Kategorie-Archiv: Politisches

Krankheitskosten: steuerliche Aspekte

Steuertipps gibt’s selten beim Arzt. Aber für Eltern mit chronisch kranken Kindern sind sie wichtig, um zumindest einen Teil der zusätzlich anfallenden Kosten durch Krankheit abzufedern.

Wenn es darum geht Kosten steuerlich geltend zu machen sind Nachweise wichtig. Diese müssen belegen, dass die angefallenen Kosten “außergewöhnlich” sind. Diese Papiere sollten zeitnah erbracht werden, weil es im Nachhinein schwierig oder oft unmöglich ist die erforderlichen Papiere zu erstellen. Ebenso geraten angefallene Kosten gerne in Vergessenheit.

Zu den abziehbaren Kosten können – je nach Krankheitsfall – Aufwendungen für ärztliche Behandlungen, Arznei- , Hilfs- und Heilmittel, Klinikaufenthalte, krankheitsbedingte Pflege sowie spezielle Lebensmittel zählen. Zusätzlich dürfen auch (anlässlich der Krankheit entstandene) Fahrtkosten berücksichtigt werden.

Krankheitskosten zählen zu den außergewöhnlichen Belastungen allgemeiner Art. Dabei wird vom Finanzamt automatisch die “zumutbare Belastung” abgezogen. Aufwendungen für das eigene Kind sind zwar streng genommen Unterstützungsleistungen, werden jedoch in aller Regel von den Finanzämtern wie Aufwendungen für Sie selbst behandelt (zumindest, solange Sie für das Kind Kindergeld erhalten).

Zu den Krankheitskosten zählen nur Aufwendungen, die der Heilung einer Krankheit dienen oder die eine Krankheit erträglicher machen bzw. deren Folgen lindern sollen (BFH-Urteil vom 18.06.1997, III R 84/96, BStBl. 1997 II S.805). Einige praktischen Anmerkungen zu den Nachweisen:

  • Vorbeugende Maßnahmen zählen nicht zu den absetzbaren Leistungen, auch wenn sie der Gesundheit dienen.
  • In einigen Fällen ist statt eines ärztlichen ein amtsärztliches Zeugnis erforderlich (immer anhängig von der Einschätzung und Bewertung des Finanzbeamten). Dies sollte zeitnah geprüft werden.
  • Die amtsärztlichen Atteste müssen erstellt werden bevor die Therapie beginnt und sind teilweise kostenpflichtig.
  • Suchen Sie einen auswärtigen Arzt auf? Sie dürfen dann Fahrtkosten geltend machen (in Höhe der Kosten für öffentliche Verkehrsmittel), ggf. auch Übernachtungskosten.
  • Die Begleitkosten eines Elternteils sind für die Behandlung eines Kindes ebenfalls zu berücksichtigen. Umstritten ist bis zu welchem Alter eine Begleitung möglich ist.
  • Auch Arztkosten im Urlaub sind in dieser Hinsicht abzugsfähig. Nicht aber die Hotelkosten, die während der Krankheit anfallen.
  • Aufwendungen für Arznei- und Verbandsmittel: z.B. auch Zuzahlungen (wie bei Flutide© für Asthmatiker), Aufpreis für gewisse Medikamente.
  • Hilfsmittel: Brillen, Hörgeräte, Blutdruckmessgeräte, Inhalationsgeräte.
  • Heilmittel: Sprachtherapie, Ergotherapie, Lerntherapie
  • Diät: Bis heute ist die Frage der finanziellen Unterstützung in diesem wichtigen Bereich sehr umstritten. Dabei ist eine Diät für viele Kinder von besonderer Bedeutung (Zöliakie,Nahrungsmittelallergien). Der Gesetzgeber will hier laut § 33 Abs. 2 keine Hilfe gewähren. Im Jahre 2015 hat sich der Bundesfinanzhof (VI R 89/13) eine Entscheidung gefällt, die eine Berücksichtung möglich macht. Aber die Hürden sind sehr hoch.
  • Ab kommendem Jahr gibt es eine erste Ausnahme über eine Diät, die von den Krankenkassen selbst getragen wird: die Ernährungstherapie bei Stoffwechselerkrankungen wie der Mukoviszidose (Beschluss des G-BA).

Steuerliche Berücksichtigung von Krankheitskosten kommt nur bei “außergewöhnlichen” Kosten ind Frage und ist an enge und strenge Regeln gebunden. Nachweise sind wichtig. In Zweifelsfällen fragen Sie bitte einen Steuerberater.

