Kategorie-Archiv: Politisches

Was geht rum? 21. Oktober 2017

Wie traumhaft schön waren die letzten Wochen! Und dabei noch so angenehm warm. Ein weiterer Nebeneffekt dieser herrlichen Zeit: ein goldener Oktober ist auch günstig für die Gesundheit.

Es verwundert nicht, dass die gerade begonnene Häufung von Infekten zum Monatswechsel bereits wieder verschwand. Inzwischen gibt es nur wenige Atemwegsinfekte. Magen-Darm-Erkrankungen treten nur vereinzelt auf. Auffällig sind einige wenige Kinder und Jugendliche mit deutlicher Bronchitis. Solche, die ein Asthma bronchiale haben, zeigen oft deutliche Verschlechterungen mit Atemnot.

Man muss kein Hellseher sein um zu sagen, dass sich das alles bald ändern wird. In den kommenden kühleren und spürbar kürzeren Tagen, sitzen wir alle in den kuscheligen Wohnungen enger zusammen. Da können sich dann die Viren ausbreiten, die uns krank machen. Dazu gehören irgendwann auch die Grippe-Viren. Gegen die gibt es immerhin eine wirksame Impfung.

Kinderkrankheiten waren keine festzustellen.

Und was geht in der Welt rum? In Italien gibt es weiterhin Erkrankungen an Chikungunya. In den besonders betroffenen Städten Anzio, Rom und Latina sollte ein guter Mückenschutz sichergestellt sein. Die Lungenpest greift in Madagaskar immer weiter um sich (1153 Erkrankungen mit 95 Todesfällen, Stand 21.10.2017). Sie ist bei engem Kontakt leicht übertragbar und kam über einen Erkrankten im Buschtaxi – die Mitfahrer waren ahnungslos – nach Antananarivo. Von Reisen mit Kindern auf die große Insel ist dringend abzuraten.

Choosing wisely – Klug entscheiden

“Ich lass das lieber mal untersuchen, kann ja nicht schaden”. Stimmt das? Nein, eine Untersuchung kann sehr wohl schaden. Zumindest kann sie öfter zu nichts nutzen. Schon vor über 30 Jahren wurde mir als angehendem Arzt an der Universität in Zürich nahegelegt, jede Maßnahme an einem Patienten genau zu überdenken: ”Was ändert sich für den Patienten, wenn Du ein Röntgen-Bild machst?” Wird dann die Therapie eine andere sein? Wenn nein, dann sollte der Patient keine unnötige Strahlenbelastung bekommen.

Wie die nebenstehende Graphik zeigt, sind Ärzte und Patienten unterschiedlicher Meinung, ob zu viel oder zu wenig untersucht wurde. Meistens werden umfangreiche Untersuchungen als enorme Zuwendung und somit positiv empfunden. Ärzte hingegen kennen die Fallstricke von medizinischen Tests und beurteilen sie deutlich zurückhaltender.

Heute hat diese Einstellung in der Medizin einen neuen Namen: Choosing wisley. Wie so oft kommt die Bewegung aus den USA, wo sie 2011 von Howard Brody in Gang gesetzt wurde. Er forderte die Ärzte in einer Veröffentlichung auf, das Wohl der Patienten an die erste Stelle zu setzen.

Viele Fachgesellschaften haben die Prinzipien von Chossing wisely inzwischen übernommen. Es wird Ärzten Mut gemacht, manchmal Dinge zu unterlassen, die dem Patienten unnötig belasten oder gar schaden könnten. Dabei sollten Patienten in die Entscheidung mit eingebunden werden. Das ist besonders wichtig, haben sie doch oft das Gefühl, dass viele und große Untersuchungen für die günstig seien. Erst eine genaue Abwägung im Dialog mit den Patienten kann den Weg finden, der für den Patienten im Einzelfall der richtige ist.

Die Aufgabe – weniger ist manchmal mehr – ist also keine leichte. Sie basiert auf einem vertrauensvollen Verhältnis von Patient und Arzt.

 

Bildnachweis: https://www.bertelsmann-stiftung.de/fileadmin/files/BSt/Publikationen/GrauePublikationen/VV_SpotGes_ChoosingWisely_dt_final_web.pdf

Elternkurs in Sigmaringen

“Manchmal weiß ich nicht was ich machen soll…..”. Mit diesen Worten kommen Eltern oft zum Kinder- und Jugendarzt. Was in Büchern so einfach daher kommt, kann im Alltag eine große Herausforderung sein: das Verhalten der Kinder.

