Archiv für den Monat: Oktober 2016

“Darf ich?”

“Darf ich”, fragte mein Opa vor 55 Jahren, als er im Auto auf dem Beifahrersitz Platz nahm. Natürlich. Selbstverständlich, riefen unsere Eltern und wir Kinder, während mein Opa bereits den Stumpen anzündete und sich die acht Personen im Auto kuschelig zusammendrängten.

Ich selbst sass zwischen Beifahrer und Fahrer, also zwischen Vater und Großvater. Natürlich unangeschnallt, Gurte gab es noch nicht, auch keine Kopfstützen (siehe Photo aus Paris, vermutlich aus dem Jahr 1964). Alle waren wir frohen Mutes und schaukelten mit dem Auto über die damals schmalen Straßen mit vielen rechtwinkligen Kurven. Nach 10 Minuten war meist die erste Pause angesagt: Erbrechen in den Straßengraben. Bei längeren Fahrten kam das noch öfter vor. Wir Kinder stellten uns nebeneinander und die Erwachsenen trösteten uns etwas. Bis alle Kinder wenigsten 2 Mal sich entleert hatten und die Fahrt mit bleichen Gesichtern bis zum Ziel fortgesetzt werden konnte.

Autofahren war gefährlich damals. Vor 60 Jahren kamen bei Verkehrsunfällen 13427 (nur Deutschland West) ums Leben, im Jahre 2015 waren es 3475 (für Deutschland West und Ost). Also 10.000 Tote weniger pro Jahr bei deutlich grösserem Straßenverkehr. Das war durchaus bekannt.

Aber: “German Angst” gab es noch nicht. Die gibt es erst, seit die Gefahren bekannt und gut aufgearbeitet sind. Und es uns so gut geht, dass wir – wenn wir schon sonst wenige Probleme haben – wenigstens Angst haben wollen. Man weiß ja nie. Nein, mein weiß wirklich nie. Und Vorsorge ist wirklich sehr gut. Aber Angst ist schrecklich und kein guter Berater. Sie nimmt die Lebensfreude. Und vielleicht noch schlimmer – Angst pflanzt sich in den Köpfen der Kinder ein, denen dann auch die Lebensfreude und so wichtige Glaube an morgen  hinwegschwimmt.

Was geht rum? 29. Oktober 2016

Nun kommen endlich die Herbstferien. Zeit zum Entspannen für die Kinder und Jugendlichen. Auch eine gute Zeit für die Familie. Wenn uns das Wetter oft nötigt im Haus zu bleiben, kommt die Zeit für gemeinsame Spiele, Basteln oder zum Lesen an dunklenAbenden.

Die Infektionen mögen es ebenfalls, wenn wir kuschelig zusammen sind. Husten und Schnupfen nehmen zu. Wir sollten also nicht vergessen auch längere Spaziergänge zu unternehmen. Das tut dem Immunsystem ebenso gut wie der Seele.

Bislang halten sich die Infektion noch in Grenzen. Neben jahreszeitlich üblichen Erkrankungen der oberen Atemwege sind auch Magen-Darm-Infekte noch häufig. Auch Hand-Fuß-Mund-Krankheiten treten noch vereinzelt auf.

 

Verordnung von Antibiotika

Antibiotika? Sie beschwören regelmässig viel Emotionen herauf. Die Kranken verlangen sie dringend, die Gesunden schimpfen oft mit großen Worten. Tatsache ist, dass wir in Deutschland weltweit eher wenig, aber wissenschaftlich gesehen noch immer zu viel Antibiotika verordnen. Und: Der Trend geht zu Breitbandantibotika. Also solchen, die viele Bakterien erfassen, aber bei den allermeisten Infektionen im ambulanten Bereich nicht erforderlich sind.

Darauf macht eine Untersuchung vom Juli 2016 von Jörg Bätzing-Feigenbaum und Kollegen aus Berlin und Freiburg nochmals aufmerksam. Nach deren Ergebnissen stieg in den Jahren 2008 bis 2014 der Anteil an verordneten Cephalosporinen jährlich um 7.6%, wodurch das Risiko für Fehlbesiedlungen im Darm durch sog. Clostridium difficile deutlich ansteigt.

