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Choosing wisely – Klug entscheiden

“Ich lass das lieber mal untersuchen, kann ja nicht schaden”. Stimmt das? Nein, eine Untersuchung kann sehr wohl schaden. Zumindest kann sie öfter zu nichts nutzen. Schon vor über 30 Jahren wurde mir als angehendem Arzt an der Universität in Zürich nahegelegt, jede Maßnahme an einem Patienten genau zu überdenken: ”Was ändert sich für den Patienten, wenn Du ein Röntgen-Bild machst?” Wird dann die Therapie eine andere sein? Wenn nein, dann sollte der Patient keine unnötige Strahlenbelastung bekommen.

Wie die nebenstehende Graphik zeigt, sind Ärzte und Patienten unterschiedlicher Meinung, ob zu viel oder zu wenig untersucht wurde. Meistens werden umfangreiche Untersuchungen als enorme Zuwendung und somit positiv empfunden. Ärzte hingegen kennen die Fallstricke von medizinischen Tests und beurteilen sie deutlich zurückhaltender.

Heute hat diese Einstellung in der Medizin einen neuen Namen: Choosing wisley. Wie so oft kommt die Bewegung aus den USA, wo sie 2011 von Howard Brody in Gang gesetzt wurde. Er forderte die Ärzte in einer Veröffentlichung auf, das Wohl der Patienten an die erste Stelle zu setzen.

Viele Fachgesellschaften haben die Prinzipien von Chossing wisely inzwischen übernommen. Es wird Ärzten Mut gemacht, manchmal Dinge zu unterlassen, die dem Patienten unnötig belasten oder gar schaden könnten. Dabei sollten Patienten in die Entscheidung mit eingebunden werden. Das ist besonders wichtig, haben sie doch oft das Gefühl, dass viele und große Untersuchungen für die günstig seien. Erst eine genaue Abwägung im Dialog mit den Patienten kann den Weg finden, der für den Patienten im Einzelfall der richtige ist.

Die Aufgabe – weniger ist manchmal mehr – ist also keine leichte. Sie basiert auf einem vertrauensvollen Verhältnis von Patient und Arzt.

 

Bildnachweis: https://www.bertelsmann-stiftung.de/fileadmin/files/BSt/Publikationen/GrauePublikationen/VV_SpotGes_ChoosingWisely_dt_final_web.pdf

Was geht rum? 14. Oktober 2017

In der letzten Woche hat sich nicht viel geändert bei den Infektionen, die die Kinder und Jugendlichen erdulden mussten. Weiterhin treten vorwiegend Infektionen der Atemwege auf. Darunter auch einige Erkrankungen mit Infektkrupp wie Herr Supper berichtete, der mich in der letzten Woche freundlicherweise in der Praxis vertrreten hat.

Seit Wochen wird die Impfung gegen Influenza (Grippeimpfung) in diversen Medien beworben. Die Impfstoffe liegen uns bereits vor, eine Impfung lohnt im Moment aber noch nicht. Die Grippesaison beginnt in Mitteleuropa frühestens im Dezember und reicht bis zum März. Um einen optimalen Schutz zu haben, sollte im Laufe des November geimpft werden.  Wie immer haben wir für Sie Impfstoffe besorgt. Bitte lassen Sie einen Impfstoff für sich oder die Kinder zurücklegen, indem Sie unserer Mitarbeiterin Michaela Müller an der Rezeption Bescheid geben. Dann werden wir den Impfstoff zurückhalten, auch wenn die Nachfrage – aus welchen Gründen auch immer – plötzlich ganz hoch sein sollte.

Was geht rum in der Welt? Für alle Fernreisenden ist momentan sich die Influenza (Grippe) das höchste Risiko. Angesteckt kann man im Flugzeug werden, treten aber auch in Menschenansammlungen (Fußballstadien, Einkaufszentren, Märkte u.a.) betroffener Länder. In Frankreich traten im Département Var lokal Erkrankungen an Chikungunya auf. Weitere Informationen zu dieser Erkrankung finden Sie im praxisblättle vom Dezember 2015.

Ist Schreien bei Babys normal?

Viele Eltern sind – gerade beim ersten Kind – in den ersten Lebenswochen verwirrt, weil ihr Baby immer wieder schreit. Sie versuchen alles, um ihr Kind zufrieden zu machen. Aber es schreit trotzdem. Warum? Verzweifelt versuchen sie weiter, dem neuen Erdenbürger alle Wünsche zu erfüllen. Aber das Kind ist undankbar. Es schreit trotzdem.