Asthma bronchiale – Zeit zum Umdenken

Asthma bronchiale ist weiter eine bedeutende Krankheit, auch wenn sie im Alltag kaum wahrgenommen wird.

  • Jedes 10. Kind in den USA leidet an Asthma (2009). Deutsche Zahlen gibt es nicht, sie dürften aber ähnlich liegen.
  • Asthma kann tödlich sein. In 2007 starben alleine in den USA 185 Kinder an dieser Erkrankung.
  • In 2009 hatten 57% aller Kinder mit Asthma einen akuten Asthmaanfall.

Grund genug, diese Erkrankung ernst zu nehmen. Das bedeutet, dass auch eine Dauertherapie konsequent angewendet werden sollte, wenn sie vom Kinderarzt* oder Kinderpneumologen* empfohlen wurde. Nur so lassen sich akute Krisen eindämmen.

  • Akut- und Bedarfstherapie. Hier kommt meist Salbutamol zum Einsatz, das geeignet ist, die verengten Atemwege wieder zu weiten. Dadurch kann ein betroffenes Kind wieder unbeschwert ausatmen kann (“Bronchospasmolyse”). Diese Therapie ist im Regelfall akuten Situationen vorbehalten.
  • Antientzündliche Therapie. Hier stehen die inhalativen Corticosteriode (ICS – kurz Cortison) seit Jahrzehnten zu Verfügung. Bei regelmässiger Anwendung begrenzen sie die Entzündung der Bronchien, die im Zentrum der Krankheit steht.
  • Neue Therapien. Weitere Therapiemöglichkeiten stellen sog. Biologika dar, die zunehmend Bedeutung erlangen: Präparate, die Stoffe blockieren, welche eine Entzündung aufrechterhalten: IgE -Blocker (Omalizumab), IL-5-Blocker (Mepolizumab), IL-13-Blocker (Lebrikizumab).

Inzwischen wird daran geforscht Instrumente zu finden, um dem individuellen Patienten die für ihn geeignete und hilfreiche Therapie zu finden. Ziel ist eine auf den Patienten zugeschnittene, individualisierte Therapie. Das ist teilweise möglich. Noch ist es jedoch schwierig alltagstaugliche Parameter zu entwickeln, die einfach und klar auf die richtige Therapie hinweisen.

 

* Der Begriff wird geschlechterübergreifend verwendet.

Kinder und Kunst

Trotz anderweitiger Beteuerungen wird unsere Lebenswelt zunehmend durchorganisiert. Freiräume werden immer enger. Der Handschlag als gültiger Vertragsabschluss ist graue Vergangenheit. Heute wird alles bis ins Detail geregelt. Viele Menschen sind sogar unglücklich, wenn sie keine starren Regeln genannt bekommen, an die sie sich halten können.

Dieser Wahn hat auch die Kinder in den Kindertagesstätten längst erreicht. Für jede Kleinigkeit sind schriftliche Regeln fixiert. Schon früh werden sie auf die Anforderungen in der Schule eingeschworen und erlernen Techniken wie das exakte Ausmalen von vorgegebenen Schablonen. Das sind im Prinzip wichtige Dinge. Aber der Schritt zuvor wird oft ausgelassen: Freies Gestalten unter Supervision. Viele Materialien wollen mit Lust und Neugier erlernt werden. Experimentieren. Dass solche Neuentdeckungen nicht auf Anhieb hohen Ansprüchen genügen können ist klar. Es fällt auch schon mal “Abfall” an, manches geht daneben. Aber zusammen mit jemandem, der Kenntnis hat, lassen sich so neue Welten erobern.

Heute steht leider eine – nicht ausgesprochene – Aufforderung nach einem bewundernswerten Objekt im Raum. Ein Bild oder eine Figur sollte am Schluss schon rauskommen. Das kann den Eltern stolz vorgeführt werden.

Viel wichtiger als solche dinglichen Objekte ist jedoch der Weg dorthin. Die Kindheit sollte ein Garten der vielfältigen Erfahrungen und Freiheiten sein. Aber: Der Kindergarten ist passé.

Sollten sich Kinder nicht entfalten? Entfalten! Wie eine Blume am Morgen, die ihre Schönheit präsentiert, wenn sie von den Sonnenstrahlen geweckt wird?

Welches Potential in Kindern steckt zeigen die Bilder, die ein Kinderarzt manchmal mit einem stolzen Lächeln zugesteckt bekommt. Wir sollten alles daran setzen, Kindern zu unterstützen, ihren eigenen Weg zu finden und zu gehen. So entwickeln sich ihre individuellen Fähigkeiten. Unsere Kenntnisse können die Kinder gerne erfragen. Aber wir drängen sie ihnen nicht auf.

