Archiv für den Monat: März 2016

Gifte in der Natur

Der Frühling lässt wieder mehr Farben im Garten zu. Zur Zaubernuss, die schon seit Wochen mit ihrem zartem Gelb und Hoffnung macht kommen jetzt die Krokusblüten und viele andere hinzu. Mit der erwachenden Natur wachsen auch Giftpflanzen, die Kindern – und natürlich auch Erwachsenen – zum Risiko werden können.

Gift hat immer mit Dosis zu tun. Wir brauchen Salz zum überleben. Aber zuviel Salz bringt uns um. Zum Beispiel wenn Menschen auf dem Meer treibend Meerwasser trinken. Oder: Alkohol berauscht viele, zuviel davon führt aber zur Alkoholvergiftung und im Extremfall zum Tode. Ähnlich ist es bei den giftigen Pflanzen im Garten. Insofern gelten nur solche als giftig, bei denen auch kleinere Mengen zu Problemen führen.

Generelle Überlegungen

  • Beim Gift kommt es immer auf die Dosis an. Deswegen werden wir immer darauf hinweisen, ob es sich um hochgiftige oder weniger giftige Pflanzen handelt. Kleine Giftmengen, die einem Erwachsenen wenig ausmachen, können aber einem Kleinstkind schon zur Bedrohung werden.
  • Die Kenntnis giftiger Pflanzen im eigenen Garten ist sinnvoll. Es gibt Pflanzen, die dort nicht vorkommen sollten, weil sie Kinder reizen können.
  • Wenn Giftpflanzen im Garten sind: Weisen Sie Ihre Kinder nicht darauf hin. Denn, was verboten ist hat immer einen besonderen Reiz. Beobachten Sie aber, ob Ihr Kind gerade sich für Beeren oder Blüten von Pflanzen interessiert und seien Sie wachsam.

In den kommenden Wochen werden wir an dieser Stellen einzelne Giftpflanzen vorstellen. Das kann natürlich nur eine kleine Auswahl sein. Aufgenommen haben wir solche, die oft auftreten – aber nicht unbedingt gefährlich sind – und solche, die eine Gefahr darstellen.

Bei Unklarheiten gibt es die Vergiftungs-Informations-Zentrale Freiburg, die rund um die Uhr erreichbar ist:

 

Ursachen der Ernährungskrise

Ernährungskrisen werden immer wieder thematisiert. Oft ist die Darstellung zu einfach. Der Versuch mit einigen Zeilen zur Aufklärung beizutragen kann nur misslingen. Die Frage der Ernährung weltweit ist vielschichtig. Der folgende Beitrag ist der Sonntagszeitung (Zürich, Schweiz) entnommen zeigt die unterschiedlichen Aspekte des Problems gut auf. Er erschien vor der Volksabstimmung Ende Februar und ist von Philipp Aerni* verfasst.

«Mit Essen spielt man nicht!» Das Motto der Initianten der Spekulationsstoppinitiative weckt Schuldgefühle aus der Kindheit. Zugleich schafft es Wut und Empörung gegenüber Erwachsenen, die versuchen auf Kosten der Armen Geld mit Nahrungsmitteln zu verdienen. Diese Spekulanten hätten keinen Respekt vor der Menschenwürde, und es sei ihnen gleichgültig, ob Millionen durch ihre Spielchen verhungern, wie es Jean Ziegler ausdrückt.

Die Verwandlung des kindlichen Schuldgefühls in ein Wutgefühl gegen- über Nahrungsmittelspekulanten nennt man in der Sozialpsychologie symbolische Schuldübertragung. Das Phänomen des Sündenbocks, der seinen Kopf hinhalten muss, um die kollektive Reinwaschung von Schuldgefühlen zu ermöglichen, existiert in allen Kulturen. In der modernen Gesellschaft geht es dabei nicht mehr um die symbolische Schlachtung eines Ziegenbocks oder gar um Hexenverbrennung, sondern um ein Votum gegen die angeblich moralisch Minderwertigen, denen all die Eigenschaften zugeschrieben werden, die man bei sich selbst nicht wahrhaben will.

Klar würden die Jungsozialisten diesem impliziten Vorwurf der unbewussten Manipulation vehement widersprechen und auf Studien verweisen, die einen Zusammenhang zwischen Spekulation und unerwünschten Preisschwankungen aufdecken. Der Hinweis auf wissenschaftliche Publikationen soll wieder Nüchternheit und Sachlichkeit in die Diskussion bringen. Doch meistens endet diese Diskussion in einem relativ langweiligen Erbsenzählen von Studien, die keinen Zusammenhang sehen, und solchen, die einen Zusammenhang sehen. Und wenn es sich herausstellt, dass tatsächlich eine Mehrheit der Studien keinen Zusammenhang sehen, dann bezichtigt man die Autoren der Komplizenschaft mit den Spekulationsbefürwortern. Man kehrt also wieder auf die emotionale Ebene zurück.