Wissenschaftler beschäftigen sich mit diesem belastenden Thema seit Jahrzehnten, nennen es erstmal “Blähungen”, später “Dreimonatskoliken” und heutzutage “Regulationsstörungen“.

Etwas Licht bringt eine Meta-Analyse von Prof. Dr. Dieter Wolke und Mitarbeitern von der Universität Warwick in Conventry (Großbritannien) in das Thema. Sie verglichen Studien aus verschiedenen Ländern miteinander und fanden, dass die tägliche Schreidauer von Kindern in den ersten sechs Wochen bei etwa 120 Minuten liegt. Danach nimmt sie schrittweise ab. Im 4. Lebensmonat ist anhaltendes Schreien nur noch bei 0.3% der Kinder zu beobachten. Dänische und deutsche Kinder schreien laut dieser Studie übrigens deutlich weniger als solche in Canada.

Dass Babys schreien, scheint also ein weltweites Problem zu sein. In vielen Kulturen Afrikas, wo die Kinder noch häufig 24/24 Stunden bei den Müttern sind, ist dies seltener der Fall als bei uns. In unseren Kulturen wird auf die Autonomie des Kindes Wert gelegt. Diese ist jedoch in den ersten Monaten nur begrenzt und das Kind braucht immer wieder Hilfe von außen, um sich zu regulieren. Die Hilfe sollte aber beruhigend sein. Gerade sehr aufmerksame Kinder – “sensention seekers” – reagieren zunächst auch günstig auf erregende Reize (Schaukeln, Autofahren, Schlüssel-Rasseln). Bald jedoch steigern diese das Erregungsniveau noch mehr, so dass die Einschlafschwierigkeiten noch deutlicher werden.

Ein Rezept, das für alle Kinder günstig wäre, ist nicht gefunden. Sicher ist, dass Neugeborene viel Nähe brauchen. Eltern sind da, spürbar. Das bedeutet aber nicht, dass sie ihr hilfloses Kind mit Küssen überschütten und auf jede kleine Bewegung mit irgendetwas regieren sollten. Einfach da sein ist wichtig. Diese starke Nähe ist für Eltern und Babys wunderbar. Aber bereits in diesen ersten Lebenswochen beginnt eine zarte Ablösung. Es zeigt sich der Charakter der Babys, der respektiert werden sollte. Das bedeutet manchmal, dass Eltern ihrem Kind auch eine gewisse Selbständigkeit zutrauen dürfen. Es für Momente liegen lassen, wenn das Kind mit den Blicken seine Umgebung beobachtet nicht ansprechen. Der Anfang der Autarkie.

Die Ablösung des Kindes von seinen Eltern beginnt sehr zart schon in den ersten Lebenswochen. Diese Veränderungen und Bedürfnisse des Kindes gilt es zu erspüren und zu respektieren.

Praxis: Urlaub Dr. Wolff – Herr Supper vertritt

In dieser Woche ist Dr. Peter Wolff in Urlaub. In dieser Zeit vertritt ihn der Kinder- und Jugendarzt Sven Supper (rechts im Bild)  in der Praxis. Manche kennen ihn bereits von einem Besuch in Pfullendorf im letzten Jahr. Herr Supper ist ein sehr erfahrener Kinder- und Jugendarzt, der seit Jahren als Oberarzt in einer Kinderklinik im Rheinland tätig ist.

Unterstützt wird er von unserem Praxisteam um Sandra Höre, Sevtap Senol und Lisa Steurer.

Sie können sich in allen Belangen an die Praxis wenden, auch wenn es um sich um chronische Probleme oder Langfristrezepte (Ergotherapie, Physiotherapie) handelt. Die Praxis ist zu den üblichen Zeiten erreichbar.

 

Was geht rum? 07. Oktober 2017

Mit Fortdauer des Herbstes nehmen die Infektionen der Atemwege weiter zu. In der letzten Woche waren es spürbar weniger Erkrankungen an Infektkrupp, aber mehr Mittelohrentzündungen als in der Woche zuvor. Auch die Erkrankungen mit Lungenentzündung (Bronchopneumonie) nehmen zu.