Kinderkunst ist ein Ausdruck dessen, was in ihnen schlummert. Lassen wir diesem Schatz Zeit, sich zu zeigen.

Keuchhusten – noch immer eine Gefahr

Was ist Keuchhusten überhaupt? Das wissen aus eigener Erfahrung fast nur noch Großeltern – und einige wenige Eltern heute, die ihr Kind auf dem leidvollen Weg mit dieser Krankheit begleitet haben. Zum Glück erspart die wirkungsvolle Impfung gegen Keuchhusten den meisten Kindern und Eltern diese Erfahrung.

Mediziner nennen Keuchhusten Pertussis (lat.). Das bedeutet durch und durch husten und beschreibt, dass diese Krankheit mit extremem Husten verbunden ist, der über viele Wochen oder zumeist Monate andauert. Das kann für bestimmte Kinder und auch Erwachsene durchaus gefährlich werden.

Im Jahre 2016 erkrankten in Deutschland 13.809 Menschen an Pertussis (17 Erkrankungen pro 100.000 Einwohner). Am meisten waren Säuglinge betroffen: 61 Erkrankungen pro 100.000 Einwohner. In dieser Altersgruppe besteht erst nach drei Impfungen ein Schutz, also kaum vor dem 4. Lebensmonat. Denn gegen Keuchhusten werden keine wirksamen Antikörper bei Geburt weitergegeben. Somit werden diese erst bei Erkrankung oder eben durch die Impfung gebildet.  Obwohl wegen der Schwere der Krankheit 52% der betroffenen Säuglinge im Krankenhaus behandelt wurden starben 3 Säuglinge daran im Jahre 2016. 

Die Impfung gegen Keuchhusten ist gut wirksam, die Wirkdauer liegt jedoch nur bei 5-7 Jahren. Da die Impfung zusammen mit der Tetanusimpfung erfolgt, liegt das normale Wiederholungsintervall bei 10 Jahren, so dass Impflücken entstehen. Dadurch und durch die unzureichende Impfung gerade von Erwachsenen ist zu erklären, dass im Moment 84% der Bevölkerung unzureichend oder gar nicht geimpft sind. Das erleichtert das Wiederauftreten von Keuchhusten.

Der gute Schutz von Erwachsenen würde helfen, Säuglinge zu schützen. Leider ist es noch immer so, dass bei den Impfungen fast alle nur an sich und nicht an die anderen denken. Das führt dann in der Politik zu den verwirrenden Diskussionen über eine Impfpflicht, die in Deutschland nicht denkbar ist. Sinnvoller wäre es wohl, alle Menschen auf die Solidarität mit den Schutzlosen hinzuweisen.

Die Solidarität mit den Schwachen wäre auch in dieser Hinsicht wichtig. Auch wenn das Thema Impfung nicht unbedingt schick ist.

Autokindersitze

Die Stiftung Warentest veröffentlicht regelmäßig neue Testergebnisse über die Kindersicherheit im Auto. Im letzten Heft (November 2017) geht es um die Autokindersitze. In der folgenden Auswahl sind neben den besten neuen Sitzen mit guter Bewertung auch solche aus früheren Tests aufgeführt.

Kinder ab Geburt

i-size bis maximal 105 cm Körperlänge

  • Kiddy Evo-Luna i-Size                       480€        Note 1.5       aus Test 06/2016
  • Cybex Aton M i-Size & Base i-Size    350€                1.6       NEU (siehe Abbildung rechts)
  • Maxi-Cosi Pebble Plus                       275€                1.6       aus Test 11/2015

von Geburt bis 13 kg Körpergewicht

  • Cybex Aton 5                                     130€       Note 1.6       aus Test 06/2017
  • GB Idan                                              220€               1.7       aus Test 06/2017
  • Recaro Guardia  Smart Click Base    370€               1.8       NEU
  • Recaro Privia Evo & Smart Cl. Base  330€               1.8       NEU

von Geburt bis 18 kg Körpergewicht

  • Recaro Zero1                                     500€      Note 2.4        aus Test 11/2016
  • Klippan Kiss 2 Plus                            500€              2.5        NEU

