Kategorie-Archiv: Editorial

Kinder und Kunst

Trotz anderweitiger Beteuerungen wird unsere Lebenswelt zunehmend durchorganisiert. Freiräume werden immer enger. Der Handschlag als gültiger Vertragsabschluss ist graue Vergangenheit. Heute wird alles bis ins Detail geregelt. Viele Menschen sind sogar unglücklich, wenn sie keine starren Regeln genannt bekommen, an die sie sich halten können.

Dieser Wahn hat auch die Kinder in den Kindertagesstätten längst erreicht. Für jede Kleinigkeit sind schriftliche Regeln fixiert. Schon früh werden sie auf die Anforderungen in der Schule eingeschworen und erlernen Techniken wie das exakte Ausmalen von vorgegebenen Schablonen. Das sind im Prinzip wichtige Dinge. Aber der Schritt zuvor wird oft ausgelassen: Freies Gestalten unter Supervision. Viele Materialien wollen mit Lust und Neugier erlernt werden. Experimentieren. Dass solche Neuentdeckungen nicht auf Anhieb hohen Ansprüchen genügen können ist klar. Es fällt auch schon mal “Abfall” an, manches geht daneben. Aber zusammen mit jemandem, der Kenntnis hat, lassen sich so neue Welten erobern.

Heute steht leider eine – nicht ausgesprochene – Aufforderung nach einem bewundernswerten Objekt im Raum. Ein Bild oder eine Figur sollte am Schluss schon rauskommen. Das kann den Eltern stolz vorgeführt werden.

Viel wichtiger als solche dinglichen Objekte ist jedoch der Weg dorthin. Die Kindheit sollte ein Garten der vielfältigen Erfahrungen und Freiheiten sein. Aber: Der Kindergarten ist passé.

Sollten sich Kinder nicht entfalten? Entfalten! Wie eine Blume am Morgen, die ihre Schönheit präsentiert, wenn sie von den Sonnenstrahlen geweckt wird?

Welches Potential in Kindern steckt zeigen die Bilder, die ein Kinderarzt manchmal mit einem stolzen Lächeln zugesteckt bekommt. Wir sollten alles daran setzen, Kindern zu unterstützen, ihren eigenen Weg zu finden und zu gehen. So entwickeln sich ihre individuellen Fähigkeiten. Unsere Kenntnisse können die Kinder gerne erfragen. Aber wir drängen sie ihnen nicht auf.

Kinderkunst ist ein Ausdruck dessen, was in ihnen schlummert. Lassen wir diesem Schatz Zeit, sich zu zeigen.

Keuchhusten – noch immer eine Gefahr

Was ist Keuchhusten überhaupt? Das wissen aus eigener Erfahrung fast nur noch Großeltern – und einige wenige Eltern heute, die ihr Kind auf dem leidvollen Weg mit dieser Krankheit begleitet haben. Zum Glück erspart die wirkungsvolle Impfung gegen Keuchhusten den meisten Kindern und Eltern diese Erfahrung.

Mediziner nennen Keuchhusten Pertussis (lat.). Das bedeutet durch und durch husten und beschreibt, dass diese Krankheit mit extremem Husten verbunden ist, der über viele Wochen oder zumeist Monate andauert. Das kann für bestimmte Kinder und auch Erwachsene durchaus gefährlich werden.

Im Jahre 2016 erkrankten in Deutschland 13.809 Menschen an Pertussis (17 Erkrankungen pro 100.000 Einwohner). Am meisten waren Säuglinge betroffen: 61 Erkrankungen pro 100.000 Einwohner. In dieser Altersgruppe besteht erst nach drei Impfungen ein Schutz, also kaum vor dem 4. Lebensmonat. Denn gegen Keuchhusten werden keine wirksamen Antikörper bei Geburt weitergegeben. Somit werden diese erst bei Erkrankung oder eben durch die Impfung gebildet.  Obwohl wegen der Schwere der Krankheit 52% der betroffenen Säuglinge im Krankenhaus behandelt wurden starben 3 Säuglinge daran im Jahre 2016. 

Die Impfung gegen Keuchhusten ist gut wirksam, die Wirkdauer liegt jedoch nur bei 5-7 Jahren. Da die Impfung zusammen mit der Tetanusimpfung erfolgt, liegt das normale Wiederholungsintervall bei 10 Jahren, so dass Impflücken entstehen. Dadurch und durch die unzureichende Impfung gerade von Erwachsenen ist zu erklären, dass im Moment 84% der Bevölkerung unzureichend oder gar nicht geimpft sind. Das erleichtert das Wiederauftreten von Keuchhusten.

Der gute Schutz von Erwachsenen würde helfen, Säuglinge zu schützen. Leider ist es noch immer so, dass bei den Impfungen fast alle nur an sich und nicht an die anderen denken. Das führt dann in der Politik zu den verwirrenden Diskussionen über eine Impfpflicht, die in Deutschland nicht denkbar ist. Sinnvoller wäre es wohl, alle Menschen auf die Solidarität mit den Schutzlosen hinzuweisen.