Ab Oktober 2017 bietet die Mariaberger Ausbildung & Service gGmbH im Rahmen de Landesprogrammes STÄRKE Kurse für Eltern an, in denen auf eben diese alltäglichen Erziehungssituationen eingegangen wird.

Der erste Kurs für Eltern von Kindern unter 12 Jahren findet am 17. Oktober 2017 um 20 Uhr in Sigmaringen statt. Bei Interesse ist eine Voranmeldung bis zum 13. Oktober erforderlich per Telefon (07571  74 86-0) oder Mail (g.scheuerle@mariaberg.de).

Keuchhustenimpfung für Schwangere?

Es ist nicht lange her, da wäre man als Arzt gesteinigt worden, hätte man Impfungen von Schwangeren auch nur erwogen. Das scheint sich zu ändern.

Eine umfangreiche Studie aus Kalifornien konnte zeigen, dass die Impfung werdender Mütter gegen Keuchhusten sehr effektiv ist. Anhand der Daten von 148.981 Neugeborenen (2010 – 2015) konnte die Arbeitsgruppe um Roger Baxter vom Kaiser Permanente Vaccine Study Center in Oakland/ California zeigen, dass die Impfung der künftigen Mütter ab der 27. Woche der Schwangerschaft günstig ist. Sie konnte eine Keuchhustenerkrankung des Neugeborenen in den ersten zwei Lebensmonaten zu 91.4% verhindern.

Das wäre ein Durchbruch. Nach dem bisherigen deutschen Impfschema ist ein Schutz des Säuglings frühestens mit 4 Monaten zu erwarten. Die Lücke ab Geburt könnte also durch eine einzige mütterliche Impfung effektiv geschlossen werden.

Die deutsche Impfkommission (STIKO) wird in den kommenden Monaten vergleichbare Studien bewerten. Falls sich hierbei zeigt, dass die mütterliche Impfung keinen negativen Effekt auf die später folgende Impfung des Säuglings selbst haben sollte werden die aktuellen Empfehlungen angepasst werden.

Kindersicherheit

Die Welt ist komplex. Gestern noch war Fax, heute löst das bei aktiven Menschen nur noch müdes Lächeln aus. Kommunikation findet auf Hunderten von Wegen statt. Der klassische Brief? Viele haben noch nie einen handschriftlich geschrieben.

Was sich ebenso rasant ändert sind die Produkte des täglichen Lebens. Da gibt es ständige Verbesserungen der Funktionalität, der Materialien, der Farben. Und trotzdem gehen die Preise mit der Zeit rasant nach unten.

Eltern stellt das vor schwierige Entscheidungen. Sollen wir den Kinderwagen von einem Verwandten übernehmen? Aber der ist doch schon 12 Jahre alt. Und die Räder sind nicht so gut gelagert wie bei den heutigen Produkten. Kann ich den auch beim Joggen nutzen, oder kippt er beim nächsten kleinen Ast vom letzten Sturm um?

Das Internet bietet ein Bündel von Informationen in Blogs. Eine sehr gute Unterstützung in Fragen von Produkten die Familien betreffen bietet der DIN-Verbraucherrat mit einer Broschüre, die praktische Tipps zu folgenden Themen aufzeigt:

  • Kinderwagen
  • Schnuller
  • Kinderliegesitze/Babywippen
  • Kindertragen ohne Gestell
  • Babyschlafsäcke
  • Sitzerhöhungen für Stühle

Eine lohnende Lektüre, wenn Eltern sich aktuell informieren möchten.

Impfung gegen Rotaviren: steigende Akzeptanz

Seit wenigen Jahren hat sich die Impfung gegen die Rotaviren etabliert. Sie richtet sich gegen den häufigsten Erreger der Magen-Darm-Grippe im Kindesalter. Die Schluckimpfung sollte vor der 12. Lebenswoche begonnen werden und ist – je nach Impfstoff – nach 2 bzw. 3 Dosen abgeschlossen.

Die Impfung ist gut verträglich. Mit zunehmendem Alter des Kindes steigt aber das Risiko eine Darmeinstülpung (Invagination) zu erleiden. Deswegen ist eine frühe Impfung wichtig.

Erstaunlich ist die unterschiedliche Akzeptanz in Deutschland, wie die nebenstehende Graphik zeigt (blau= hoher Durchimpfungsgrad). Während im Landkreis Rosenheim (Bayern) nur 15% aller Säuglinge vollständig geimpft sind, sind es im Landkreis Dessau-Roßlau (Sachsen-Anhalt) 89%. In der Summe ist sind die Impfquoten der Rotavirusimpfung seit ihrer offiziellen Empfehlung durch die STIKO im August 2013 angestiegen. Eine zeitgerechte vollständige Impfung erhielten bundesweit 60.5% der Säuglinge.