Für Kinder ab 1 Jahr

von 9 kg bis maximal 36 kg Körpergewicht

  • Kiddy Phoenixfix 3                             259€      Note 1.7        aus Test 11/2016
  • Cybex Pallas M-Fix SL                      200€               1.9        aus Test 06/2017

von 15 kg bis 36 kg Körpergewicht

  • Cybex Solution M-Fix SL                   150€       Note 1.7       aus Test 06/2017
  • Britax Römer Kid II                             130€               1.8       aus Test 11/2015

Insgesamt fällt auf, dass für alle Sitze für Kinder ab dem Alter von 1 Jahr keine interessanten neuen Produkte auf den Markt kamen. Entweder rangieren sie auf den hinteren Plätzen (wie Max-Cosi Rodi XP Fix – immerhin Note 1.9) oder sie fielen gar durch (wie Jané Grand und Recaro Optia & Smart Click Base) wegen schwerwiegender Mängel.

Alle Eltern, die die Details nachlesen möchten, können sich das Testheft ab Dezember in der Praxis ausleihen. Bitte fragen Sie unsere Mitarbeiterinnen.

Bildnachweis: http://cybex-online.com/de/carseats/atonmisize.html

 

 

Grippeimpfung – oder schon flu shot

An einem Supermarkt in Halifax (Nova Scotia, Canada) fand sich die nebenstehende Aufforderung zur Impfung. FREE steht ganz oben. Weiter unten dann: “Ask your pharmacist”. Dieser Pharmacist verbirgt sich meist hinter einer großen Absperrung. Ob seine Antwort noch so schlicht ausfällt?

Kostenlos ist die Impfung für Kassenpatienten in Deutschland zum Glück immer. Und sie macht Sinn. Heute starten wir in der Praxis mit der Grippeimpfung (genauer, Impfung gegen Influenza). Aber ohne Werbung. Das ist bei uns nicht üblich und auch nicht erlaubt. Deswegen nur diese kurze Information.

Wer Interesse an der Impfung hat oder Fragen hierzu, möge sich bitte gerne melden. In unserer Region startet die Grippesaison frühestens im Dezember und sie dauert bis März. Eine Impfung im November verspricht den besten Erfolg.

Laktoseintoleranz – ein weltweites Thema

Die Laktoseintoleranz ist in aller Munde. Was früher als eine exotische Krankheit galt, hat heute fast jeder. Wirklich?

Christian Løvold Storhaug und Mitarbeiter von der Universität in Bergen (Norwegen) haben sich dieser Frage angenommen und die Daten aus über 200 Studien zusammengetragen, die 62.910 Kinder (über 10 Jahre) und Erwachsene aus 89 Ländern auf diese Störung untersuchten. Dabei zeigte sich, dass 2/3 der Erdbevölkerung von einer Laktoseintoleranz betroffen sein dürfte.

Laktose vertragen alle Säuglinge. Alle. Denn in der Muttermilch ist die Laktose das wesentliche Kohlenhydrat. Laktose unterstützt das Wachstum von Laktobazillen, die für die Zusammensetzung des Mikrobioms von besonderer Bedeutung sind. Der Laktosegehalt ist bei Muttermilch sogar doppelt so hoch wie in der Kuhmilch. Eine Laktoseintoleranz gibt es bei Säuglingen also nicht.

Mit der Entwöhnung von der Muttermilch sinkt auch Aktivität des Enzyms Laktase beim Menschen ab. Die Fähigkeit, Laktose zu verwerten geht also zurück. Das geschieht in verschiedenen Kulturen in unterschiedlichem Ausmaß. In Mitteleuropa ist die Toleranz von Laktose recht hoch, in Asien eher niedrig. Die genetische Eigenschaft, Laktose auch als Erwachsener nutzen zu können ist genetisch bedingt. Sie ist nach Untersuchungen des University College in London vor etwa 7500 Jahren im zentralen Balkan und Mitteleuropa unter Milchwirtschaftsbauern entstanden. Von dort ist diese für Menschen günstige Variation weiter nach Zentraleuropa und andere Regionen der Welt gekommen.

Bis heute weist der Großteil der Weltbevölkerung noch immer eine Unverträglichkeit von Laktose auf. Wenn auf den Verzehr von Laktose Beschwerden auftreten, spricht man von Laktoseintoleranz. Diese kann in unterschiedlicher Heftigkeit auftreten. Zur Diagnostik gibt es verschiedene Tests, deren Aussage jedoch schwer vergleichbar ist. Dies ist eines der Probleme der Studie von Christian Løvold Storhaug von der Universität Bergen, die auf sehr unterschiedliche wissenschaftliche Ergebnisse zurückgreift.