Die Frage, ob die Preisschwankungen der an globalen Börsen gehandelten Agrarrohstoffwaren tatsächlich einen unmittelbaren Effekt auf die am meisten unter Hunger und Unterernährung leidenden Bevölkerung haben, fällt dabei unter den Tisch. Das grundlegende Missverständnis zu den Ursachen der Welternährungskrise wird vollständig ausgeklammert.

Marginale ländliche Regionen sind vom Markt abgekoppelt

Vielen ist nämlich kaum bewusst, dass bereits vor dem ersten massiven Anstieg der Nahrungsmittelpreise im Frühjahr 2008 über 850 Millionen an Hunger und Unterernährung gelitten haben. Offenbar schienen diese Leute nicht auf unserem Radar zu sein, denn niemand redete hier von einer Krise. Warum? Weil diese Leute nicht in Städten, sondern in marginalen ländlichen Regionen leben und daher abgekoppelt sind von globalen Nahrungsmittelmärkten.

Es sind primär Viehzüchter und Subsistenzbauern, die zuerst ihre Eigenversorgung sicherstellen müssen, bevor sie es sich leisten können, etwas auf dem lokalen Markt zu verkaufen. Ihre prekäre Lage zeigt sich vor allem in den von Hunger und Unterernährung am meisten betroffenen  Regionen in Südindien und Afrika südlich der Sahara. Die Grundnahrungsmittel, die für ihre Selbstversorgung bestimmt sind, werden gar nicht an internationalen Börsen gehandelt. Kaum jemand spekuliert auf Maniok, Yams oder Sorghum.

Doch selbst wenn sie Mais, Reis oder Weizen anbauen, gelangt ihre überschüssige Ware kaum je an eine Börse. Denn es fehlt oft die Infrastruktur für Lagerhaltung und Qualitätsbeurteilung; und die Transportkosten stehen in keinem Verhältnis zu den relativ kleinen Überschussmengen. Die Kosten sind schlichtweg zu hoch, um in marginalen Regionen aus nicht handelbaren handelbare Agrarprodukte zu machen.

Somit geschieht keine Integration in die formalen Agrarmärkte, und genau dies macht die lokalen Produzenten verletzbar, denn für ihre Überschüsse finden sie kaum einen lokalen Abnehmer, da ja alle gleichzeitig gute Ernten erzielen, und bei Missernten will niemand das verkaufen, was er noch auf Vorrat hat.

Nun stellt sich die Frage, ob man etwas gegen diese prekäre Situation tun kann. Die Resultate aus der Feldforschung im südlichen Afrika zeigen klar, dass Produktivitätssteigerungen und die Verbesserung der lokalen Infrastruktur die Lebenssituation in marginalen Regionen rapide verbessert, denn solche Investitionen erlauben eine Integration in regionale Märkte, wo die Überschüsse oft zu einem weit besseren Preis in den nahe gelegenen Städten verkauft werden können. Die Informationen zu den aktuell gehandelten Preisen können die Bauern via Handy ausfindig machen, und somit werden auch Zwischenhändler ausgeschaltet, welche die mangelnde Transparenz zu den gehandelten Preisen ausnützen.

Gut gemeinte Projekte bewirken oft das Gegenteil

Die Frage stellt sich aber, warum die notwendigen Investitionen in die Verbesserung der Produktivität der Grundnahrungsmittel und der ländlichen Infrastruktur nicht getätigt werden. Dies hat viel mit der Wahrnehmung in Geberländern wie der Schweiz zu tun. Die bukolische Vorstellung des glücklichen Kleinbauern in Afrika, der sich genügsam mit dem nötigsten selbst versorgt und die Fortschritte in der modernen Saatgutzüchtung und des Pflanzenschutzes als fremdartige Innovationen nobel von sich weist, sind hierzulande sehr ausgeprägt. Ausserdem werden Infrastrukturprojekte in diesen Ländern weniger mit ruraler Ermächtigung, als mit Prestigeprojekten von Regierungen in Verbindung gebracht, von denen hauptsächlich ausländische Unternehmen profitieren.

Tatsache ist jedoch, dass die Kinder von Millionen von Kleinbauern in die Städte migrieren wollen, weil sie keine Zukunft auf dem kleinen Hof sehen, dessen Grundbesitz sie noch mit zahlreichen Geschwistern teilen müssen, da es keine Jobs ausserhalb des Betriebes gibt. Die Migration in die Städte steigert unweigerlich die Nachfrage nach handelbaren Nahrungsmitteln; und weil nicht in den ländlichen Strukturwandel investiert wird, müssen die Nahrungsmittel zunehmend importiert werden, was die Abhängigkeit von internationalen Nahrungsmittelpreisen, die primär von Missernten und Überschüssen in den wichtigen Exportländern bestimmt werden, weiter verschärft.

