze mit Note ausreichend)

Von 9 kg bis 18 kg/ 36 kg Körpergewicht

  • CYBEX Palas m-fix:  Note 2.1, mittlerer Preis 280€, bester Sitz seiner Klasse

Von 15 kg bis 36 kg Körpergewicht

  • BRITAX Römer Kidfix SL Sict:   Note 1.8, mittlerer Preis 159€
  • CYBEX Solution M:    Note 1.8, mittlerer Preis 150€
  • CYBEX  Solution M-fix:   Note 1.8, mittlerer Preis 180€

i-Size: von 61 cm bis 105 cm Körpergröße

  • MAXI COSI Axissfix:  Note 2.2, mittlerer Preis  400€

i-Size: von 67 cm bis 105 cm Körpergröße

  • MAXI COSI 2wayPearl mit Isofix Basis 2wayFix:  Note 2.2, mittlerer Preis 490€

Wie immer: Wenn Sie die Ergebnisse zuhause studieren möchten, können Sie ab Juli das Heft gerne für einige Tage mit nach Hause nehmen. Bitte fragen Sie unsere Mitarbeiterinnen.

Was geht rum? 13. Juni 2015

Die Erkrankungen wechseln im Moment so schnell wie das Wetter. So überwiegen in dieser Woche schon wieder die Atemwegsinfekte mit Mittelohrentzündungen. Fast wie im Winter.

Es treten aber auch vereinzelt Darminfektionen und Herpangina auf. Die Herpangina – sie ist keine Entzündung der Mandeln, obwohl “angina” in ihr steckt – ist eine typische Infektion in den Sommermonaten, die anfänglich öfter mit Fieber verbunden ist. Dabei ist das Befinden trotz Krankheit in aller Regel ordentlich.

An diesem Wochenende sind wieder Fahrradausflüge möglich. Bitte daran denken, dass Gräserpollen weiterhin unterwegs sind. Betroffene Kindern sollten schon am Morgen ein Antihistaminikum erhalten, bevor die allergischen Beschwerden auftreten. Und: Mit der starken Sonneneinstrahlung – Sonnencreme bei Ausflügen ist ohnehin klar – auch die Ozonbildung nicht vergessen. Zwischen 12 und 15 Uhr sind schattige Plätze der richtige Ort zum verweilen. Das muss nicht die eigene Wohnung sein, auch im Wald ist die Ozonbelastung geringer.

Neues von der MAKI-Studie

In der MAKI-Studie hat eine Gruppe von Wissenschaftlern um Dr. Peter Th. Wolff , Frau Prof. Dr. Annick Robinson aus Antananarivo und Frau Prof. Dr. Erika von Mutius aus München die Bedeutung von Allergien und Asthma von Kindern auf dem Lande in Madagaskar untersucht.

Das Projekt wurde zwischen 2011 und 2013 geplant und im Mai 2013 umgesetzt. Auf der Homepage www.makistudy.org finden Sie weitere Hinweise und unter der Leiste “Gallery” Bilder, die während der Studie aufgenommen wurden.

Die Ergebnisse der Studie werden gerade in einer Publikation zusammengefasst. Es ist damit zu rechnen, dass diese im Jahre 2016 veröffentlicht wird. Interessant ist, dass die Häufigkeit von Asthma auf dem Lande (keine geteerten Straßen, keine Stromversorgung, kein Handynetz) deutlich geringer ist als in der Stadt. Die Häufigkeit von Husten ist jedoch höher. Keine Überraschung: ist Reis (dreimalige Ernte im Jahr) doch die wichtigste Einnahmequelle der Region. Und der muss – von Hand! – gedroschen werden. Die Bilder in der Galerie zeigen es: Ein Leben aus einer Welt, die wir nur aus Büchern kennen. In Armut, ohne Hunger, aber mit lebenslangen körperlichen Belastungen, die wir uns kaum vorstellen können.