Durch verscheiden Rechenoperationen hat der Wissenschaftler versucht, diese Unterschiede auszugleichen. Dabei kam er für die Laktoseintoleranz zu folgenden Häufigkeiten weltweit (siehe Abbildung rechts): 

  • Asien 67%
  • Osteuropa, Russland und in den ehemaligen Sowjetrepubliken 47%
  • Lateinamerika  38%
  • Mittleren Osten 70%
  • Nordafrika 66%
  • Nordamerika   42%
  • Ozeanien 45%
  • Afrika südlich der Sahara 63%
  • Nord-, Süd- und Westeuropa 28%

Die Laktoseintoleranz ist also ein weltweites Thema. In vielen Ländern – z.B. im südlichen Afrika – wird jedoch wenig auf Kuhmilch (und ihre Produkte wie Käse oder Joghurt) zurückgegriffen. Dadurch entstehen auch keine gesundheitlichen Probleme. In Mitteleuropa hingegen, sind zwar 28% der Bevölkerung prinzipiell betroffen, jedoch in unterschiedlichem Ausmaß. So können einige problemlos Milch in den Kaffee geben und ein kleines Joghurt essen. Beim Käsefondue müssen sie dann aber doch passen.

Schwarz-Weiß geht also nicht. Manche vertragen Milch gut, andere überhaupt nicht. Und einige irgendwie dazwischen. Weltweit gibt es jedoch keine Region, wo Kuhmilch von so vielen vertragen wird wie bei uns.

Bildquelle: thelancet

Lebensmittelwarnungen

Auch wenn es hier um Warnungen vor verunreinigten Lebensmitteln geht: Nahrungsmittel, die wir in Deutschland zum Verzehr angeboten bekommen, waren in der Geschichte noch nie so sauber und von so guter Qualität wie heute. Anmerkungen wie “mal ehrlich… was können wir eigentlich noch essen?” (SWR-Fernsehen, 18.10.2017) sind völlig neben der Spur. Sie stammen von Autoren, die sich kaum auskennen aber gerne wichtig machen und die allgemeine Verunsicherung für ihre eigenen Vorteile zu nutzen wollen.

Dass Lebensmittel so sicher sind liegt daran, dass es eine regelmäßige und strenge Kontrollen aller Nahrungsmittel gibt. Bis ins Jahr 2005 gab es hierfür den Wirtschaftskontrolldienst (WKD), der seither in die Zuständigkeit der Landratsämter überging. In Stuttgart unterliegt die Kontrolle nun der Dienststelle für  ”Lebensmittelüberwachung, Verbraucherschutz und Veterinärwesen”. Kritische Verbraucher und bessere Verzahnung aller Beteiligter auch mit Hilfe der neuen Medien tragen dazu bei, dass die Endverbraucher schnell und umfassend informiert werden können.

Einen schnellen Überblick über alle bedeutsamen Lebensmittelwarnungen gibt die Homepage, die Sie durch Anklicken des Wortes aufrufen können. Dort sind aktuelle Warnungen schnell abrufbar.

Nahrungsmittelallergie doch nicht so häufig

Bisher wurde angenommen, dass Nahrungsmittelallergien sehr häufig seien. Bei etwa 8% der Kinder vermutete man allergische Beschwerden auf Nahrungsmittel; bei Erwachsenen lagen die Annahmen bei etwa 5%. Als Allergologe im nördlichen Bodenseeraum erschien mir diese Zahl immer enorm hoch. Zu hoch. Sollte jedes 12. Kind von einer Allergie gegen ein Nahrungsmittel betroffen sein? Für unsere Region war das nicht nachvollziehbar.

Eine groß angelegte Studie aus Boston hat sich dieser Frage nochmals angenommen. Wie das Journal of Allergy and Clinical Immunology (JACI) der amerikanischen Allergologen (American Acadamy of Allergy, Asthma and Immunologie – AAAAI) in seiner Mai-Ausgabe berichtet, wurden hierfür die Krankenakten von 2,7 Millionen Erwachsenen und Kindern zwischen den Jahren 2000 und 2013 in der Region Boston untersucht.

Die Arbeitsgruppe um Warren W Acker vom Brigham and Women’s Hospital in Boston fanden 97,482 Patients, die zumindest eine Nahrungsmittelallergie oder eine Unverträglichkeit von Nahrungsmitteln aufwiesen. Damit lag die Rate für Allergien und Unverträglichkeiten von Nahrungsmitteln bei 3.6%. Das wäre somit etwa die Hälfte dessen, was bisher angenommen wurde. Besonders betroffen waren Frauen und Asiaten.