Die Solidarität mit den Schwachen wäre auch in dieser Hinsicht wichtig. Auch wenn das Thema Impfung nicht unbedingt schick ist.

Hähnchen-Nuggets: i-gitt

Ich selbst hab sie nie gemocht. Die Chicken-Wings oder Hähnchen-Nuggets. Allein schon die Farbe – leicht glänzend durch das Fett. Ne, das geht nicht.

Nun haben die Tester der Zeitschrift “Ökö-Test” genauer hingeschaut. Mit weniger Emotion und viel mehr Sachverstand. Und einem noch schlechteren Ergebnis, als meine Sinnesorgane es erwartet hätten.

Im Test fallen gleich mal 8 der 14 Produkte komplett durch. Und selbst die anderen sehen die Note “sehr gut” oder “gut” nicht. Die besten Note bekommen die Bio Cool Chicken Nuggets mit “befriedigend”.

Warum denn das? Zunächst mal Tierhaltung. Da ist bereits für die Ketten von Kentucky, McDonalds und Burger King Endstation. Keine Nachweise ist heute echt zuwenig. Bei Burger King kommen noch Enterobakterien hinzu, was Mediziner erschaudern lässt: “Ungenügend” für die Nuggets von Burger King. Viel Salz ist ohnehin in fast allen, in einigen gar künstliche Phosphate. Die Produkte der Discounter (Aldi Nord, Rewe, Edeka, Iglo, Vossko – üngenügend, Lidl, Real und Penny – ausreichend) setzen den Reigen schlechter Bewertungen fort. In vier Produkten fand sich Mineralöl.

Da vergeht mir der Appetit schon ganz!

Bild: pixabay

Mal kurz die Welt retten – von Bettina Wolff (FAZ)

Der Nachname täuscht. Bettina Wolff hat nichts mit unserer Praxis zu tun. Aber der Artikel in der FAZ vom 10. Mai 2017 beschreibt witzig und klar den Voluntourismus – jenes Phänomen dieser Tage, das Tourismus mit der angesehenen Freiwilligenarbeit kombiniert. Man steht zuhause gut da und hat dennoch recht nett Urlaub gemacht. Eine vielschichtige Lüge, die auch jungen Menschen, die gerne und von Herzen helfen wollen, nicht unbedingt gut tut.  

Die Kinder beäugten die junge Frau verwirrt. Das war also die neue Freiwillige. Doch die Kleinen verstanden nicht, warum sie eine Schwarze vor sich sahen. Sind Helfer nicht immer weiße Menschen? Die Neue passte nicht in ihr Weltbild, in dem die Weißen den Schwarzen überlegen sind. „White Supremacy“ nennt sich diese Vorstellung, die sich vor allem durch die Kolonialzeit-Propaganda in der ganzen Welt tief in der gesellschaftlichen Überzeugung verankert hat. Auch hier. Die Kinder selbst waren zwar unterschiedlichster Herkunft. Doch trotzdem mussten sie alle erst einmal das Klischee der „weißen Retter“ über Bord werfen.

Bettina Wolff

„Das Vermächtnis des Kolonialismus ist viel gewaltiger, als man es sich vorstellen kann“, berichtet diese Freiwillige später. Die Siebenundzwanzigjährige ist als Schwarze in einem Land aufgewachsen, das ihre Familie noch als Rhodesien erlebt hat und das heute Zimbabwe heißt. Nach dem britischen Kolonialherrn Cecil Rhodes benannt, herrschte dort Rassentrennung. Da sie sowohl Zimbabwerin als auch Britin ist, lebt sie seit der Oberstufe in England. Die junge Frau hat ein Masterstudium in Internationaler Entwicklung absolviert und später ein Freiwilligenprojekt in Bolivien geleitet.

„Geh reisen, und sieh dir die Welt an!“, rät sie. Einen philanthropischen Ansatz dabei zu haben sieht die Zimbabwerin aber kritisch: Selbst wenn weiße Menschen mit den besten Intentionen Freiwilligenarbeit leisteten, verstärke es bereits bestehende rassistische Vorurteile. Die subtile Hierarchie zwischen Schwarzen und Weißen werde so gefestigt. Ein zentrales Problem ist die teils überhebliche Illusion der Freiwilligen, sie könnten mal eben die Welt retten – in den Sommerferien oder während eines „Gap Year“ nach dem Abitur oder im Studium.

Jedes Jahr entscheiden sich mehr als eine Million der 20 bis 25 Jahre jungen Menschen für „Voluntourism“. Die Kombination aus Tourismus und Freiwilligenarbeit wird seit Jahrzehnten immer beliebter. Besonders gefragt sind ferne Länder, die sowohl wunderschöne Urlaubsziele als auch Möglichkeiten bieten, „aktiv vor Ort einen sozialen Beitrag zu leisten“. Mit solchen Worten versprechen unzählige Anbieter, „sinnvolle Ferien“ zu organisieren – mit Entwicklungsprojekten sowie zusätzlichen Ausflügen und Abendveranstaltungen. So kann sich die Freiwillige doppelt gut fühlen. Und ein rundum positives Erlebnis zu schaffen ist oberste Priorität der Anbieter. Schließlich zahlen ihre Kunden bis zu mehrere tausend Euro in der Woche zuzüglich Flugkosten, um sich zum Beispiel an einem Hausbau in Kapstadt zu beteiligen. „Voluntourism“ ist eine Industrie, deren Wert auf mehr als eine Milliarde Euro geschätzt wird. Viele Hobby-Helfer sind vermutlich von jugendlichem Idealismus getrieben, aber auch Rentner und ganze Familien wollen ihr soziales Engagement unter Beweis stellen, zumindest am anderen Ende der Welt.