Impfungen bleiben umstritten. Nachvollziehbar ist das nicht immer.

Angebot für Familien im Kreis Sigmaringen

Vielen dürfte das Projekt Familie am Start nicht so ganz bekannt sein. Auf dieser Seite werden Eltern von Säuglingen und Kleinkindern verschiedene Angebote aufgezeigt, die Ihnen im Kreis Sigmaringen zur Verfügung stehen, wenn einmal Probleme auftauchen sollten.

Meinem Kind wird’s beim Autofahren schlecht

In meiner Kindheit war das noch der Normalzustand: Einsteigen ins Auto, Fahrt über die vor 50 Jahren recht kurvigen und holprigen Straßen. Und nach wenigen Kilometern musste angehalten werden. Wir Kinder erleichterten uns am Straßenrand. Auf der weiteren Fahrt wiederholte sich das alle 30-40 km. Heute hat man dafür einen Namen, Reisekrankheit, medizinisch auch Kinetose genannt.

Die kommt heute jedoch selten vor. Kinder wachsen mit dem Auto auf. Vielen dient es fast als Einschlafmittel. Und so verwundert es kaum, dass sie damit gut zurecht kommen.

Was tun, wenn Kinder doch unter der Reisekrankheit leiden und es ihnen oft übel wird?

  • Während der Autofahrt zu lesen oder in ein Tablet zu schauen ist ungünstig. Besser ist es, die Aufmerksamkeit des Kindes auf Dinge in weiterer Entfernung zu lenken
  • Dazu bieten sich Spiele an, damit Kinder angeregt werden dies zu tun. Z.B.: “Wie viele Autos auf unserer Straße sind rot?”. Oder später das Spiel mit den Teekesselchen für die Älteren. Dabei gilt es Worte mit Doppelbedeutungen zu finden: “Maus” – die Maus als Tier oder die Computermaus. Meist beschreibt ein Spieler was er sieht: z.B..”Auf meinem Teekesselchen wachsen Pflanzen” = “Erde”. In diesem Fall die Erde vom Acker, aber Erde steht auch für die Erdkugel.
  • Kinder müssen aus Sicherheitsgründen auf der Rückbank sitzen. Diejenigen, denen es gerne beim Fahren übel wird, sollten in die Mitte platziert werden. Dann können sie ihren Blick problemlos in die Ferne richten.
  • Zum Seitenfenster hinauszuschauen ist ungünstig.
  • Und: frische Luft ist immer gut

 

 

Adoptivkinder: Wie es ist, als Schwarze in einer weißen Adoptivfamilie aufzuwachsen

Als Adoptivkind aufzuwachsen, ist auch in unserer – äusserlich aufgeklärt daher kommenden Gesellschaft – nicht ohne Tabus. Schwieriger ist es noch, wenn die Hautfarbe die Adoption verdeutlicht. Ein Artikel von Henrike Möller im ze.tt zeigt die Thematik gut auf.

Louisa wächst bei Adoptiveltern in Berlin auf. Mit 16 macht sie sich auf die Suche nach ihren Wurzeln – und landet im 8.500 Kilometer entfernten Madagaskar.

„Er sieht mir so unfassbar ähnlich!“ Louisa steht am madagassischen Flughafen und ist glücklich. Auch an ihrer Mutter entdeckt sie Gemeinsamkeiten: „Wir haben eine ähnliche Gestik und sprechen auch ähnlich. Obwohl sie eine andere Sprache spricht, hat sich das angehört wie bei mir.“

Drei Jahre nach der ersten Kontaktaufnahme zu ihren leiblichen Eltern hatte sie den Entschluss gefasst, sie in Madagaskar zu besuchen. Nun hat sie ihr Ziel erreicht. Doch hat sie sich auch selbst gefunden?