Westliche Projektionen mögen daher gut gemeint sein, sie bewirken jedoch oftmals genau das Gegenteil von dem, was beabsichtigt wurde.

Doch könnte man eine Volksinitiative gewinnen, bei der das «Volk» mitverantwortlich gemacht wird für falsche Entwicklungen in der Landwirtschaft? Natürlich nicht. Es braucht Ausländer und Spekulanten und andere Profiteure, denen man die Schuld zuweisen kann. Nur so kann man politisch Karriere machen, denn die Kunden beziehungsweise die Wähler sollen sich wohlfühlen bei dem, was sie tun, denken und essen.

*Philipp Aerni ist Direktor des Center for Corporate Respon- sibility and Sustainability (CCRS) an der Universität Zürich. Von Mai 2012 bis September 2013 war er bei der Welternährungsorganisation (FAO) in Rom tätig

Was geht rum? 26. März 2016

Der Frühling hat es gerade noch geschafft und bringt uns einen sonnigen Ostertag. Heute. Zuvor hat er mit uns Menschen Nachsicht geübt und die Grippewelle beendet. Schön auch für uns in der Praxis: die meisten Kinder kommen wieder strahlend herein und nicht mit schmerzverzerrtem Gesicht und geschwächten Eltern.

Krankheiten gibt es trotzdem: einige Racheninfekte, die aber nach wenigen Tagen schon wieder besser sind, wenn nicht Mittelohrentzündungen oder Lungenprobleme hinzukommen.

Daneben trat zu Beginn der Woche ein hochfieberhafter Racheninfekt auf: Beginn mit Fieber über 40 Grad über ein bis zwei Tage, am ersten Tag Müdigkeit, danach aber baldige Besserung. Einige Kinder haben begleitend eine nicht eitrige Bindehautentzündung, so dass Adeno-Viren als Erreger denkbar sind. Bedingt durch die Ferien hoffen wir mit allen Kindern und Eltern, dass nach Ostern die Infektwelle ganz weg ist.

Streptkokkeninfektionen und Scharlach traten vereinzelt auf.

Aber die Allergien sind bereits seit 10 Tagen in wechselnden Stärke wieder da. Vorwiegend Hasel- und Erlenpollen. Wenn die Temperaturen weiter klettern sollten, ist in wenigen Wochen mit dem Birkenpollenflug zu rechnen.

Weniger Leukämie nach frühen Infekten

Die Infekte gehen im Moment spürbar zurück. So lässt es sich entspannt darüber sprechen. Denn dieser Beitrag will mal wieder zeigen, wie wichtig Infekte sind. Und wie günstig sie sind um langfristig schlimmen Erkrankungen vorzubeugen. Obwohl sie erstmal sehr nervig sind, wenn sie auftreten.

In einer Veröffentlichung im renommierten Lancet Oncology haben Forscher um JN Lin aus Taiwan eine Gruppe von 3 Millionen Kinder untersucht. Dabei konnten sie zwei Untergruppen bilden: jeweils ca. 280.000 Kinder, die eine Infektion mit Enteroviren durchgemacht hatten und solche, die nie an einer solchen Infektion erkrankt waren. Die Infektionen mit Enteroviren umfassen die Herpangina oder auch die Hand-Fuß-Mund-Krankheit, vor der heute so viele Menschen Angst haben. Was eigentlich nicht berechtigt ist.

Die Forscher fanden heraus, dass bei den Kindern nach Erkrankung mit Enteroviren das Risiko für eine Leukämie bei 3,26 auf 100.000 Personenjahre lag, während es bei den gesunden Kindern mit 5,84 deutlich höher lag. Gerade die durchgemachte Herpangina und die Hand-Fuß-Mund-Krankheit trugen zum geringeren Risiko für die Leukämie besonders bei.

Eine Infektionskrankheit an sich mag unangenehm sein. In extrem seltenen Fällen auch mal gefährlich. Aber es gibt viele Belege, dass Infektionen dem kindlichen Immunsystem günstige Impulse geben. Es besteht also kein Grund sich bei Infekten zu grämen. Oder um es mit Kurt Tucholsky zu sagen: Das Ärgerliche am Ärger ist, dass man sich schadet, ohne anderen zu nützen.

Pneumokokkenimpfung

Seit nunmehr 10 Jahren ist in Deutschland die Pneumokokkenimpfung für Säuglinge eingeführt. In anderen Ländern wurde ähnlich verfahren. Inzwischen haben wir weitere Informationen über den Nutzen dieser Impfung.