Für die meisten dieser Projekte sind keine fachlichen Vorkenntnisse nötig. Doch wie sinnvoll ist es, wenn ein Laie irgendwo ein Haus baut? Könnte ein einheimischer Bauarbeiter diese Arbeit nicht besser machen und durch die Bezahlung auch noch seine Familie ernähren? Und was bringt es, nur zwei Wochen lang im Schulunterricht auszuhelfen? Auf der Website des „Voluntourism“-Anbieters „Projects Abroad“ heißt es zum Beispiel: „Aufgrund des Lehrermangels… unterrichtest du in der Regel selbständig nach einem Lehrplan oder gemeinsam mit anderen Freiwilligen.“ Und: „Pädagogische Vorkenntnisse benötigst du nicht.“

Sofort drängt sich die  Frage nach der Nachhaltigkeit  auf. Wenn es wie beim Geschäftsmodell des „Voluntourism“ zum Selbstzweck wird, dass immer mehr Freiwillige beschäftigt werden, widerspricht das dem Nachhaltigkeitsprinzip. Stattdessen muss Hilfe zur Selbsthilfe das Ziel sein. Das bedeutet, gemeinsam mit Einheimischen Lösungen zu suchen, die immer weniger Freiwillige erfordern, bis Einheimische das Projekt irgendwann allein tragen. Inwieweit sowohl private als auch staatliche Entwicklungsorganisationen unvoreingenommen daran arbeiten können, muss kritisch überprüft werden. Schließlich würden sie sich damit selbst überflüssig machen.

Doch die Nachhaltigkeitsfrage hat eine weitere Facette: Würden wir in Deutschland jemanden unsere Kinder unterrichten lassen, der dazu keinerlei Qualifikation besitzt? Warum sollte das in einem anderen Land akzeptabel sein? Die westliche Angewohnheit, mit zweierlei Maß zu messen, kennt die Zimbabwerin nur zu gut. Warum meinen Westler immer noch, auf andere hinunterblicken und sie belehren zu können? Bei allen Problemen, die es zum Beispiel auch mit chinesischen Investoren in Entwicklungsländern gibt, ist mit ihnen das Gespräch auf Augenhöhe erfrischend. Sie kommen ohne den selbstgerechten Dünkel des Weltverbesserers und wollen einfach nur Geschäfte machen – mit Partnern, nicht mit Hilfsbedürftigen. Aus ihrem Herkunftsland kennt die junge Frau „Voluntourism“-Projekte, die daran gescheitert sind, dass Einheimische bei der Planung und Umsetzung gar nicht einbezogen wurden. Anscheinend hatten die „Helfer“ das Gefühl, das nicht nötig zu haben.

Für Axel Dreher, Direktor des Instituts für Wirtschaftswissenschaften der Universität Heidelberg, ist es das gleiche Konzept wie in der Kolonialzeit: die Idee, dass die Westler immer alles besser wissen. Er spricht zudem von einem „Parallelsystem“, wenn von außen finanzierte Projekte Aufgaben des Staates übernähmen, was letztlich nicht effizient sein könne. Selbst effektive Entwicklungsprogramme an Schulen könnten zum Beispiel die jeweilige Regierung des Landes davon abhalten, selbst in die Schulbildung zu investieren. Stattdessen könnte das eigentlich dafür vorgesehene Geld dann anderweitig und nicht unbedingt nachhaltig verwendet werden.

Es ist ein Teufelskreis, da Ursache und Wirkung wirtschaftlicher, politischer und sozialer Zusammenhänge in Entwicklungsländern oft nicht kritisch und damit auch nicht selbstkritisch hinterfragt werden. Dies verstärkt die Gefahr, dass sich sowohl „Voluntouristen“ als auch Einheimische in einem Weltbild der „weißen Vorherrschaft“, der „White Supremacy“, bestätigt fühlen. So wie die Kinder, die noch nie eine Schwarze als Freiwillige gesehen haben, weil deren Zahl eben viel geringer ist. Zudem sind die Zielländer der „Voluntouristen“ oft Entwicklungsländer, die einst von Europäern kolonialisiert und ausgebeutet wurden. Nicht umsonst wird Freiwilligenarbeit und insbesondere „Voluntourism“ mitunter in der Tradition des anmaßenden Missionierungsanspruchs Weißer gegenüber Schwarzen zur Zeit des Kolonialismus gesehen.

