Kategorie-Archiv: Politisches

Adoptivkinder: Wie es ist, als Schwarze in einer weißen Adoptivfamilie aufzuwachsen

Als Adoptivkind aufzuwachsen, ist auch in unserer – äusserlich aufgeklärt daher kommenden Gesellschaft – nicht ohne Tabus. Schwieriger ist es noch, wenn die Hautfarbe die Adoption verdeutlicht. Ein Artikel von Henrike Möller im ze.tt zeigt die Thematik gut auf.

Louisa wächst bei Adoptiveltern in Berlin auf. Mit 16 macht sie sich auf die Suche nach ihren Wurzeln – und landet im 8.500 Kilometer entfernten Madagaskar.

„Er sieht mir so unfassbar ähnlich!“ Louisa steht am madagassischen Flughafen und ist glücklich. Auch an ihrer Mutter entdeckt sie Gemeinsamkeiten: „Wir haben eine ähnliche Gestik und sprechen auch ähnlich. Obwohl sie eine andere Sprache spricht, hat sich das angehört wie bei mir.“

Drei Jahre nach der ersten Kontaktaufnahme zu ihren leiblichen Eltern hatte sie den Entschluss gefasst, sie in Madagaskar zu besuchen. Nun hat sie ihr Ziel erreicht. Doch hat sie sich auch selbst gefunden?

Es tut weh, sich eingestehen zu müssen, dass die engsten Vertrauten nicht mit einem verwandt sind.“ – Louisa

Drehen wir erstmal ein paar Jahre zurück. Als Louisa ein kleines Kind war, rief sie immer absichtlich ganz laut nach Mama und Papa. „Die Leute sollten wissen, dass das meine Eltern sind, auch wenn ich nicht aussehe wie sie“, erinnert sie sich. Louisas Haut ist schwarz, die ihrer Adoptiveltern weiß. Trotzdem wollte sie lange nicht wahrhaben, dass sie nicht deren leibliche Tochter ist: „Es tut weh sich, eingestehen zu müssen, dass die engsten Vertrauten nicht mit einem verwandt sind.“ Um überhaupt damit klarzukommen, habe sie das ganze Adoptionsthema erstmal abblocken müssen, weiß Louisa heute.

Bis zur siebten Klasse geht Louisa den Fragen nach ihrer Herkunft rigoros aus dem Weg. Es genügt ihr zu wissen, dass ihre Adoptivfamilie – sprich ihre Eltern und deren vier leibliche Söhne – sie lieb haben. Doch dann wechselt sie die Schule und findet sich plötzlich inmitten von ganz vielen anderen Jugendlichen mit Migrationshintergrund wieder.

Im Unterschied zu ihnen, kann sie die Frage nach ihren Wurzeln aber nicht beantworten. Madagaskar, ja, das stand in den Adoptionspapieren, aber wie sieht es dort aus? Wie leben die Menschen da? Mit jedem Mitschüler/in, der/die sie auf ihre Herkunft anspricht, wächst in Louisa der Druck, mehr in Erfahrung bringen zu müssen.

Und, woher kommst du so?

Plötzlich beginnt sie, sich in ihrer Adoptivfamilie unwohl zu fühlen. „Ich habe mich nicht mehr zugehörig gefühlt“, sagt Louisa. Sie wirft ihnen vor, sie nicht lieb zu haben, rebelliert, wird zur Einzelgängerin. Schließlich bittet Louisa sie darum, ihr bei der Suche nach ihren leiblichen Eltern zu helfen. Gemeinsam beauftragen sie eine Agentur. Als die nach einem Jahr immer noch nichts gefunden hat, beschließt Louisas Großvater, die Sache selbst in die Hand zu nehmen.