Eine erfreulich Nachricht hatten sie auch. Die Zahl der verwendeten Antibiotika bei unter 15-Jährigen hat im beobachteten Zeitraum spürbar abgenommen (siehe Abbildung: die blaue Kurve zeigt der Verbrauch in dieser Altersgruppe).

Zum Wohle der Patienten ist eine weiterhin sparsame, aber ausreichende Anwendung dieser wunderbaren Medikamente wichtig. Dazu bedarf es einer vertrauensvollen Zusammenarbeit von Patienten – die ihrem Arzt vertrauen wollen und können – und Ärzten – die gut informiert sind und den Patienten mit in ihre Entscheidungen einbeziehen. Was unbedingt vermieden werden sollte ist der Antibiotikaeinsatz bei 40° Fieber (das tritt ebenso bei Virusinfektionen auf, wo Antibiotika sogar schaden können) und aus “Sicherheitsgründen” (“lieber mal alles abdecken”), was unsinnig und auf lange Sicht gefährlich ist.

Wissen auf Seiten des Arztes, Vertrauen auf Seiten des Patienten und der Wille auf Augenhöhe zusammenzuarbeiten – das ist nicht nur die Basis für einen sinnvollen Einsatz / Nichteinsatz von Antibiotika.

Bildquelle: Dt. Ärzteblatt, J. Bätzing-Feigenbaum et al., 2016

Krupphusten

Ein Problem der Herbstmonate ist der Krupphusten oder auch Infektkrupp genannt. Die Mediziner verwenden die etwas kompliziert klingende Diagnose akute stenosierende Laryngotracheitis.

Der Infektkrupp tritt in aller Regel im Rahmen unspezifischer viraler Infekte auf. Während die meisten Kinder bei Virusinfekten etwas Halsweh oder Schnupfen bekommen, beginnt der Krupphusten meist schlagartig und häufig in den frühen Nachtstunden mit einem typisch bellenden Husten, der für viele schmerzhaft ist, so dass sie daran erwachen und häufig weinen. Dabei sind sie in der Regel heiser. Durch die Erregung kommt es auch häufig zu einer ziehenden Atmung (medizinisch: inspiratorischer Stridor), die in sehr seltenen Fällen zur Atemnot führen kann.

Der Krupp, wie er oft vereinfachend aber fälschlicherweise (Krupp bezieht sich ursprünglich auf einen gleichartigen Husten im Rahmen der Diphtherie) genannt wird, tritt gerne unverhofft auf. Das Kind und seine Eltern werden also durch den sehr trocken-bellenden Husten überrascht. Meist sind Kinder im Alter von 1 – 6 Jahren betroffen, vereinzelt kann der Krupp auch noch bis zur Pubertät auftreten.

Was können Eltern machen?

Wie immer ist es wichtig, wenn Kinder die Zuversicht ihrer Eltern spüren – Trost, in den Arm nehmen. Die Gabe von Ibuprofen (z.B. Nurofen©) oder Paracetamol (z.B. ben-u-ron©) nimmt den vermuteten Schmerz. Feuchte Luft wirkt sich ebenfalls günstig aus, wenngleich neuere Untersuchungen das etwas infrage stellen: Kind warm einpacken und ans offene Fenster treten (auch im Winter) oder ins Bad auf eine kuschelige Decke sitzen und einen Dampf erzeugen (Brause kräftig aufdrehen). Dabei mit dem Kind Bücher anschauen, etwas zu trinken geben und so eine gelassene Atmosphäre erzeugen.

In seltenen Notfällen sind weitere Medikamente (z.B. Cortison-Saft oder Cortison-Zäpfchen, manchmal auch Inhalationen) erforderlich. Wenn Sie merken, dass die oben beschriebenen Maßnahmen keine Besserung erbringen, sollten Sie einen Kinderarzt oder die Kinderklinik noch in der gleichen Nacht kontaktieren.