Im Internet lassen sich aber auch einige Berichte von Freiwilligen finden, die vor Ort zu realisieren scheinen, dass ihre Arbeit an der gewünschten Weltverbesserung vorbeigeht oder sogar ins Gegenteil umschlägt. Paradebeispiel hierfür ist der „Waisen-Tourismus“. So führt die hohe Nachfrage nach Freiwilligenarbeit in Waisenhäusern an einigen Orten zu einer Form von Kinderhandel: Die Kleinen werden von ihren Familien getrennt und in scheinbaren Waisenhäusern zur Schau gestellt. Die Betreiber streichen die Spenden der Freiwilligen ein. So hatten laut Unicef, dem Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen, in Kambodscha mehr als drei Viertel der Kinder in Waisenhäusern noch ein oder zwei lebende Elternteile. Außerdem steige dort die Zahl der von nicht staatlichen Organisationen (NGO) betriebenen Waisenhäuser seit mehr als einem Jahrzehnt beständig. Unicef mahnt Freiwillige deshalb, nicht in Waisenhäusern zu arbeiten.

In Nepal sieht die Situation ähnlich aus. Im südlichen Afrika ist zudem ein „Aids-Waisen-Tourismus“ entstanden, der die Situation der betroffenen Kinder laut einer Untersuchung des südafrikanischen Human Sciences Research Council möglicherweise noch verschlimmert. Denn sie bauen emotionale Bindungen zu den Durchreisenden auf, die dann ständig wieder aufgegeben werden müssen.

Die junge Entwicklungsexpertin aus Zimbabwe schätzt den Nutzen von solchen Projekten aus diesen Gründen geringer ein als den Schaden. Wer profitiert also davon? Bei geringer Nachhaltigkeit muss man sagen: vor allem die Freiwilligen sowie die Organisatoren mit ihren Angestellten. Versucht man, den Leistungsbericht des Anbieters „Projects Abroad“ mit Projektergebnissen der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) zu vergleichen, wird deutlich, dass die Freiwilligenarbeit von „Voluntouristen“ keine echte Alternative zur Entwicklungszusammenarbeit darstellt.

Grundsätzlich bleibt es aber fraglich, ob selbst professionelle Entwicklungsprogramme, wenn auch weitaus effektiver, wirklich nachhaltig sind. Peter Nunnenkamp vom Institut für Weltwirtschaft in Kiel hält es für „unsagbar schwierig“, die Wirksamkeit von Entwicklungsprojekten wirklich messen zu wollen. Er könne sich aber auch nicht vorstellen, dass man ohne Bürokratie leicht Nachhaltigkeit schaffen kann. Deshalb zweifle er das auch bei „Voluntourism“-Unternehmen mit einer teils überaus kurzen Durchlaufzeit von Freiwilligen an.

„Wenn du wirklich helfen willst, dann mach dir nichts vor“, fasst die Zimbabwerin die Situation zusammen. Freiwillige zahlten Tausende Euros und reisten einmal um den Globus, um mit Kindern zu spielen. Allein mit den Flugkosten hätten sie wohl einige Klassenzimmer finanzieren können, mutmaßt sie. Es sei viel Augenwischerei im Spiel, die die Vorstellung aufrechterhalte, man könne damit die Welt retten. Die wirklichen Probleme würden dadurch verschleiert, weil es keine nachhaltigen Lösungen schaffe.

Es ist kein Geheimnis, dass EU-Staaten mit ihren subventionierten Produkten die Märkte in den afrikanischen Ländern zerstören. Deutsche Milchprodukte werden dort zum Beispiel günstiger verkauft, als afrikanische Hersteller sie in ihrem eigenen Land wirtschaftlich rentabel anbieten können. „Wir sollten uns anschauen, welche Firmen und Unternehmen wir unterstützen und welche Entscheidungen unsere Regierungen in Politik und Wirtschaft auch außerhalb unseres Heimatlandes treffen“, sagt die einstige Helferin aus Zimbabwe. Freiwilligenarbeit beginnt zu Hause. Da, wo es einem weh tun könnte, auf Privilegien zu verzichten – und wo man sein soziales und politisches Engagement nicht mit einem Foto auf Facebook in Szene setzen kann.

Mein Kind wird so oft krank!

Der Winter kommt bald. Die angenehm warmen Tage und Wochen des Sommers sind fast vergessen. Auch die Wochen in denen Kinder draußen lustig spielten. Frei von Beschwerden und ohne Infekte. Über Viele Wochen.

Jetzt beginnt wieder die Zeit der Atemwegsinfekte. Die nebenstehende Graphik zeigt deutlich, wie die Zahl der Atemwegsinfekte vom Sommer zum Winter rasant zunimmt. Die Daten stammen aus der deutschen MAS-Studie von der Charité in Berlin und wurde von Christoph Grüber in 2008 veröffentlicht.

Nach der Geburt sind Babys über die ersten Monate meistens frei von Infektionen. Die Nase mag hier und da leicht schniefen – was eher auf Umweltbedingungen wie trockene Luft zurückzuführen ist. Diese Gesundheit beruht im Wesentlichen darauf, dass das mütterliche Blut Abwehrstoffe an das Kind weitergegeben hat, wodurch viele Infektionen verhindert werden. Leider werden diese Abwehrstoffe langsam abgebaut. Mit dem Alter von 6 Monaten beginnt dann die Zeit, in der das kindliche Immunsystem die Abwehr selbst leisten muss.