In den Adoptionsunterlagen entdeckt er die Reisepassnummer von Louisas leiblicher Mutter. Damit fährt er zur madagassischen Botschaft, die sie schließlich ausfindig macht. Genauso wie ihren leiblichen Vater, von dem Louisa bis dato dachte, er sei tot. In den Adoptionspapieren hatte es so gestanden. Zögerlich beginnt Louisa ihren leiblichen Eltern Briefe zu schreiben. Sie erfährt, dass deren Beziehung schon vor ihrer Geburt in die Brüche gegangen war. Von einem gemeinsamen Kind hatte ihr leiblicher Vater gar nichts gewusst. Bis zu Louisas Kontaktaufnahme.

Drei Jahre lang tauscht Louisa mit ihren leiblichen Eltern in regelmäßigen Abständen E-Mails und Fotos aus. Sie ist 19, als sie nach Madagaskar reist. Ein Land, das ihr genau so fremd ist wie ihrer Adoptivfamilie, die sie begleitet. „Ich habe versucht, nicht zu viel zu erwarten“, erinnert sich Louisa zurück, „mir nicht das große Paradies mit meinen Eltern vorzustellen, von wegen ich lerne sie kennen und alles wird gut.“

“Wenn ich unter Madagassen bin, bin ich die Deutsche. Wenn ich unter Deutschen bin, die Madagassin.“ – Louisa

Doch die ersten Eindrücke von ihrer Familie in Madagaskar sind erstmal positiv. Sie fühlt sich gut und entdeckt Gemeinsamkeiten und Ähnlichkeiten, die sie mit ihren Adoptiveltern nicht hat. Louisas anfängliche Faszination weicht jedoch schnell der ersten Ernüchterung: „Wir hatten viele Hemmungen, überhaupt ein Thema zu finden“, erzählt sie, „und das lag nicht nur an der Sprachbarriere.“ Besonders ihre leibliche Mutter habe sich schwer getan: „Sie schämt sich dafür, mich abgegeben zu haben.“

Als Louisa nach Deutschland zurückkehrt, ist sie enttäuscht: „Ich dachte, die erste Begegnung mit meinen leiblichen Eltern würde alles klären, aber genau das Gegenteil ist passiert. Danach hatte ich mehr Fragen als vorher.“ Nach wie vor weiß Louisa nicht, warum ihre leibliche Mutter sie hergegeben hat. Nach wie vor hat Louisa das Gefühl, nirgends richtig dazuzugehören. Auch heute nicht: fünf Jahre später. Wer ist sie nun? Deutsche oder Madagassin? „Wenn ich unter Madagassen bin, bin ich die Deutsche. Wenn ich unter Deutschen bin, die Madagassin.“

Das Gefühl nirgends dazuzugehören

Dabei hat sich Louisa selbst nie als Ausländerin gesehen. „Ich bin in Berlin aufgewachsen. Als ich in Madagaskar war, wollte ich einfach nur Vollkornbrot mit Käse essen. So wie jede*r andere Deutsche auch. Trotzdem wollen mich die Leute hier lieber als Madagassin sehen, als Exotin, weil das spannender ist.“ Immer wieder erlebt Louisa Momente, in denen sie sich auf ihre Hautfarbe reduziert fühlt. Oder auf den Umstand, dass sie adoptiert ist. „Manchmal wünschte ich, es wäre anders. Manchmal wünschte ich, ich müsste mich nicht jedes Mal erklären“, gibt sie zu.

Trotzdem bereut Louisa es keinesfalls, ihre leiblichen Eltern kennengelernt zu haben. „Ich kann mir jetzt ein Bild von ihnen machen. Das gibt mir sehr viel.“ Es sei zudem wichtig für sie gewesen, jemandem gegenüberzustehen, der tatsächlich mit ihr verwandt sei.