Von Asthma betroffene Kinder und Jugendliche bekommen Probleme. Die nächtliche Kälte zwingt die Menschen die Öfen anzustellen. Über die Kamine steigt der Gehalt an Abgasen in der Umwelt, was in den kommenden Wochen weitere Infekte begünstigen dürfte. Dennoch: die bessere Luft ist immer draußen zu bekommen. Kinder sollen also durchaus auch bei “schlechtem” Wetter nicht davon abgehalten werden, vor die Türe zu treten. Und für alle Kinder und Jugendliche mit Asthma bronchiale sollten Notfallsprays (z.B. Salbutamol) zuhause vorrätig sein.

Kinderkrankheiten spielen zur Zeit keine Rolle.

Und was geht in der Welt rum? Für alle, die in die Welt reisen sind Impfungen gegen Influenza sinnvoll, da Passagiere im Flugzeug sitzen könnten, die aus Gripperegionen kommen. Wirklich schlimm ist die Lungenpest in Madagaskar, der schon über 30 Menschen erlegen sind. Diese Krankheit ist extrem gefährlich und betrifft die Ostküste (um Toamasina) sowie das Hochland um Antananarivo. Aber Madagaskar ist bei aller Schönheit der Natur bislang kein Reiseziel für Familien mit Kindern. Daran sollte man sich im Moment auch halten.

Was geht rum? 30. September 2017

Langsam nimmt die Zahl der Infekte zu. Weiterhin sind es Infekte der oberen Atemwege (Schnupfen, Husten, Krupphusten), die den Kindern und Jugendlichen im oberen Linzgau zusetzen. Daneben treten vereinzelt Magen-Darm-Infektionen auf.

Kinderkrankheiten sind seit Wochen nicht zu beobachten.

Am kommenden Montag (02. Oktober 2017)  arbeitet unsere Praxis eingleisig. Dr. Niethammer hat einen Tag Urlaub. Darüber hinaus arbeitet Dr. Wolff auch als Vertreter für die Kinderärztin Marina Hummel in Sigmaringen und Dr. Eugen Moll aus Wilhelmsdorf. Sie wissen, wir sind immer bemüht die Wartezeiten auf wenige Minuten zu beschränken. Es ist an diesem Brückentag aber möglich, dass wir dies nicht einhalten können. Bitte haben Sie dafür Verständnis.

Was geht rum in der Welt? In Griechenland tauchten 5 Fälle einer Malaria tertiana auf. Betroffen ist die Region Evrotas im Süden der Halbinsel Peloponnes. Wer dort Urlaub verbringen möchte, sollte sich mit Repellentien (z.B. Anti-Brumm©) schützen und sich wenige Tage vor Antritt der Reise nochmals über den Stand der Malariaausbreitung erkundigen. Ähnliches gilt für Reisen auf die Kapverdischen Inseln, die den stärksten Ausbruch von Malaria seit 26 Jahren erleben.

Strangulation und Aspiration durch Bernsteinketten

Auch im Oberen Linzgau spielen sie schon seit Jahren eine Rolle: die Bernsteinketten für Säuglinge. Wie Sie wissen, warnen wir vor diesen Ketten, weil sie das Risiko einer Strangulierung mit sich bringen. Dem Bernstein wird eine Wirkung gegen “Zahnen” zugeschrieben. Belege hierfür gibt es nicht.

Aus den Canada liegt inzwischen eine aktuelle Veröffentlichung von Catherine Cox und Kollegen vor, in der eine beinahe tödliche Strangulation vorgestellt wird.

Strangulationsunfälle bei Säuglingen sind erstaunlich häufig, wie eine Studie von Carrie K Shapiro-Mendoza und Kollegen vom CDC in Atlanta darlegte. Das Team untersuchte für die Jahre 1984 bis 2004 diese Todesursache. Dabei wurden 233 Strangulationsunfälle gesichert, die aus 119 Notfallkliniken der USA gemeldet wurden. Demnach lag die Zahl der Todesfälle im Jahre 1984 bei 2.8 Kindern auf 100.000 Lebendgeburten. Danach stieg sie kontinuierlich an um zuletzt bei 12.5 Todesfällen pro 100.000 Lebendgeburten zu liegen. Eine höchst erschreckende Quote, die in Deutschland kaum anders sein dürfte.

Immer wieder wird über das “Zahnen” diskutiert. Eltern in den westlichen Ländern schreiben dabei dem Bernstein eine helfende Wirkung zu, die aber nicht belegt ist. Positive Effekte konnten nicht belegt werden, wie auch ein Artikel in der New York Times darlegt.

Gemessen daran, dass ein Nutzen dieser Kette nicht belegt ist, wohl aber das Risiko, möchten wir weiter dringend davor warnen, diese potentiell tödlichen Ketten Säuglingen anzulegen.