Kommen dann beispielsweise Rhinoviren in die Atemwege, lösen sie eine Erkrankung aus. Das bedeutet aber auch, dass der kindliche Immunsystem nun selbst die Krankheit erkennt und eine Abwehr aufbaut, die über lange Zeit anhält. Die Gedächtniszellen merken sich die Informationen, die dann  bei erneutem Kontakt mit diesem Rhinovirus in der Lage sind, diese spezielle Infektion zu verhindern.

Nun gibt es halt enorm viele Viren und Bakterien auf der Welt. Das bedeutet, dass Kinder in den ersten Lebensjahren oft krank werden, bis sie einen ausreichend Schatz an Schutzfaktoren aufgebaut haben. Das ist meist mit etwa 6 Jahren erreicht. Eine manchmal sehr anstrengende Zeit für Kind und Eltern, bis diese Herkulesaufgabe gemeistert ist.

Aber das war bei den Eltern selbst nicht anders. Eine Rückfrage bei Oma und Opa hilft weiter.

Choosing wisely – Klug entscheiden

“Ich lass das lieber mal untersuchen, kann ja nicht schaden”. Stimmt das? Nein, eine Untersuchung kann sehr wohl schaden. Zumindest kann sie öfter zu nichts nutzen. Schon vor über 30 Jahren wurde mir als angehendem Arzt an der Universität in Zürich nahegelegt, jede Maßnahme an einem Patienten genau zu überdenken: ”Was ändert sich für den Patienten, wenn Du ein Röntgen-Bild machst?” Wird dann die Therapie eine andere sein? Wenn nein, dann sollte der Patient keine unnötige Strahlenbelastung bekommen.

Wie die nebenstehende Graphik zeigt, sind Ärzte und Patienten unterschiedlicher Meinung, ob zu viel oder zu wenig untersucht wurde. Meistens werden umfangreiche Untersuchungen als enorme Zuwendung und somit positiv empfunden. Ärzte hingegen kennen die Fallstricke von medizinischen Tests und beurteilen sie deutlich zurückhaltender.

Heute hat diese Einstellung in der Medizin einen neuen Namen: Choosing wisley. Wie so oft kommt die Bewegung aus den USA, wo sie 2011 von Howard Brody in Gang gesetzt wurde. Er forderte die Ärzte in einer Veröffentlichung auf, das Wohl der Patienten an die erste Stelle zu setzen.

Viele Fachgesellschaften haben die Prinzipien von Chossing wisely inzwischen übernommen. Es wird Ärzten Mut gemacht, manchmal Dinge zu unterlassen, die dem Patienten unnötig belasten oder gar schaden könnten. Dabei sollten Patienten in die Entscheidung mit eingebunden werden. Das ist besonders wichtig, haben sie doch oft das Gefühl, dass viele und große Untersuchungen für die günstig seien. Erst eine genaue Abwägung im Dialog mit den Patienten kann den Weg finden, der für den Patienten im Einzelfall der richtige ist.

Die Aufgabe – weniger ist manchmal mehr – ist also keine leichte. Sie basiert auf einem vertrauensvollen Verhältnis von Patient und Arzt.

 

Bildnachweis: https://www.bertelsmann-stiftung.de/fileadmin/files/BSt/Publikationen/GrauePublikationen/VV_SpotGes_ChoosingWisely_dt_final_web.pdf

Ist Schreien bei Babys normal?

Viele Eltern sind – gerade beim ersten Kind – in den ersten Lebenswochen verwirrt, weil ihr Baby immer wieder schreit. Sie versuchen alles, um ihr Kind zufrieden zu machen. Aber es schreit trotzdem. Warum? Verzweifelt versuchen sie weiter, dem neuen Erdenbürger alle Wünsche zu erfüllen. Aber das Kind ist undankbar. Es schreit trotzdem.

Wissenschaftler beschäftigen sich mit diesem belastenden Thema seit Jahrzehnten, nennen es erstmal “Blähungen”, später “Dreimonatskoliken” und heutzutage “Regulationsstörungen“.

Etwas Licht bringt eine Meta-Analyse von Prof. Dr. Dieter Wolke und Mitarbeitern von der Universität Warwick in Conventry (Großbritannien) in das Thema. Sie verglichen Studien aus verschiedenen Ländern miteinander und fanden, dass die tägliche Schreidauer von Kindern in den ersten sechs Wochen bei etwa 120 Minuten liegt. Danach nimmt sie schrittweise ab. Im 4. Lebensmonat ist anhaltendes Schreien nur noch bei 0.3% der Kinder zu beobachten. Dänische und deutsche Kinder schreien laut dieser Studie übrigens deutlich weniger als solche in Canada.