„Ich bin nun bereit, mit anderen Menschen über meine Herkunft zu sprechen“, sagt sie. „Mir ist das Thema nicht mehr länger unangenehm.“ Ganz und gar damit abschließen wird Louisa wohl nie können, glaubt sie. „Ich muss mich kontinuierlich damit auseinandersetzen. Ich habe keine andere Wahl. Ich muss den Leuten zeigen, dass ich irgendwo dazugehöre.“

Arm – Reich – Gefälle: Verteilung von Kinderärzten in Deutschland

Die Bürgerversicherung hat es in den letzten Monaten erneut in die Schlagzeilen geschafft und wird vor der Bundestagswahl kontrovers diskutiert. Eng damit verbunden ist das Thema, dass Patienten mit privater Versicherung besser behandelt würden als Kassenpatienten. So einfach sollte man es sich mit der Krankenversicherung jedoch nicht machen. Privatpatienten werden vielleicht öfter zum Arzt einbestellt und sie kommen im Durchschnitt schneller an einen Termin – weil jedes Mal etwas abgerechnet werden kann. Aber wird die Behandlung dadurch besser?

Eine echte Ungleichheit zeigt jedoch eher bei der Verteilung der Ärzte. Als Kinder- und Jugendarzt ist die Verteilung der Kinderärzte in Deutschland aufschlussreich. Das wird am Beispiel Berlin deutlich (siehe die Graphik rechts). Dort arbeiten für 100.000 Kinder und Jugendliche (100.000 Einwohner unter 18 Jahren) 52,5 Kinder- und Jugendärzte. Für ganz Deutschland liegt diese Zahl bei 43,7 Kinder- und Jugendärzten. Ein Kind in Deutschland hat somit Im Durchschnitt 17% weniger Kinderärzte zur Verfügung als in Berlin (Stadt-Land-Gefälle). Innerhalb Berlins kommt hinzu, dass in den ärmeren Kiezen wie Neukölln (41,6) die Zahl der Kinderärzte deutlich niedriger liegt als im Villenviertel Zehlendorf (66,2). Für die Orthopäden liegen die Unterschiede noch deutlicher. In Zehlendorf sind mehr als doppelt so viele Orthopäden für die Menschen tätig als in Neukölln. Ärzte sind also in wohlhabenderen Regionen häufiger anzutreffen als in ärmeren (Arm-Reich-Gefälle).

Ärzte gehen im Trend gerne dorthin, wo reichere Menschen leben und ihnen ein höheres Einkommen bescheren. Das machen viele Berufsgruppen, darüber sprechen will aber niemand.

In Deutschland müssen wir weiter darum ringen, diese Ungleichgewichte abzubauen. Es kann in letzter Konsequenz nicht angehen, dass Ärzte von der Allgemeinheit ihr teures Studium finanziert bekommen, um sich nachher in einer reinen Privatpraxis nur um die finanziell besser gestellten Privatpatienten zu kümmern. Vermutlich würde das vielen Privatpatienten auch helfen, wenn sie auch von Ärzten behandelt würden, denen das Geld nicht gar so wichtig ist. Aber das ist eine andere Geschichte.

 

Bildquelle: http://www.berlin.de/ba-neukoelln/_assets/dokumente/abteilung-gesundheit/studie_webversion.pdf

Schwarz oder Weiß: Wann werden Babys gleichgestellt (USA)?

Man mag es kaum glauben. Die angesehene Zeitschrift Journal of the American Medical Association (JAMA) hat uns Zahlen vorgelegt von denen wir annahmen, dass sie im 21. Jahrhundert längst überholt seien. Die medizinische Ungleichheit von Schwarzen und Weißen beginnt mit der Geburt. Wäre die Situation für schwarze Babys die gleiche wie für weiße Neugeborene, so würden im Jahre 2015 etwa 4400 mehr schwarze Babys überlebt haben.

In ihrer Publikation zeigen Dr. Corinne A. Riddell und Kollegen auf, dass die Kindersterblichkeit in den USA nach den Zahlen des Center for Disease Control (CDC) im letzten Jahrzehnt für alle Amerikaner um 15% zurückgegangen ist. Aus der Graphik rechts wird ersichtlich, dass sowohl bei schwarzen wie weißen Kindern ein Rückgang zu verzeichnen war. Nur, selbst im Jahre 2015, war die Sterblichkeitsrate für weiße Kinder 4.8 pro 1000 Kinder, während sie bei schwarzen Kindern bei 11.7 auf 1000 Kinder lag. Fast 2½ mal so viele. Es klafft also weiterhin eine unerträgliche Lücke in der Kindersterblichkeit zwischen schwarzen und weißen Babies. 