Es tut weh, sich eingestehen zu müssen, dass die engsten Vertrauten nicht mit einem verwandt sind.“ – Louisa

Drehen wir erstmal ein paar Jahre zurück. Als Louisa ein kleines Kind war, rief sie immer absichtlich ganz laut nach Mama und Papa. „Die Leute sollten wissen, dass das meine Eltern sind, auch wenn ich nicht aussehe wie sie“, erinnert sie sich. Louisas Haut ist schwarz, die ihrer Adoptiveltern weiß. Trotzdem wollte sie lange nicht wahrhaben, dass sie nicht deren leibliche Tochter ist: „Es tut weh sich, eingestehen zu müssen, dass die engsten Vertrauten nicht mit einem verwandt sind.“ Um überhaupt damit klarzukommen, habe sie das ganze Adoptionsthema erstmal abblocken müssen, weiß Louisa heute.

Bis zur siebten Klasse geht Louisa den Fragen nach ihrer Herkunft rigoros aus dem Weg. Es genügt ihr zu wissen, dass ihre Adoptivfamilie – sprich ihre Eltern und deren vier leibliche Söhne – sie lieb haben. Doch dann wechselt sie die Schule und findet sich plötzlich inmitten von ganz vielen anderen Jugendlichen mit Migrationshintergrund wieder.

Im Unterschied zu ihnen, kann sie die Frage nach ihren Wurzeln aber nicht beantworten. Madagaskar, ja, das stand in den Adoptionspapieren, aber wie sieht es dort aus? Wie leben die Menschen da? Mit jedem Mitschüler/in, der/die sie auf ihre Herkunft anspricht, wächst in Louisa der Druck, mehr in Erfahrung bringen zu müssen.

Und, woher kommst du so?

Plötzlich beginnt sie, sich in ihrer Adoptivfamilie unwohl zu fühlen. „Ich habe mich nicht mehr zugehörig gefühlt“, sagt Louisa. Sie wirft ihnen vor, sie nicht lieb zu haben, rebelliert, wird zur Einzelgängerin. Schließlich bittet Louisa sie darum, ihr bei der Suche nach ihren leiblichen Eltern zu helfen. Gemeinsam beauftragen sie eine Agentur. Als die nach einem Jahr immer noch nichts gefunden hat, beschließt Louisas Großvater, die Sache selbst in die Hand zu nehmen.

In den Adoptionsunterlagen entdeckt er die Reisepassnummer von Louisas leiblicher Mutter. Damit fährt er zur madagassischen Botschaft, die sie schließlich ausfindig macht. Genauso wie ihren leiblichen Vater, von dem Louisa bis dato dachte, er sei tot. In den Adoptionspapieren hatte es so gestanden. Zögerlich beginnt Louisa ihren leiblichen Eltern Briefe zu schreiben. Sie erfährt, dass deren Beziehung schon vor ihrer Geburt in die Brüche gegangen war. Von einem gemeinsamen Kind hatte ihr leiblicher Vater gar nichts gewusst. Bis zu Louisas Kontaktaufnahme.

Drei Jahre lang tauscht Louisa mit ihren leiblichen Eltern in regelmäßigen Abständen E-Mails und Fotos aus. Sie ist 19, als sie nach Madagaskar reist. Ein Land, das ihr genau so fremd ist wie ihrer Adoptivfamilie, die sie begleitet. „Ich habe versucht, nicht zu viel zu erwarten“, erinnert sich Louisa zurück, „mir nicht das große Paradies mit meinen Eltern vorzustellen, von wegen ich lerne sie kennen und alles wird gut.“

“Wenn ich unter Madagassen bin, bin ich die Deutsche. Wenn ich unter Deutschen bin, die Madagassin.“ – Louisa

Doch die ersten Eindrücke von ihrer Familie in Madagaskar sind erstmal positiv. Sie fühlt sich gut und entdeckt Gemeinsamkeiten und Ähnlichkeiten, die sie mit ihren Adoptiveltern nicht hat. Louisas anfängliche Faszination weicht jedoch schnell der ersten Ernüchterung: „Wir hatten viele Hemmungen, überhaupt ein Thema zu finden“, erzählt sie, „und das lag nicht nur an der Sprachbarriere.“ Besonders ihre leibliche Mutter habe sich schwer getan: „Sie schämt sich dafür, mich abgegeben zu haben.“

Als Louisa nach Deutschland zurückkehrt, ist sie enttäuscht: „Ich dachte, die erste Begegnung mit meinen leiblichen Eltern würde alles klären, aber genau das Gegenteil ist passiert. Danach hatte ich mehr Fragen als vorher.“ Nach wie vor weiß Louisa nicht, warum ihre leibliche Mutter sie hergegeben hat. Nach wie vor hat Louisa das Gefühl, nirgends richtig dazuzugehören. Auch heute nicht: fünf Jahre später. Wer ist sie nun? Deutsche oder Madagassin? „Wenn ich unter Madagassen bin, bin ich die Deutsche. Wenn ich unter Deutschen bin, die Madagassin.“