Dass Babys schreien, scheint also ein weltweites Problem zu sein. In vielen Kulturen Afrikas, wo die Kinder noch häufig 24/24 Stunden bei den Müttern sind, ist dies seltener der Fall als bei uns. In unseren Kulturen wird auf die Autonomie des Kindes Wert gelegt. Diese ist jedoch in den ersten Monaten nur begrenzt und das Kind braucht immer wieder Hilfe von außen, um sich zu regulieren. Die Hilfe sollte aber beruhigend sein. Gerade sehr aufmerksame Kinder – “sensention seekers” – reagieren zunächst auch günstig auf erregende Reize (Schaukeln, Autofahren, Schlüssel-Rasseln). Bald jedoch steigern diese das Erregungsniveau noch mehr, so dass die Einschlafschwierigkeiten noch deutlicher werden.

Ein Rezept, das für alle Kinder günstig wäre, ist nicht gefunden. Sicher ist, dass Neugeborene viel Nähe brauchen. Eltern sind da, spürbar. Das bedeutet aber nicht, dass sie ihr hilfloses Kind mit Küssen überschütten und auf jede kleine Bewegung mit irgendetwas regieren sollten. Einfach da sein ist wichtig. Diese starke Nähe ist für Eltern und Babys wunderbar. Aber bereits in diesen ersten Lebenswochen beginnt eine zarte Ablösung. Es zeigt sich der Charakter der Babys, der respektiert werden sollte. Das bedeutet manchmal, dass Eltern ihrem Kind auch eine gewisse Selbständigkeit zutrauen dürfen. Es für Momente liegen lassen, wenn das Kind mit den Blicken seine Umgebung beobachtet nicht ansprechen. Der Anfang der Autarkie.

Die Ablösung des Kindes von seinen Eltern beginnt sehr zart schon in den ersten Lebenswochen. Diese Veränderungen und Bedürfnisse des Kindes gilt es zu erspüren und zu respektieren.

25 Jahre Praxis ohne Mucosolvan®

“Mein Kind hat schon 3 Tage Husten, obwohl ich Mucosolvan® gebe”. Diesen Satz hört ein Kinder- und Jugendarzt wohl täglich in der Praxis. Dieser ist dann weniger erstaunt. Denn für den in Mucosolvan® enthaltenen Wirkstoff Ambroxol gibt es keinen überzeugenden Nachweis, dass er den Husten von Menschen in irgendeiner Weise bessern würde.

Eine Durchsicht der Literatur ergibt, dass die Frage des Nutzens von Ambroxol kaum untersucht ist. Zum Stichwort “children + ambroxol” gibt es zwischen 1975 und heute gerade mal 55 Arbeiten. Engt man das Thema auf den Husten ein (“children + cough + ambroxol”) verbleiben noch 17 Arbeiten. Diese sind fast ausnahmslos in Fachjournalen erschienen, die keinen guten internationalen Ruf haben. In den deutschen Leitlinien der AWMF (erarbeitet von der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM), Frankfurt am Main von 2014)  steht deutlich, dass “für die Therapie mit Ambroxol bei chronischer Bronchitis … keine Vorteile nachgewiesen werden” konnten.

Dem steht gegenüber, dass laut Pressemitteilung von Boehringer-Ingelheim  (22.01.2016) das Präparat Mucosolvan® in 2014 einen Umsatz von 165 Mio. EUR erbrachte. Das ist ebenso viel Geld, wie die ARD und das ZDF der UEFA für die Übertragungsrechte zur EM 2016 bezahlte. Beides schrecklich hohe Summern ohne nachvollziehbare Berechtigung.

Husten ist ein Symptom. Dieser kann trocken sein oder schleimig. Seine Ursache kann von der Nase, den Nasennebenhöhlen, vom Rachen, der Luftröhre, den Bronchien und der Lunge (Lungenbläschen) ausgehen. Er kann durch Viren oder Bakterien ausgelöst werden. Oder durch Stoffwechselerkrankungen. Nein, die Liste soll nicht weiter verlängert werden. Aber ein “Hustensaft” kann nur so gut sein wie ein “Glück-Saft”. Und den, habe ich bis heute auch noch nicht gefunden.

In der Praxis setze ich seit 25 Jahren kein Ambroxol mehr ein – sei es in Mucosolvan® oder anderen Säften enthalten. Das war nicht ganz einfach der Werbung der Firma Boehringer-Ingelheim entgegenzutreten. Aber es war mir wichtig, Patienten ehrlich gegenüber zu treten.

Es gibt einfachere und billigere Wege, den Husten eines Kindes im Infekt zu lindern. Ein erster Schritt wäre hier die Zwiebel.

 

Bildnachweis: http://www.ciao.de/Mucosolvan_Kindersaft_30_mg_5_ml__Test_3207424 (27.08.2017)

Adoptivkinder: Wie es ist, als Schwarze in einer weißen Adoptivfamilie aufzuwachsen

Als Adoptivkind aufzuwachsen, ist auch in unserer – äusserlich aufgeklärt daher kommenden Gesellschaft – nicht ohne Tabus. Schwieriger ist es noch, wenn die Hautfarbe die Adoption verdeutlicht. Ein Artikel von Henrike Möller im ze.tt zeigt die Thematik gut auf.