Mit dem Affordable Care Act (“Obamacare“) wurde ein erster Schritt getan, auch Ärmeren eine medizinische Grundversorgung zu sichern. Sollte diese Maßnahme nicht weiter ausgebaut werden steht zu befürchten, dass die Kluft zwischen den Ethnien in den USA noch grösser wird. Eine beschämende Folge für das reichste Land der Erde.

Aber wenden wir den Blick zurück in unser Land. Auch hier müssen wir beständig daran arbeiten, die bestehende Kluft zwischen Arm und Reich oder auch Land und Stadt zu verringern. Hierbei Berlin exemplarisch. Dazu in drei Tagen mehr im praxisblättle.

Gelbfieber in Brasilien

In Brasilien trat im Januar ein Gelbfieberausbruch im Bundesstaat Minas Gerais auf. Dieser hat sich in den letzten Monaten auf die angrenzenden Bundesstaat ausgeweitet, so dass die Situation etwas unübersichtlich ist. Von bislang berichteten 721 Erkrankungen (Stand Ende Juni 2017) sind bereits 150 Betroffene verstorben.

Die WHO empfiehlt inzwischen allen Reisenden nach Brasilien die Impfung gegen Gelbfieber. Dies sei auch für Gegenden sinnvoll, aus denen bisher keine Erkrankungen gemeldet wurden.

„Es ist damit zu rechnen, dass die Ein- und Ausreisekontrollen der Gelbfieber-Impfung für Reisende in Brasilien wieder aktuell verschärft werden“, berichtet Prof. Dr. Tomas Jelinek, Wissenschaftlicher Leiter des CRM Centrum für Reisemedizin: „Derzeit raten wir allen Brasilien-Reisenden, sich bis spätesten zehn Tage vor der Einreise gegen Gelbfieber impfen zu lassen und sich vor Antritt ihrer Reise bezüglich der Umsetzung und Handhabung der Kontrollen an den Grenzen bei einem Reisemediziner zu informieren.“ Darüber hinaus sollten alle Maßnahmen ergriffen werden, um Mückenstiche zu vermeiden (Anwendung von Repellentien mit dem Inhaltsstoff DEET).

Weitere Informationen zum Thema Gelbfieber finden Sie auch in einer früheren Ausgabe des praxisblättle.

Kinderkrankheiten (7): Röteln

Die Röteln sind eine Infektionskrankheit, ausgelöst durch das Rötelnvirus. Vor Einführung der Impfung steckten sich fast 90% der Menschen im Kindesalter an. Nach Ansteckung besteht ein lebenslanger Schutz, weswegen die Röteln zu den Kinderkrankheiten zählen. Für das erkrankte Kind ist die Erkrankung eher schwach spürbar. Gefürchtet ist jedoch eine schwere Komplikation, die Rötelnembryopathie.

Krankheitsbild

Durch eine Tröpfcheninfektion tritt nach einer langen Inkubationszeit von 14 – 21 Tagen ein kleinfleckiger Ausschlag (siehe Bild rechts) im Gesicht auf, der sich über den Körper ausbreitet und nach 1-3 Tagen wieder abklingt. Daneben treten teilweise Kopfschmerzen, Temperaturerhöhungen und Schwellungen der Lymphknoten auf.

Komplikationen

Sie sind eher selten und betreffen eher ältere Personen. Hierbei kann es zu Entzündungen der Gelenke (Arthritis), Hirnentzündungen (Encephalitis) oder Herzmuskelentzündungen (Myo- und Perikarditis) kommen.