Das Gefühl nirgends dazuzugehören

Dabei hat sich Louisa selbst nie als Ausländerin gesehen. „Ich bin in Berlin aufgewachsen. Als ich in Madagaskar war, wollte ich einfach nur Vollkornbrot mit Käse essen. So wie jede*r andere Deutsche auch. Trotzdem wollen mich die Leute hier lieber als Madagassin sehen, als Exotin, weil das spannender ist.“ Immer wieder erlebt Louisa Momente, in denen sie sich auf ihre Hautfarbe reduziert fühlt. Oder auf den Umstand, dass sie adoptiert ist. „Manchmal wünschte ich, es wäre anders. Manchmal wünschte ich, ich müsste mich nicht jedes Mal erklären“, gibt sie zu.

Trotzdem bereut Louisa es keinesfalls, ihre leiblichen Eltern kennengelernt zu haben. „Ich kann mir jetzt ein Bild von ihnen machen. Das gibt mir sehr viel.“ Es sei zudem wichtig für sie gewesen, jemandem gegenüberzustehen, der tatsächlich mit ihr verwandt sei.

„Ich bin nun bereit, mit anderen Menschen über meine Herkunft zu sprechen“, sagt sie. „Mir ist das Thema nicht mehr länger unangenehm.“ Ganz und gar damit abschließen wird Louisa wohl nie können, glaubt sie. „Ich muss mich kontinuierlich damit auseinandersetzen. Ich habe keine andere Wahl. Ich muss den Leuten zeigen, dass ich irgendwo dazugehöre.“

Arm – Reich – Gefälle: Verteilung von Kinderärzten in Deutschland

Die Bürgerversicherung hat es in den letzten Monaten erneut in die Schlagzeilen geschafft und wird vor der Bundestagswahl kontrovers diskutiert. Eng damit verbunden ist das Thema, dass Patienten mit privater Versicherung besser behandelt würden als Kassenpatienten. So einfach sollte man es sich mit der Krankenversicherung jedoch nicht machen. Privatpatienten werden vielleicht öfter zum Arzt einbestellt und sie kommen im Durchschnitt schneller an einen Termin – weil jedes Mal etwas abgerechnet werden kann. Aber wird die Behandlung dadurch besser?

Eine echte Ungleichheit zeigt jedoch eher bei der Verteilung der Ärzte. Als Kinder- und Jugendarzt ist die Verteilung der Kinderärzte in Deutschland aufschlussreich. Das wird am Beispiel Berlin deutlich (siehe die Graphik rechts). Dort arbeiten für 100.000 Kinder und Jugendliche (100.000 Einwohner unter 18 Jahren) 52,5 Kinder- und Jugendärzte. Für ganz Deutschland liegt diese Zahl bei 43,7 Kinder- und Jugendärzten. Ein Kind in Deutschland hat somit Im Durchschnitt 17% weniger Kinderärzte zur Verfügung als in Berlin (Stadt-Land-Gefälle). Innerhalb Berlins kommt hinzu, dass in den ärmeren Kiezen wie Neukölln (41,6) die Zahl der Kinderärzte deutlich niedriger liegt als im Villenviertel Zehlendorf (66,2). Für die Orthopäden liegen die Unterschiede noch deutlicher. In Zehlendorf sind mehr als doppelt so viele Orthopäden für die Menschen tätig als in Neukölln. Ärzte sind also in wohlhabenderen Regionen häufiger anzutreffen als in ärmeren (Arm-Reich-Gefälle).

Ärzte gehen im Trend gerne dorthin, wo reichere Menschen leben und ihnen ein höheres Einkommen bescheren. Das machen viele Berufsgruppen, darüber sprechen will aber niemand.

In Deutschland müssen wir weiter darum ringen, diese Ungleichgewichte abzubauen. Es kann in letzter Konsequenz nicht angehen, dass Ärzte von der Allgemeinheit ihr teures Studium finanziert bekommen, um sich nachher in einer reinen Privatpraxis nur um die finanziell besser gestellten Privatpatienten zu kümmern. Vermutlich würde das vielen Privatpatienten auch helfen, wenn sie auch von Ärzten behandelt würden, denen das Geld nicht gar so wichtig ist. Aber das ist eine andere Geschichte.

 

Bildquelle: http://www.berlin.de/ba-neukoelln/_assets/dokumente/abteilung-gesundheit/studie_webversion.pdf