Interessanterweise waren Krustentiere (0.9%) das häufigste Allergen. Danach folgten Früchte oder Gemüse (0.7%), Milch und Milchprodukte (0.5%) und Erdnüsse (0.5%). Eine von 6 Personen reagierte auf das jeweilige Allergen mit Schocksymptomen (“Anaphylaxie”), wobei diese Diagnose in den USA bereits bei leichten Symptomen gestellt wird.

Die Untersuchung ist nur begrenzt auf die Verhältnisse in Baden-Württemberg zu übertragen. Zum einen leben wir unter sehr unterschiedlichen Lebensbedingungen und auch unser Essverhalten ist – noch? – deutlich anders.

Es zeigt sich aber, dass Nahrungsmittelallergien ein bedeutsames Problem sind, aber eben nicht gar so häufig wie oft vermutet.   

Mal kurz die Welt retten – von Bettina Wolff (FAZ)

Der Nachname täuscht. Bettina Wolff hat nichts mit unserer Praxis zu tun. Aber der Artikel in der FAZ vom 10. Mai 2017 beschreibt witzig und klar den Voluntourismus – jenes Phänomen dieser Tage, das Tourismus mit der angesehenen Freiwilligenarbeit kombiniert. Man steht zuhause gut da und hat dennoch recht nett Urlaub gemacht. Eine vielschichtige Lüge, die auch jungen Menschen, die gerne und von Herzen helfen wollen, nicht unbedingt gut tut.  

Die Kinder beäugten die junge Frau verwirrt. Das war also die neue Freiwillige. Doch die Kleinen verstanden nicht, warum sie eine Schwarze vor sich sahen. Sind Helfer nicht immer weiße Menschen? Die Neue passte nicht in ihr Weltbild, in dem die Weißen den Schwarzen überlegen sind. „White Supremacy“ nennt sich diese Vorstellung, die sich vor allem durch die Kolonialzeit-Propaganda in der ganzen Welt tief in der gesellschaftlichen Überzeugung verankert hat. Auch hier. Die Kinder selbst waren zwar unterschiedlichster Herkunft. Doch trotzdem mussten sie alle erst einmal das Klischee der „weißen Retter“ über Bord werfen.

Bettina Wolff

„Das Vermächtnis des Kolonialismus ist viel gewaltiger, als man es sich vorstellen kann“, berichtet diese Freiwillige später. Die Siebenundzwanzigjährige ist als Schwarze in einem Land aufgewachsen, das ihre Familie noch als Rhodesien erlebt hat und das heute Zimbabwe heißt. Nach dem britischen Kolonialherrn Cecil Rhodes benannt, herrschte dort Rassentrennung. Da sie sowohl Zimbabwerin als auch Britin ist, lebt sie seit der Oberstufe in England. Die junge Frau hat ein Masterstudium in Internationaler Entwicklung absolviert und später ein Freiwilligenprojekt in Bolivien geleitet.

„Geh reisen, und sieh dir die Welt an!“, rät sie. Einen philanthropischen Ansatz dabei zu haben sieht die Zimbabwerin aber kritisch: Selbst wenn weiße Menschen mit den besten Intentionen Freiwilligenarbeit leisteten, verstärke es bereits bestehende rassistische Vorurteile. Die subtile Hierarchie zwischen Schwarzen und Weißen werde so gefestigt. Ein zentrales Problem ist die teils überhebliche Illusion der Freiwilligen, sie könnten mal eben die Welt retten – in den Sommerferien oder während eines „Gap Year“ nach dem Abitur oder im Studium.

Jedes Jahr entscheiden sich mehr als eine Million der 20 bis 25 Jahre jungen Menschen für „Voluntourism“. Die Kombination aus Tourismus und Freiwilligenarbeit wird seit Jahrzehnten immer beliebter. Besonders gefragt sind ferne Länder, die sowohl wunderschöne Urlaubsziele als auch Möglichkeiten bieten, „aktiv vor Ort einen sozialen Beitrag zu leisten“. Mit solchen Worten versprechen unzählige Anbieter, „sinnvolle Ferien“ zu organisieren – mit Entwicklungsprojekten sowie zusätzlichen Ausflügen und Abendveranstaltungen. So kann sich die Freiwillige doppelt gut fühlen. Und ein rundum positives Erlebnis zu schaffen ist oberste Priorität der Anbieter. Schließlich zahlen ihre Kunden bis zu mehrere tausend Euro in der Woche zuzüglich Flugkosten, um sich zum Beispiel an einem Hausbau in Kapstadt zu beteiligen. „Voluntourism“ ist eine Industrie, deren Wert auf mehr als eine Milliarde Euro geschätzt wird. Viele Hobby-Helfer sind vermutlich von jugendlichem Idealismus getrieben, aber auch Rentner und ganze Familien wollen ihr soziales Engagement unter Beweis stellen, zumindest am anderen Ende der Welt.