Was geht rum? 23. September 2017

Was die Infektionen betrifft, haben wir noch einen sehr ruhigen Herbst. Wie in der letzten Woche waren Neuerkrankungen an Infektkrupp mit bellendem Husten und Behinderung bei der Einatmung (Stridor) vorherrschend.

Daneben sehen wir öfter – wie seit Wochen – eine Virus-Magen-Darm-Grippe (Gastroenteritis), die am ersten Tag teilweise mit Erbrechen verbunden ist. Auffällig ist der häufig lang anhaltende Durchfall.

Kinderkrankheiten traten keine auf.

Was geht in der Welt rum? Die gefährlichste Krankheit ist momentan die Lungenpest in Madagaskar. Dort hinzureisen macht zumindest mit Kindern momentan keinen Sinn. Allen anderen sei empfohlen, sich von einem Arzt beraten zu lassen. Der erste Krankheitsfall betraf einen Studenten in Toamasina an der Ostküste, die letzten beiden Erkrankungen traten im zentralen Hochland auf. Chikungunya ist schon näher an uns dran. Südlich von Rom traten in Italien vereinzelte Fälle auf, in Brasilien sind es bereits mehr als 113.000 bestätigte Erkrankungen, besonders im Nordosten des Landes. Chikungunya ist eine Virusinfektion, die zu heftigsten Schmerzen führt. Da sie durch Mücken übertragen wird ist eine guter Mückenschutz die entscheidende Maßnahme.

Was geht rum? 09. September 2017

Zu Anfang dieser Woche standen Bauchschmerzen ganz im Zentrum der Beschwerden von Kindern und Jugendlichen. Es war eine durch Viren ausgelöste Magen-Darm-Grippe, die nur wenige Tage dauerte und selten schwere Symptome machte. So heftig wir sei startete, endete sie bereits Mitte der Woche.

Dann übernahmen die Atemwegsinfekte die Führung: In den meisten Fällen waren diese Nasen-Rachenentzündungen (Rhino-Pharyngitis) mit Schnupfen. Immer mehr Kinder und Jugendliche hatten auch eine Bronchitis mit Inhalationsbedarf oder Mittelohrentzündungen.

Besonders heftig war das Eintreffen des Krupphustens ab Donnerstag. Betroffen von diesem trockenen und schmerzhaften Husten mit Atemnot waren zumeist Kinder, die früher schon mal erkrankt waren. Weitere Informationen zum Krupphusten finden Sie in einer früheren Ausgabe des praxisblättle. Alle Eltern sind gut beraten, eine Notfallarznei (z.B. Rectodelt©) vorzuhalten. Sie ist der Polizist, der immer bereit stehen sollte, wenn’s schwierig wird.

Und was geht in der Welt rum? Auf den Kapverdischen Inseln gibt es weiterhin Malaria. Betroffenm ist vornehmlich die Hauptstadt Praia mit inzwischen 110 Erkrankungen. Alle Reisenden sollten sich vor der Urlaubsreise in dieses Paradies zuvor über das aktuelle Risiko informieren.

Impfung gegen Rotaviren: steigende Akzeptanz

Seit wenigen Jahren hat sich die Impfung gegen die Rotaviren etabliert. Sie richtet sich gegen den häufigsten Erreger der Magen-Darm-Grippe im Kindesalter. Die Schluckimpfung sollte vor der 12. Lebenswoche begonnen werden und ist – je nach Impfstoff – nach 2 bzw. 3 Dosen abgeschlossen.

Die Impfung ist gut verträglich. Mit zunehmendem Alter des Kindes steigt aber das Risiko eine Darmeinstülpung (Invagination) zu erleiden. Deswegen ist eine frühe Impfung wichtig.

Erstaunlich ist die unterschiedliche Akzeptanz in Deutschland, wie die nebenstehende Graphik zeigt (blau= hoher Durchimpfungsgrad). Während im Landkreis Rosenheim (Bayern) nur 15% aller Säuglinge vollständig geimpft sind, sind es im Landkreis Dessau-Roßlau (Sachsen-Anhalt) 89%. In der Summe ist sind die Impfquoten der Rotavirusimpfung seit ihrer offiziellen Empfehlung durch die STIKO im August 2013 angestiegen. Eine zeitgerechte vollständige Impfung erhielten bundesweit 60.5% der Säuglinge.

Impfungen bleiben umstritten. Nachvollziehbar ist das nicht immer.