Was sind Pneumokokken?

Pneumokokken sind aus zwei Kugeln (Diplokokken) bestehende grampositive Bakterien (siehe Bild rechts in rot). Sie können schwere Infektionen auslösen, die gerade auch gesunde reife Säuglinge betreffen. Neben schweren Lungenentzündungen (Pneumonien), können sie zur Blutvergiftung (Sepsis) führen. Sie sind aber auch für viele Mittelohrentzündungen verantwortlich. Weltweit sterben noch heute fast 1 Million Kinder unter 5 Jahren an den Folgen dieser bakteriellen Erkrankung.

Impfung

Es gibt 90 verschiedene Pneumokokkenarten (Serotypen), weswegen die Herstellung eines Impfstoffes so schwierig war. Mit dem ersten Impfstoff in 2006 wurden 7 Serotypen erfasst, seit einigen Jahren haben wir nun einen 13-valenten konjugierten Impfstoff. Daneben gibt es einen älteren Impfstoff der zwar 23 Serotypen umfasst, aber aus technischen Gründen bei Weitem nicht die Wirkung des sog. konjugierten Impfstoffes hat, den wir bei Säuglingen heute verwenden. Die Impfung wird in aller Regel gut vertragen, schmerzt Säuglinge jedoch bei der Anwendung

Wie ist der Impferfolg?

Ein Impferfolg kann nur gemessen werden, wenn grosse Gruppen untersucht werden. In Frankreich haben die Forscher um C. Godot das Auftreten eine Hirnhautentzündung durch diese Bakterien untersucht für die ersten 10 Jahre nach Einführung der Impfung in 2003. Aus ganz Frankreich wurden 1233 Hirnhautenzündungen gemeldet. Von diesen traten 39 Erkrankungen (3.2%) bei Kindern auf, die zumindest eine einzelne Impfung erhalten hatten. Bei 8 Kindern (0.6%) trat eine Erkrankung auf, obwohl sie vollständig geimpft waren. Die Impfung erwies sich somit als sehr wirksam gegen diesen gefährlichen Erreger.

In unserer Praxis sind die meisten Säuglinge gegen die Pneumokokken geimpft. Es trat eine einzige Erkrankung bei einem vollständig geimpften Kind (“Impfversager”) auf. Diese Erkrankung wurde rasch erfasst und das Kind hat sich vollständig davon erholt.

Bildquelle: https://www.tu-braunschweig.de/ifm/abt/msteinert/groups/pneumococcus/index.html

Was geht rum? 19. März 2016

Noch immer sind enorm viele Kinder und Jugendliche im Linzgau krank. Aber das Spektrum der Krankheiten wandelt sich langsam. So hat sich die Influenza zurückgezogen.

Neu hinzugekommen sind einzelne Fälle von Scharlach bzw. Streptokokkenangina. Und auch Erkrankungen mit Pfeiffer’schem Fieber (Mononukleose) sind wieder zu beobachten. Bei diesen Erkrankungen stehen meist deutliche Halsschmerzen und Fieber im Vordergrund.

Übers Wochenende kann mit Pollenflug (Hasel) in unserer Region gerechnet werden. Immerhin sind aber Spaziergänge bei Sonnenschein möglich ob ohne oder mit Hund. Der im Bild wurde mir kürzlich von Nico in der Praxis geschenkt als erster Bote für den Frühling.

Für die kommenden Wochen wird Sandra Höre aus gesundheitlichen Gründen nicht in der Praxis arbeiten können. Ihr befreiendes Lachen, ihr Können und ihre Agilität wird uns fehlen. Und Sie als Patienten werden vielleicht das Wartezimmer zu ersten Mal länger erleben als sie wollen. Aus diesem Grunde kann an manchen Tagen nur ein Arzt in der Praxis arbeiten – im Team sind halt alle wichtig. Wir hoffen auf Ihr Verständnis.

Flüchtlingspolitik

Die Flüchtlingspolitik beherrscht die Nachrichten seit Monaten. Oft werden die gleichen Formeln beschworen. Die Vielschichtigkeit des Themas unter Einbezug kultureller Unterschiede wird kaum beleuchtet. Das folgende Interview mit dem früheren Entwicklungshelfer Toni Stadler in der Sonntagszeitung (Zürich, Schweiz) ist anders.

Im Bild Frauen im Dogon (Mali) auf dem Weg zum Markt. 

Als Entwicklungshelfer und Diplomat haben Sie Ihr Leben der Weltverbesserung gewidmet. Sind Sie ein Gutmensch?