Louisa wächst bei Adoptiveltern in Berlin auf. Mit 16 macht sie sich auf die Suche nach ihren Wurzeln – und landet im 8.500 Kilometer entfernten Madagaskar.

„Er sieht mir so unfassbar ähnlich!“ Louisa steht am madagassischen Flughafen und ist glücklich. Auch an ihrer Mutter entdeckt sie Gemeinsamkeiten: „Wir haben eine ähnliche Gestik und sprechen auch ähnlich. Obwohl sie eine andere Sprache spricht, hat sich das angehört wie bei mir.“

Drei Jahre nach der ersten Kontaktaufnahme zu ihren leiblichen Eltern hatte sie den Entschluss gefasst, sie in Madagaskar zu besuchen. Nun hat sie ihr Ziel erreicht. Doch hat sie sich auch selbst gefunden?

Es tut weh, sich eingestehen zu müssen, dass die engsten Vertrauten nicht mit einem verwandt sind.“ – Louisa

Drehen wir erstmal ein paar Jahre zurück. Als Louisa ein kleines Kind war, rief sie immer absichtlich ganz laut nach Mama und Papa. „Die Leute sollten wissen, dass das meine Eltern sind, auch wenn ich nicht aussehe wie sie“, erinnert sie sich. Louisas Haut ist schwarz, die ihrer Adoptiveltern weiß. Trotzdem wollte sie lange nicht wahrhaben, dass sie nicht deren leibliche Tochter ist: „Es tut weh sich, eingestehen zu müssen, dass die engsten Vertrauten nicht mit einem verwandt sind.“ Um überhaupt damit klarzukommen, habe sie das ganze Adoptionsthema erstmal abblocken müssen, weiß Louisa heute.

Bis zur siebten Klasse geht Louisa den Fragen nach ihrer Herkunft rigoros aus dem Weg. Es genügt ihr zu wissen, dass ihre Adoptivfamilie – sprich ihre Eltern und deren vier leibliche Söhne – sie lieb haben. Doch dann wechselt sie die Schule und findet sich plötzlich inmitten von ganz vielen anderen Jugendlichen mit Migrationshintergrund wieder.

Im Unterschied zu ihnen, kann sie die Frage nach ihren Wurzeln aber nicht beantworten. Madagaskar, ja, das stand in den Adoptionspapieren, aber wie sieht es dort aus? Wie leben die Menschen da? Mit jedem Mitschüler/in, der/die sie auf ihre Herkunft anspricht, wächst in Louisa der Druck, mehr in Erfahrung bringen zu müssen.

Und, woher kommst du so?

Plötzlich beginnt sie, sich in ihrer Adoptivfamilie unwohl zu fühlen. „Ich habe mich nicht mehr zugehörig gefühlt“, sagt Louisa. Sie wirft ihnen vor, sie nicht lieb zu haben, rebelliert, wird zur Einzelgängerin. Schließlich bittet Louisa sie darum, ihr bei der Suche nach ihren leiblichen Eltern zu helfen. Gemeinsam beauftragen sie eine Agentur. Als die nach einem Jahr immer noch nichts gefunden hat, beschließt Louisas Großvater, die Sache selbst in die Hand zu nehmen.

In den Adoptionsunterlagen entdeckt er die Reisepassnummer von Louisas leiblicher Mutter. Damit fährt er zur madagassischen Botschaft, die sie schließlich ausfindig macht. Genauso wie ihren leiblichen Vater, von dem Louisa bis dato dachte, er sei tot. In den Adoptionspapieren hatte es so gestanden. Zögerlich beginnt Louisa ihren leiblichen Eltern Briefe zu schreiben. Sie erfährt, dass deren Beziehung schon vor ihrer Geburt in die Brüche gegangen war. Von einem gemeinsamen Kind hatte ihr leiblicher Vater gar nichts gewusst. Bis zu Louisas Kontaktaufnahme.

Drei Jahre lang tauscht Louisa mit ihren leiblichen Eltern in regelmäßigen Abständen E-Mails und Fotos aus. Sie ist 19, als sie nach Madagaskar reist. Ein Land, das ihr genau so fremd ist wie ihrer Adoptivfamilie, die sie begleitet. „Ich habe versucht, nicht zu viel zu erwarten“, erinnert sich Louisa zurück, „mir nicht das große Paradies mit meinen Eltern vorzustellen, von wegen ich lerne sie kennen und alles wird gut.“

“Wenn ich unter Madagassen bin, bin ich die Deutsche. Wenn ich unter Deutschen bin, die Madagassin.“ – Louisa

Doch die ersten Eindrücke von ihrer Familie in Madagaskar sind erstmal positiv. Sie fühlt sich gut und entdeckt Gemeinsamkeiten und Ähnlichkeiten, die sie mit ihren Adoptiveltern nicht hat. Louisas anfängliche Faszination weicht jedoch schnell der ersten Ernüchterung: „Wir hatten viele Hemmungen, überhaupt ein Thema zu finden“, erzählt sie, „und das lag nicht nur an der Sprachbarriere.“ Besonders ihre leibliche Mutter habe sich schwer getan: „Sie schämt sich dafür, mich abgegeben zu haben.“