 

Bildquelle: medicalnewstoday.com

Was geht rum? 22. Oktober 2016

Herbst. Die Blätter fallen von den Bäumen. Und der Grünspecht schaut nochmal im Garten vorbei, um im Boden seine Leckereien zu genießen.

Die vergangene Woche war weiterhin von Infektionen der Atemwege gekennzeichnet. Die Infekte waren häufig begleitet von Erbrechen und Durchfall.

Neue Fälle von Kinderkrankheiten waren nicht zu beobachten.

Impfung gegen FSME – “Zeckenimpfung”

Ein Dauerthema in den Sommermonaten ist die Impfung gegen Zecken. Das war besonders in diesem Jahr spürbar, in dem die Zecken sehr angriffslustig waren.

Die Zecke selbst ist hässlich. Viel hässlicher aber sind die beiden Erkrankungen, die sie übertragen kann (siehe dazu auch frühere Beiträge im praxisblättle):

  1. FSME: durch Viren übertragen, und damit im Erkrankungsfall nicht mit Medikamenten ursächlich behandelbar. Mit zunehmendem Alter besteht ein ansteigendes Risiko für eine Meningoencephalitis (vereinfacht oft “Hirnhautenzündung” genannt).
  2. Borreliose: sie ist etwa 500 Mal häufiger, auch mit dem Risiko für eine Hirnhautentzündung verbunden, aber: sie ist mit Antibiotika behandelbar, sofern ihr ersten Auzeichen rechtzeitig erkannt werden. Die Behandlung der Komplikationen sind oft schwierig und nur teilweise erfolgreich. Eine Impfung gibt es nicht.

Dass die Impfung gegen FSME für Erwachsene medizinisch gut begründet ist, ist unter Fachleuten unbestritten.

Schwieriger wird die Informationslage bei Kindern. Für das Land Baden-Württemberg wird die Impfung ab dem ersten Geburtstag empfohlen. Schaut man sich die Datenlage hierzu an, wird die Begründung aber immer fragwürdiger. Da macht es Sinn, sich mal in unserem Nachbarland umzusehen. Zecken kennen ja keine Grenzen und so dürfte das Risiko für die angrenzende Schweiz in etwa unserem vergleichbar sein. Auf der Karte des Bundesamtes für Gesundheit der Schweiz von 2015 (siehe Abbildung rechts) zeigt sich, dass das Endemiegebiet der Schweiz direkt an das von Baden-Württemberg angrenzt. Die roten Flecken hören an der Grenze zu Deutschland auf und sind dann auf der deutschen Karte dargestellt.

Prof. Dr. Christoph Berger von der Universitäts-Kinderklinik in Zürich hat sich in einer Arbeit 2011 mit dieser Frage auseinandergesetzt. In den gezeigten Endemiegebieten sind etwa 1% aller Zecken Träger des FSME-Virus. Nach einer Inkubationszeit von 1-2 Wochen treten bei geschätzt 10-30% der infizierten Personen grippeartige Beschwerden auf: Kopfschmerz, Müdigkeit, Gliederschmerz, ggf. Fieber. Nach kurzer Beschwerdefreiheit kann danach die Erkrankung der Hirnhaut (Meningitis; M) oder der Hirnhaut und des Gehirns (Meningencephalitis; ME) folgen. Die schweren Verläufe gibt es fast ausschließlich bei Erwachsenen.

Im Rahmen der sehr seltenen neurologischen Folgeerkrankungen der Kinder, tritt in 70-80% eine Virus-Meningitis auf, die jedoch folgenlos abheilt. Die schwerwiegendere ME, die mit Krämpfen und Lähmung einhergeht ist seltener. Auch diese heilt bei Kindern fast immer folgenlos ab, so dass Todesfälle bei Kindern kaum beschrieben sind. Bleibende Lähmungen nach dieser schweren Komplikation treten bei Kindern nur in 0.5% aller Betroffenen auf.