Wer über 20 Jahre lang in Konfliktländern gearbeitet hat, kann mit solchen Wörtern wenig anfangen.

Warum nicht?

Ich habe von der UNO, dem Roten Kreuz oder der Schweiz für meine Arbeit immer einen anständigen Lohn erhalten und dabei nicht persönlich gelitten. Nebenbei: Was am Verbessern der heutigen Welt ist anstössig?

Das Helfen stand bei Ihnen aber gar nicht im Vordergrund?

Zwar habe ich schon in meiner Studienzeit im Niger geholfen, Brunnen zu bauen, dass ich danach fast mein ganzes Berufsleben im internationalen Dienst verbracht habe, war eher Zufall. Ich wollte die problematischen Seiten der Welt besser kennen lernen, nahe dran sein, wo Politik gemacht wird. Dass ich dabei auch nicht wenigen Menschen helfen konnte: umso besser.

Heute sind Sie nicht mehr angestellt und können offen reden …

Keine Sorge, ich habe auch im Berufsleben meist offen geredet.

Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie die aktuelle Flüchtlingskrise beobachten?

Mich ärgert die Konzeptlosigkeit und dass zu oft mit Gefühlen statt mit dem Verstand agiert wird. Europa hat noch immer keine klare Vorstellung davon, wie die Migration aus Afrika und aus dem arabischen Raum begrenzt oder gestoppt werden könnte. Dabei wird das Problem in der nahen Zukunft vermutlich noch grösser werden. Der Klimawandel dürfte in zehn bis zwanzig Jahren Bevölkerungsverschiebungen produzieren, die wir uns heute noch gar nicht vorstellen können.

Umso schwieriger wird es, eine Lösung zu finden.

Wenn Menschen aus schlecht regierten und kriegsversehrten Ländern einfach in den Westen migrieren, ist das Problem jedenfalls nicht gelöst. Man wird auch davon wegkommen müssen, Kriegsvertriebene unbegrenzt bei uns aufzunehmen. Europa wird seine Aussengrenze künftig so handhaben müssen wie die USA oder Kanada. Illegale Einwanderung ist in Nordamerika strafbar. Wer bedroht ist und einwandern will, muss sich an eine Botschaft im Ausland wenden.

Die Flüchtlinge an der Aussengrenze der EU aufzuhalten, würde Leid und Elend verursachen.

Ich bin nicht aus Hartherzigkeit für eine kontrollierte Einwanderung, sondern weil es der einzige Ausweg ist, um die Situation unter Kontrolle zu bringen. Mit der Migrationswelle entziehen wir zudem den Herkunftsländern die stärksten und besten Leute, die es dort dringend bräuchte.

Ist das Leben in grossen Flüchtlingslagern zumutbar?

Ich habe selbst Vertriebenenlager in mehreren Ländern geleitet. Es ist nicht unmenschlich, in gut geführten Zeltsiedlungen das Kriegsende abzuwarten, mit Schulen für die Kinder, medizinischer Versorgung, sanitären Anlagen etc. Was es braucht, ist genügend Geld, um in der Türkei solche Lager zu unterhalten und um den Herkunftsländern der Flüchtlinge nach Friedensschluss beim Wiederaufbau und der Modernisierung zu helfen.

Die EU hat der Türkei 3 Milliarden Euro versprochen – doch Präsident Erdogan will mehr.

Die Türkei, ein Gründungsmitglied der UNO, ist verpflichtet, die Flüchtlinge und Kriegsvertriebenen aus seinen Nachbarländern aufzunehmen und für sie zu sorgen. Mit den 3 Milliarden kann sie diese Menschen anständig unterbringen und verdient damit vielleicht sogar noch Geld.

Wie das?

Flüchtlinge und Vertriebene sind für das Gastland nicht nur Ausgaben. Die Leute kaufen Essen, Kleider, mieten Wohnungen. Die Hälfte der Flüchtlinge in der Türkei wohnt in Städten und hat offenbar genügend Geld, um Mieten zu zahlen, die Mietpreise an der syrischen Grenze sind bereits stark gestiegen. Die Türkei profitiert also auch. Aber klar, was ihr fehlt, soll ihr durch die internationale Gemeinschaft einschliesslich der reichen Golfstaaten zur Verfügung gestellt werden.

Wird Europa die Courage haben, seine Aussengrenze zu schliessen und Flüchtlinge im grossen Stil zurückzuweisen?