Erkrankt jedoch eine schwangere Frau an Röteln, so führt dies zu Beginn der Schwangerschaft (erst 8 Wochen) in 90%, im dritten bis sechsten Monat in 25-35% zu einer Infektion des Embryos. Diese kann je nach Zeitpunkt der Infektion zum Spontanabort, zur Frühgeburt oder zur sog. Rötelnembryopathie (congenitales Rötelnsyndrom – CRS) führen. Dies bedeutet für das ungeborene Kind mögliche Fehlbildungen an

  • Herz (offener Ductus arteriosus)
  • Augen (Cataract = grauer Star)
  • Ohren (Taubheit)

die im Verbund als Gregg-Syndrom bezeichnet werden. Die Sterblichkeit für diese Missbildungen liegt bei 15-20%.

Diagnose

Die Diagnose des Röteln-Ausschlages ist teilweise schwierig. So kann in aller Regel eine sichere Diagnose nur durch Labortests erfolgen. Heute ist die Überprüfung einer Abwehr gegen Röteln im Beginn einer Schwangerschaft Standard. Sinnvoller wäre es, dies vor der Schwangerschaft zu prüfen, um noch vorbeugend impfen zu können.

Therapie

Eine ursächliche Therapie gegen Röteln gibt es nicht.

Vorbeugung

Im Wissen um die Schwere und Gefährlichkeit der Rötelnembryopathie steht die Impfung gegen die Röteln im Zentrum der Bemühungen.Diese erfolgt in der Regel als Kombinationsimpfung gegen Masern, Mumps und Röteln (MMR) ab dem 12. Lebensmonat. Da etwa 5% der Kinder auf die erste Impfung keinen aktiven Schutz entwickeln, ist die zweite Impfung nach dem 15. Lebensmonat enorm wichtig. Diese zweimalige Impfung ist für Mädchen und Jungen wichtig – unverständlicherweise gab es Ärzte, die im Unverständnis der Epidemiologie nur Mädchen gegen Röteln impften.

Für das Jahr 2014 wurden laut Robert-Koch-Institut (RKI) keine Infektionen an Röteln deutschlandweit gemeldet. Man muss aber davon ausgehen, dass viele Erkrankungen wegen ihrer Flüchtigkeit nicht erkannt werden.

Gesichert ist hingegen, dass die Zahl der Rötelnembryopathien massiv zurückging. Seit 2001 wurden insgesamt noch 11 Erkrankungen beim RKI gemeldet.

Bildquelle: www.stuedeli.net

Sicher im Auto

Die Bedeutung von Autounfällen für Kinder ist seit Jahrzehnten bekannt. Trotzdem sind in Deutschland weiterhin jährlich über 10.000 Kinder in PKW-Unfälle verwickelt. Etwa 1200 Kinder erleiden schwere Verletzungen. Die USA konnten die Sterblichkeit für schwere Verletzungen von Kindern im Alter von 1 – 3 Jahren in den letzten 3 Jahrzehnten durch ein Bündel von Maßnahmen um 50% senken.

Erschreckend ist, dass nach den Zahlen des Touringsclub Schweiz (TCS) – das Pendant zum deutschen ADAC – weiterhin jedes 2. Kind im Auto nicht richtig gesichert ist. Noch schlimmer: jedes 14. Kind ist gar nicht angeschnallt. Das ist übrigens in unserer Region nicht anders. Bis heute kommen einzelne Eltern zur Vorsorge in die Praxis und haben ihr Kind nicht angeschnallt vorne auf dem Schoss sitzen.

Natürlich wollen manche Kinder manchmal nicht angeschnallt werden. Es ist aber bekannt, dass die Verwendung von Kindersitzen das Verletzungsrisiko um ein Drittel senken. Das wissen Kinder nicht und sie können es im jungen Alter auch nicht verstehen. Also müssen wir Eltern freundlich und mit Witz  - aber letztlich bestimmt – durchsetzen, dass dem eigenen Kind keine unnötige Gefahr droht und es anschnallen. Immer.