Für die meisten dieser Projekte sind keine fachlichen Vorkenntnisse nötig. Doch wie sinnvoll ist es, wenn ein Laie irgendwo ein Haus baut? Könnte ein einheimischer Bauarbeiter diese Arbeit nicht besser machen und durch die Bezahlung auch noch seine Familie ernähren? Und was bringt es, nur zwei Wochen lang im Schulunterricht auszuhelfen? Auf der Website des „Voluntourism“-Anbieters „Projects Abroad“ heißt es zum Beispiel: „Aufgrund des Lehrermangels… unterrichtest du in der Regel selbständig nach einem Lehrplan oder gemeinsam mit anderen Freiwilligen.“ Und: „Pädagogische Vorkenntnisse benötigst du nicht.“

Sofort drängt sich die  Frage nach der Nachhaltigkeit  auf. Wenn es wie beim Geschäftsmodell des „Voluntourism“ zum Selbstzweck wird, dass immer mehr Freiwillige beschäftigt werden, widerspricht das dem Nachhaltigkeitsprinzip. Stattdessen muss Hilfe zur Selbsthilfe das Ziel sein. Das bedeutet, gemeinsam mit Einheimischen Lösungen zu suchen, die immer weniger Freiwillige erfordern, bis Einheimische das Projekt irgendwann allein tragen. Inwieweit sowohl private als auch staatliche Entwicklungsorganisationen unvoreingenommen daran arbeiten können, muss kritisch überprüft werden. Schließlich würden sie sich damit selbst überflüssig machen.

Doch die Nachhaltigkeitsfrage hat eine weitere Facette: Würden wir in Deutschland jemanden unsere Kinder unterrichten lassen, der dazu keinerlei Qualifikation besitzt? Warum sollte das in einem anderen Land akzeptabel sein? Die westliche Angewohnheit, mit zweierlei Maß zu messen, kennt die Zimbabwerin nur zu gut. Warum meinen Westler immer noch, auf andere hinunterblicken und sie belehren zu können? Bei allen Problemen, die es zum Beispiel auch mit chinesischen Investoren in Entwicklungsländern gibt, ist mit ihnen das Gespräch auf Augenhöhe erfrischend. Sie kommen ohne den selbstgerechten Dünkel des Weltverbesserers und wollen einfach nur Geschäfte machen – mit Partnern, nicht mit Hilfsbedürftigen. Aus ihrem Herkunftsland kennt die junge Frau „Voluntourism“-Projekte, die daran gescheitert sind, dass Einheimische bei der Planung und Umsetzung gar nicht einbezogen wurden. Anscheinend hatten die „Helfer“ das Gefühl, das nicht nötig zu haben.

Für Axel Dreher, Direktor des Instituts für Wirtschaftswissenschaften der Universität Heidelberg, ist es das gleiche Konzept wie in der Kolonialzeit: die Idee, dass die Westler immer alles besser wissen. Er spricht zudem von einem „Parallelsystem“, wenn von außen finanzierte Projekte Aufgaben des Staates übernähmen, was letztlich nicht effizient sein könne. Selbst effektive Entwicklungsprogramme an Schulen könnten zum Beispiel die jeweilige Regierung des Landes davon abhalten, selbst in die Schulbildung zu investieren. Stattdessen könnte das eigentlich dafür vorgesehene Geld dann anderweitig und nicht unbedingt nachhaltig verwendet werden.

Es ist ein Teufelskreis, da Ursache und Wirkung wirtschaftlicher, politischer und sozialer Zusammenhänge in Entwicklungsländern oft nicht kritisch und damit auch nicht selbstkritisch hinterfragt werden. Dies verstärkt die Gefahr, dass sich sowohl „Voluntouristen“ als auch Einheimische in einem Weltbild der „weißen Vorherrschaft“, der „White Supremacy“, bestätigt fühlen. So wie die Kinder, die noch nie eine Schwarze als Freiwillige gesehen haben, weil deren Zahl eben viel geringer ist. Zudem sind die Zielländer der „Voluntouristen“ oft Entwicklungsländer, die einst von Europäern kolonialisiert und ausgebeutet wurden. Nicht umsonst wird Freiwilligenarbeit und insbesondere „Voluntourism“ mitunter in der Tradition des anmaßenden Missionierungsanspruchs Weißer gegenüber Schwarzen zur Zeit des Kolonialismus gesehen.