Als ich 2008 nach zwanzig Jahren zurück nach Europa kam, fiel mir auf, dass sich viele gebildete Europäer für fast jedes Problem auf der Welt schuldig zu fühlen scheinen. Vor allem in deutschen und Schweizer Zeitungen schimmert oft eine Selbstzerknirschtheit durch, ein permanent schlechtes Gewissen über die Zustände auf der Welt, verbunden mit einer übertriebenen Herabsetzung der eigenen Lebensweise und Kultur. Wenn sich ein Flüchtling fragwürdig benimmt, versucht man ihn zu verstehen, statt ihm freundlich zu sagen, dass er sich an die Regeln unserer Gesellschaft halten muss oder aber sich ein anderes Gastland aussuchen sollte.

Sie plädieren für mehr Selbstvertrauen?

Unbedingt. Wir Europäer haben nicht nur etwas zu verteidigen, sondern dürfen ruhig auch ein wenig stolz sein auf unsere moderne Gesellschaftsordnung. Wir haben demokratische Gesellschaften, die ihre Regierungen auf gewaltlose Art demokratisch ersetzen. Kirche und Staat sind getrennt, die Gleichheit von Frau und Mann vor dem Gesetz ist fast vollständig erreicht, und es gibt in Europa wesentlich weniger Kriminelle und Arme als im grössten Teil der übrigen Welt.

Hat Ihnen Ihr langer Auslandsaufenthalt die Augen geöffnet?

In meiner Zeit im Irak hatten wir von der UNO Schulmaterial verteilt. Dabei habe ich erkannt, weshalb der Nahe Osten gesellschaftlich und politisch derart im Rückstand ist. Bildungsziel war nicht das Wissenwollen, sondern das Glaubenwollen. In den Schulbüchern fehlte nicht nur die Evolution, die Schulung des kritischen Denkens, eine Kultur der Neugierde und des Fragens, sondern die Bücher stellten dazu noch die ganze nicht islamische Welt als dekadent dar, mit Alkohol, mit Rauschgiften, mit Frauen, die halbnackt herumliefen und wo niemand den Armen helfe. Die Schulkinder von damals im Irak sind die Migranten von heute. Es liegt an uns, ihnen ein realistischeres Bild des heutigen Europa zu vermitteln.

Was kann der Einzelne tun?

Selbstbewusst von gleich zu gleich auftreten, ob als Geschäftsreisender, als Tourist oder als Flüchtlingsbetreuer. Andere Kulturen und Religionen an deren Einhaltung der Menschenrechte messen. Es gibt noch immer zu viele Europäer, die bei einer fremden Kultur oder Religion unkritisch in Achtungsstellung gehen. Selbst vor Kulturen, wie etwa dem äthiopischen Hirtenstamm der Mursi, wo neunjährigen Mädchen Lehmteller in die Lippen gebaut werden. Statt dass sie sagen würden: Was ihr da tut, ist Kindesmissbrauch, passt eure Kultur doch bitte den Menschenrechten an.

Es heisst, dass auch Europa schuld sei an den Zuständen im Nahen Osten, weil wir die Grenzen dort künstlich gezogen haben.

Wer dies als Grund für die Probleme des Nahen Ostens aufführt, sollte sich einmal die Grenzen der Schweizer Kantone ansehen – auch sie schneiden durch Religionen oder Sprachen hindurch. Fast alle Nationen auf der Arabischen Halbinsel wurden in die Unabhängigkeit entlassen, bevor ich geboren wurde. Sie hätten fast 70 Jahre Zeit gehabt, sich mit Verfassungen basierend auf den UNO-Menschenrechten der Moderne anzupassen. Das geschah nicht. Deshalb sind Hunderttausende junger Männer heute beim Militär oder auf der Flucht nach Europa. Und deshalb produzieren Apple oder Airbus in China und nicht in Kairo, Damaskus, Bagdad oder Teheran.

War man zu lange zu nett mit diesen Ländern?

Mit den Eliten problematischer Länder, ob im Nahen Osten oder in Afrika, muss Klartext gesprochen werden. Die gut gemeinte Rhetorik der Entwicklungszusammenarbeit der vergangenen Jahrzehnte hat dazu geführt, dass die Verantwortlichkeiten für viele Missstände auf der Welt verwischt worden sind.

Wer ist denn verantwortlich?

Für die stagnierenden Länder Afrikas sind in erster Linie die dortigen Regierungen verantwortlich. Und im arabischen Raum scheint mir die offenbar unlösbare Verknüpfung zwischen autoritärer Staatsmacht und autoritärem Islam der Hauptgrund für das Fehlen fast jeden Fortschritts. Die rigide Hälfte des Islam muss sich zwingend reformieren, das kritische wissenschaftliche Denken fördern und den Glauben aus den Klassenzimmern verbannen. Eine solche Reform kann nur von innen kommen. Oder dann von den liberalen Musliminnen und Muslimen aus der Diaspora.

Der Westen kann also gar nichts tun?