In der Schweiz werden pro Jahr etwa 2 FSME-Erkrankungen bei Kindern unter 5 Jahren gemeldet. Diese und andere Fakten führen dazu, dass in der Schweiz die Impfung allen Kindern ab 6 Jahren empfohlen wird.

Dieses Vorgehen möchten wir auch allen Eltern in unserer Region empfehlen, weil es wissenschaftlich gut begründet ist. Sollten Eltern jedoch eine frühere Impfung gemäß den Regelungen in Baden-Württemberg wünschen, versperren wir uns natürlich nicht. Nur muss dann auch klar sein, dass das Vertrauensverhältnis Kind-Arzt in einer sehr sensiblen Lebensphase zusätzlich belastet wird. Das kann sich im Einzelfall negativ auswirken, wenn dadurch die Untersuchung bei schweren Krankheitsbildern durch das fehlende Vertrauen des Kleinkindes erschwert wird.

Bildquelle: Beobachter, nach Bundesamt für Gesundheit der Schweiz 2015

Projekt Lungenfunktion: Dr. Wolff in Madagaskar:

Heute Nachmittag reist Dr. Wolff erneut nach Madagaskar, um dort das Projekt einer Abteilung für Kinderpneumologie an der Universitätskinderklinik in Antananarivo – der Hauptstadt – weiter zu voranzubringen.

Vor fast zwei Jahren war Felana Andry Harisoamananana (im Bild links mit unserer Mitarbeiterin Sandra Höre) bei uns in Pfullendorf und hat die Technik der Ableitung von Lungenfunktionen kennengelernt. Im Februar 2015 wurde dann der Bodyplethysmograph mit großem Erfolg in Antananarivo installiert. Nun geht es darum, die weitere Einbindung dieser Untersuchung in den ärztlichen Alltag auf den Weg zu bringen und einige technische Fragen zu klären.

Dafür werde ich für 2 Wochen dorthin reisen. In meiner Abwesenheit vertreten mich Dr. Niethammer und Frau Dr. Helga Wagner.

Was geht rum? 15. Oktober 2016

In dieser Woche hat sich das fortgesetzt, was vor zwei Wochen begann: die Racheninfekte, die vorwiegend Jugendliche betreffen und sie für 2-3 Tage zum Hinlegen nötigen. Selten kommen Mittelohrentzündungen hinzu.

Daneben traten auch einzelne Erkrankungen an Streptokokken auf. Diese verliefen alle ohne Ausschlag, ein Scharlach war also nicht dabei. Der Keuchhusten scheint vertrieben zu sein, weiterhin keine Neuerkrankungen.

Amerika von Masern befreit !

Eine erfreuliche Nachricht der WHO: Amerika ist für masernfrei erklärt worden. Das gilt für alle Staaten des amerikanischen Kontinents von Canada bis zur Südspitze in Chile.

Der Prozess begann 1980. Damals starben weltweit 2.6 Millionen Menschen an Masern, und selbst auf dem amerikanischen Kontinent starben in den 10 Jahren zuvor noch 101.800 Menschen. Durch politisch unterstützte Impfstrategien konnte erreicht werden, dass die letzte endemische Masernerkrankung 2002 in Venezuela auftrat. Seither wurden 5077 Masernfälle registriert – aber alle waren importiert von Menschen, die sich außerhalb Amerikas angesteckt hatten.

Davon sind wir in Deutschland noch weit entfernt. Bei uns traten im letzten Jahr noch 2465 Neuerkrankungen auf.

Politischer Wille kann etwas bewirken und Menschen vor einer schlimmen Krankheit retten. Das ist eine überraschend gute Nachricht in den unruhigen Zeiten, die wir gerade erleben.

Praxisausflug

Heute nachmittag findet unser jährlicher Praxisausflug statt. Die Praxis bleibt also ab 12:00 Uhr geschlossen.

Die Vertretung hat Dr. M. Steiner in Bad Saulgau, Tel.  07581 5370490

Wir danken für Ihr Verständnis und sind morgen wieder für Sie da.