Im Internet lassen sich aber auch einige Berichte von Freiwilligen finden, die vor Ort zu realisieren scheinen, dass ihre Arbeit an der gewünschten Weltverbesserung vorbeigeht oder sogar ins Gegenteil umschlägt. Paradebeispiel hierfür ist der „Waisen-Tourismus“. So führt die hohe Nachfrage nach Freiwilligenarbeit in Waisenhäusern an einigen Orten zu einer Form von Kinderhandel: Die Kleinen werden von ihren Familien getrennt und in scheinbaren Waisenhäusern zur Schau gestellt. Die Betreiber streichen die Spenden der Freiwilligen ein. So hatten laut Unicef, dem Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen, in Kambodscha mehr als drei Viertel der Kinder in Waisenhäusern noch ein oder zwei lebende Elternteile. Außerdem steige dort die Zahl der von nicht staatlichen Organisationen (NGO) betriebenen Waisenhäuser seit mehr als einem Jahrzehnt beständig. Unicef mahnt Freiwillige deshalb, nicht in Waisenhäusern zu arbeiten.

In Nepal sieht die Situation ähnlich aus. Im südlichen Afrika ist zudem ein „Aids-Waisen-Tourismus“ entstanden, der die Situation der betroffenen Kinder laut einer Untersuchung des südafrikanischen Human Sciences Research Council möglicherweise noch verschlimmert. Denn sie bauen emotionale Bindungen zu den Durchreisenden auf, die dann ständig wieder aufgegeben werden müssen.

Die junge Entwicklungsexpertin aus Zimbabwe schätzt den Nutzen von solchen Projekten aus diesen Gründen geringer ein als den Schaden. Wer profitiert also davon? Bei geringer Nachhaltigkeit muss man sagen: vor allem die Freiwilligen sowie die Organisatoren mit ihren Angestellten. Versucht man, den Leistungsbericht des Anbieters „Projects Abroad“ mit Projektergebnissen der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) zu vergleichen, wird deutlich, dass die Freiwilligenarbeit von „Voluntouristen“ keine echte Alternative zur Entwicklungszusammenarbeit darstellt.

Grundsätzlich bleibt es aber fraglich, ob selbst professionelle Entwicklungsprogramme, wenn auch weitaus effektiver, wirklich nachhaltig sind. Peter Nunnenkamp vom Institut für Weltwirtschaft in Kiel hält es für „unsagbar schwierig“, die Wirksamkeit von Entwicklungsprojekten wirklich messen zu wollen. Er könne sich aber auch nicht vorstellen, dass man ohne Bürokratie leicht Nachhaltigkeit schaffen kann. Deshalb zweifle er das auch bei „Voluntourism“-Unternehmen mit einer teils überaus kurzen Durchlaufzeit von Freiwilligen an.

„Wenn du wirklich helfen willst, dann mach dir nichts vor“, fasst die Zimbabwerin die Situation zusammen. Freiwillige zahlten Tausende Euros und reisten einmal um den Globus, um mit Kindern zu spielen. Allein mit den Flugkosten hätten sie wohl einige Klassenzimmer finanzieren können, mutmaßt sie. Es sei viel Augenwischerei im Spiel, die die Vorstellung aufrechterhalte, man könne damit die Welt retten. Die wirklichen Probleme würden dadurch verschleiert, weil es keine nachhaltigen Lösungen schaffe.

Es ist kein Geheimnis, dass EU-Staaten mit ihren subventionierten Produkten die Märkte in den afrikanischen Ländern zerstören. Deutsche Milchprodukte werden dort zum Beispiel günstiger verkauft, als afrikanische Hersteller sie in ihrem eigenen Land wirtschaftlich rentabel anbieten können. „Wir sollten uns anschauen, welche Firmen und Unternehmen wir unterstützen und welche Entscheidungen unsere Regierungen in Politik und Wirtschaft auch außerhalb unseres Heimatlandes treffen“, sagt die einstige Helferin aus Zimbabwe. Freiwilligenarbeit beginnt zu Hause. Da, wo es einem weh tun könnte, auf Privilegien zu verzichten – und wo man sein soziales und politisches Engagement nicht mit einem Foto auf Facebook in Szene setzen kann.