Doch. Das Kernproblem der Unreformierbarkeit des Islam ist Saudiarabien, es beherbergt mit Mekka und Medina die spirituellen Zentren der Religion und finanziert den Fundamentalismus weltweit. Zudem verfügt es über beste Verbindungen zu Pakistan, der islamischen Atommacht. Saudiarabiens Wirtschaft ist kleiner als die der Schweiz. Wenn man ein Land wie unseres dazu zwingen kann, das Bankgeheimnis aufzugeben, sollte es eigentlich auch möglich sein, Saudiarabien dazu zu bringen, die Menschenrechte vollständig einzuhalten.

Schwierig ist es, mit Entwicklungshilfe Einfluss zu nehmen. Über 1000 Milliarden Franken hat der Westen in den letzten 50 Jahren allein in Afrika ausgegeben, die Bilanz ist desaströs. 

Mit einem grossen Teil dieses Geldes hat man während des Kalten Krieges Regimes unterstützt, die sich zum marktwirtschaftlichen Lager zählten. Doch in einem haben Sie recht: Die Resultate sind ernüchternd. Wir haben auch viele Fehler gemacht.

Welche?

Der Hauptfehler war, dass man lang geglaubt hat, mit Entwicklungshilfe allein könnten Länder wie Ruanda oder Burundi in eine Schweiz verwandelt werden. Man hat das Instrument Hilfe überschätzt. Falsch geleistete Hilfe weckt den Wunsch nach mehr, macht abhängig, führt zu verzerrten Staatsbudgets. Wer die Arbeit tut, für welche eigentlich die Regierung zuständig sein sollte, trägt dazu bei, dass die herrschende Elite bequem und selbstzufrieden wird.

Was muss sich ändern?

Vielleicht sollte nach 50 Jahren Entwicklungshilfe nicht mehr direkt im Feld gearbeitet werden. Man könnte sich darauf konzentrieren, dass Länder mit tiefem Pro-Kopf-Einkommen und grossen sozialen Spannungen als Gesamtsystem besser funktionieren.

Wie kann man das erreichen?

Ein Entwicklungsland braucht in erster Linie eine Volkswirtschaft, die ihre Bevölkerung ernährt und etwas produziert, das in Nachbarländern oder auf dem Weltmarkt verkauft werden kann. Es muss keine perfekte Basisdemokratie besitzen, aber ein zuverlässiges System, welches alle vier Jahre korrupte und unfähige Staatschefs unblutig auswechseln kann. Geografisch oder anderweitig benachteiligte Länder sollten in Zukunft wohl von einer Art Finanzausgleich profitieren können. Wenn dazu noch alle Bürger ein Recht auf Eigentum bekämen und die Gesetze einigermassen korrekt angewendet würden, dann könnten sich Länder auch selber entwickeln.

Gibt es positive Beispiele?

Ob Singapur, Thailand, Taiwan, China oder Indien: Diese Staaten haben weitgehend aus eigener Kraft den Aufschwung geschafft, weil ihre Elite ein klares Ziel hatte und dieses rational verfolgte.

Sie sind ein Profi. Störte es Sie, wenn in Flüchtlingslagern private NGO und Helfer auftauchten, die eher mit dem Herz als dem Verstand agierten?

UNO und Deza bestehen nicht aus herzlosen Menschen. Aber die meisten Entwicklungsfachleute grenzen sich ab vom allzu enthusiastischen Teil der Helferwelt. Letztlich zählt nicht das Motiv der Hilfe, sondern das Resultat. Und das wird mit klarem Verstand eher erreicht als mit dem Gefühl.

Warum?

Manchmal führt einen das Gefühl in die Irre. Wer in einem Flüchtlingslager zu grosszügig Nahrung und Unterstützung verteilt, bringt arme Leute aus der Nachbarschaft dazu, aus ihren Dörfern ins Flüchtlingslager umzuziehen. Das Gleiche gilt auch für die Migranten in Europa: Werden sie zu grosszügig unterstützt, zieht das Menschen mit falscher Motivation ins Land. Wir dürfen nicht vergessen, dass die meisten Flüchtlinge und Kriegsvertriebenen aus Gesellschaften kommen, wo härtere Regeln herrschen als bei uns.

Spenden Sie persönlich Geld für die Entwicklungshilfe?

Selten.

Warum nicht?

Weil ich Steuern zahle und will, dass ein Teil meines Geldes von der Schweiz für eine professionelle internationale Zusammenarbeit eingesetzt wird.

Bericht von der GPP in Dresden

Alle Jahre findet der Kongress der Gesellschaft für Pädiatrische Pneumologie (GPP) statt. In diesem Jahr trafen sich die Spezialisten für Lungenerkrankungen im Kindesalter in Dresden (im Bild rechts das Logo des Kongresses), um sich über die neuesten Erkenntnisse auszutauschen.