Als Louisa nach Deutschland zurückkehrt, ist sie enttäuscht: „Ich dachte, die erste Begegnung mit meinen leiblichen Eltern würde alles klären, aber genau das Gegenteil ist passiert. Danach hatte ich mehr Fragen als vorher.“ Nach wie vor weiß Louisa nicht, warum ihre leibliche Mutter sie hergegeben hat. Nach wie vor hat Louisa das Gefühl, nirgends richtig dazuzugehören. Auch heute nicht: fünf Jahre später. Wer ist sie nun? Deutsche oder Madagassin? „Wenn ich unter Madagassen bin, bin ich die Deutsche. Wenn ich unter Deutschen bin, die Madagassin.“

Das Gefühl nirgends dazuzugehören

Dabei hat sich Louisa selbst nie als Ausländerin gesehen. „Ich bin in Berlin aufgewachsen. Als ich in Madagaskar war, wollte ich einfach nur Vollkornbrot mit Käse essen. So wie jede*r andere Deutsche auch. Trotzdem wollen mich die Leute hier lieber als Madagassin sehen, als Exotin, weil das spannender ist.“ Immer wieder erlebt Louisa Momente, in denen sie sich auf ihre Hautfarbe reduziert fühlt. Oder auf den Umstand, dass sie adoptiert ist. „Manchmal wünschte ich, es wäre anders. Manchmal wünschte ich, ich müsste mich nicht jedes Mal erklären“, gibt sie zu.

Trotzdem bereut Louisa es keinesfalls, ihre leiblichen Eltern kennengelernt zu haben. „Ich kann mir jetzt ein Bild von ihnen machen. Das gibt mir sehr viel.“ Es sei zudem wichtig für sie gewesen, jemandem gegenüberzustehen, der tatsächlich mit ihr verwandt sei.

„Ich bin nun bereit, mit anderen Menschen über meine Herkunft zu sprechen“, sagt sie. „Mir ist das Thema nicht mehr länger unangenehm.“ Ganz und gar damit abschließen wird Louisa wohl nie können, glaubt sie. „Ich muss mich kontinuierlich damit auseinandersetzen. Ich habe keine andere Wahl. Ich muss den Leuten zeigen, dass ich irgendwo dazugehöre.“

Arm – Reich – Gefälle: Verteilung von Kinderärzten in Deutschland

Die Bürgerversicherung hat es in den letzten Monaten erneut in die Schlagzeilen geschafft und wird vor der Bundestagswahl kontrovers diskutiert. Eng damit verbunden ist das Thema, dass Patienten mit privater Versicherung besser behandelt würden als Kassenpatienten. So einfach sollte man es sich mit der Krankenversicherung jedoch nicht machen. Privatpatienten werden vielleicht öfter zum Arzt einbestellt und sie kommen im Durchschnitt schneller an einen Termin – weil jedes Mal etwas abgerechnet werden kann. Aber wird die Behandlung dadurch besser?

Eine echte Ungleichheit zeigt jedoch eher bei der Verteilung der Ärzte. Als Kinder- und Jugendarzt ist die Verteilung der Kinderärzte in Deutschland aufschlussreich. Das wird am Beispiel Berlin deutlich (siehe die Graphik rechts). Dort arbeiten für 100.000 Kinder und Jugendliche (100.000 Einwohner unter 18 Jahren) 52,5 Kinder- und Jugendärzte. Für ganz Deutschland liegt diese Zahl bei 43,7 Kinder- und Jugendärzten. Ein Kind in Deutschland hat somit Im Durchschnitt 17% weniger Kinderärzte zur Verfügung als in Berlin (Stadt-Land-Gefälle). Innerhalb Berlins kommt hinzu, dass in den ärmeren Kiezen wie Neukölln (41,6) die Zahl der Kinderärzte deutlich niedriger liegt als im Villenviertel Zehlendorf (66,2). Für die Orthopäden liegen die Unterschiede noch deutlicher. In Zehlendorf sind mehr als doppelt so viele Orthopäden für die Menschen tätig als in Neukölln. Ärzte sind also in wohlhabenderen Regionen häufiger anzutreffen als in ärmeren (Arm-Reich-Gefälle).

Ärzte gehen im Trend gerne dorthin, wo reichere Menschen leben und ihnen ein höheres Einkommen bescheren. Das machen viele Berufsgruppen, darüber sprechen will aber niemand.

In Deutschland müssen wir weiter darum ringen, diese Ungleichgewichte abzubauen. Es kann in letzter Konsequenz nicht angehen, dass Ärzte von der Allgemeinheit ihr teures Studium finanziert bekommen, um sich nachher in einer reinen Privatpraxis nur um die finanziell besser gestellten Privatpatienten zu kümmern. Vermutlich würde das vielen Privatpatienten auch helfen, wenn sie auch von Ärzten behandelt würden, denen das Geld nicht gar so wichtig ist. Aber das ist eine andere Geschichte.

 

Bildquelle: http://www.berlin.de/ba-neukoelln/_assets/dokumente/abteilung-gesundheit/studie_webversion.pdf