Ein Schwerpunkt waren die seltenen Lungenerkrankungen. Kinder mit solchen Krankheiten behandeln auch wir in der Praxis. Auch wenn ein Vortrag sich nur mit der Erkrankung eines Patienten befasst, so ist er dennoch sehr wichtig für den Kinderpneumologen. Wenn man die komplexen Ursachen näher kennenlernt, verbessert das auch das Verständnis von Beschwerden dieser Kinder. Nebenbei gelingt es bei einem solchen Kongress, “den” Experten einmal direkt befragen zu können – das bringt fast immer mehr als am Telefon. Technik ersetzt nicht menschlichen Kontakt. Wie beruhigend.

Ganz allgemeine Themen waren auch angesagt. So ein Symposium zum Husten. Ärzte stellten verschiedene Aspekte des Hustens dar. Gerade für Kinder- und Jugendärzte, die mindestens 50 unterschiedlich hustende Kinder jeden Tag sehen, war diese Reflexion des eignen Handelns nochmal interessant.

Noch spannender waren die Vorträge zu den Lungenfunktionen. Nach Jahrzehnten wurden durch die Global Lung Initiative (GLI) erstmals Normwerte erarbeitet, die alle Menschen von 3- 95 Jahren erfasst und – bis auf die afrikanischen Kinder – auch die verschiedenen Ethnien. Das macht die Bewertung für Lungenfunktionen gerade im Kindesalter exakter besonders am Übergang ins Erwachsenenalter.

Gab es Neues für Sie als Eltern?

Bis Mitte des Jahres soll das Neugeborenen-Screening auf Mukoviszidose eingeführt werden. Dann werden die meisten Kinder mit dieser Erkrankung bereits in den ersten Lebenstagen entdeckt, bevor Symptome auftreten. Viele Studien belegen wie wichtig das ist: eine möglichst frühe Therapie verbessert die langfristige Prognose erheblich.

Daneben gibt es neue Medikamente, die bei einigen Formen der Mukoviszidose zu spürbaren Verbesserungen führen. Die Innovationen gerade auf diesem Gebiet

Was geht rum? 12. März 2016

Die schlimmen Grippeerkrankungen gehen weiter langsam zurück. Somit setzt sich auch diese Woche der Trend fort, dass die “normalen” Atemwegsinfekte (Pharyngitis) wieder häufiger werden und mit ihnen auch die Mittelohr- und Lungenentzündungen (Bronchopneumonie).

Magen-Darm-Erkrankungen sind selten. Erbrechen weist im Moment eher auf eine Schmerzreaktion hin (z.B. bei Mittelohrentzündung).

Kinderkrankheiten traten in der vergangenen Woche keine auf.

Masernimpfung und Infektanfälligkeit

Eine Arbeit, die im letzten Jahr im exzellenten Journal Science erschienen ist hat bislang zu wenig Echo in Deutschland geführt.

Michael Mina und Kollegen aus Atlanta, Princeton und Rotterdam haben die Infektanfälligkeit von Kindern nach einer Masernimpfung und solchen untersucht, die eine Masernerkrankung durchgemacht hatten. Dabei konnten sie nochmals bestätigen, dass die Masernimpfung hochwirksam ist und vor dieser schrecklichen Erkrankung schützt. Immerhin verstarben im Jahre 2014 noch 114.900 Kinder weltweit an Masern. Das sind alle Einwohner von Ravensburg, Friedrichshafen und Pfullendorf zusammen!

Die Forscher fanden heraus, dass es durch Masern zu einem Abfall an B- und T-Lymphozyten kommt. Diese Zellen stellen unter anderen Faktoren das immunologische Gedächtnis dar. Die Masernerkrankung führt zum Untergang vieler dieser Gedächtniszellen. Infolge dessen führ diese Kinderkrankheit zu einer Schädigung immunologisch kompetenter Zellen. Die Kinder sind in der Folge anfälliger für den Erwerb anderer Erkrankungen. Das ist nicht nur für wenige Monate so, sondern für 2 – 3 Jahre. Ein ähnliches Phänomen einer vorübergehenden Schädigung des Immunsystems kennt man auch nach massiven körperlichen Belastungen wie etwa nach dem Marathonlauf. Hierbei dauert der Prozess aber nur 2 – 3 Wochen.

Die landläufige Annahme, dass eine „natürliche“ Maserninfektion die Abwehrkräfte stärken würde, kann also nicht aufrecht erhalten werden. Ganz im Gegenteil. Es lies sich beweisen, dass die Sterblichkeit an Infektionen aller Art für geimpfte Kinder nachweislich niedriger war also für jene, die die Masern durchgemacht hatten.