Vor einer Urlaubsreise sollten folgende Fakten nicht vergessen werden:

  • Anschnallen im Auto ist gut für das Kind. Nebenbei sind Rückhaltesysteme für Kinder im Auto gesetzlich vorgeschrieben.
  • Die Nutzung solcher Systeme stellen kein Risiko für die Wirbelsäule dar.
  • aktuell gute Sicherungssysteme können im Heft der Stiftung Warentest (siehe praxisblättle vom Juni 2017) nachgelesen werden. Wenn Sie Interesse haben, wir können Ihnen ältere Exemplare hierzu leihweise zur Verfügung stellen.

Manchmal kann es so einfach sein, Leid, Verletzung oder den Tod zu verhindern. Anschnallen im Straßenverkehr ist eine der effektivsten Maßnahmen.

Autokindersitze: “Keiner für alle” sagt Stiftung Warentest

In regelmäßigen Abständen widmet sich die unabhängige Stiftung Warentest aus Berlin den Autokindersitzen. Und noch immer kommt sie zum Schluss: “Keiner für alle”. Den idealen Sitz, der mit dem Kind wachsen würde, gibt es bis heute nicht. Aber, es gibt für jedes Lebensalter Sitze, die das Kind gut schützen.

Im Folgenden fassen wir die günstigsten Ergebnisse der jeweiligen Gruppen und Untergruppen (Begrenzung für Körperlänge und Körpergewicht) kurz zusammen:

Für Kinder ab Geburt

……………………………………….Note……Preis…..Kommentar……………………………………………………

  • Kiddy Evo-Luna i-Size      1.5        480 €     beste Babyschale im Test; bis 105 cm Körperlänge
  • Britax Römer Baby-Safe   1.7        335 €     neu auf dem Markt
  • Cybex Aton 5                    1.6        130 €      bis 13 kg Körpergewicht
  • Recaro Zero.1                  2.4        550 €      bis 18 kg Körpergewicht
  • Graco Milestone               3.9        249 €      bis 36 kg Körpergewicht

Für Kinder ab einem Jahr (von 9 kg bis max. 36 kg Körpergewicht)

  • Kiddy Phoenixfix 3            1.7         259 €      seit 1 Jahr auf dem Markt – bester Sitz der Gruppe
  • Cybex Pallas M-Fix SL      1.9        200 €       neu
  • Cybex Pallas M SL            1.9        180 €       neu
  • Kiddy Guardianfix 3           1.9        320 €       neu

Für Kinder ab einem Jahr (von 15 kg bis max. 36 kg Körpergewicht)

  • Cybex Solution M-Fix SL    1.7        150 €       neu; einfach zu handhaben
  • Cybex Solution M SL           1.7       130 €       neu
  • Britax Römer Kidfix II XP     1.8       240 €       seit 1 Jahr auf dem Markt
  • Kiddy Cruiserfix 3                1.8       229 €       neu

Wer sich weitergehende Informationen wünscht, kann im Juli 2017 gerne das Testheft in unserer Praxis ausleihen. Bitte sprechen Sie dies mit unseren Mitarbeiterinnen ab.

Bildquelle: http://www.kiddy.de/babyschalen/babyliegeschale-kiddy-evoluna-i-size.html

 

 

Was geht rum? 24. Juni 2017

Der Sommer zeigt sich von seiner wunderbaren Seite. Da mögen viele Menschen unter der Hitze stöhnen, aber frische Infektionen sehen wir kaum mehr. Zum Glück ist auch die Welle mit der Mundfäule fast zu Ende. Bei diesem Wetter Fieber zu haben und kaum schwitzen zu können – was viele Kinder betrifft – ist sehr unangenehm. Ein lauwarmer (!) mit Wasser getränkter Waschlappen kann da sehr hilfreich sein. Die Haut sollte nach dem Abreiben aber nicht abtrocknet werden (Verdunstungskälte).

Verletzungen stehen im Vordergrund der momentanen Arztbesuche. Manche Wunden sind entzündet – auch Bakterien lieben die Feuchtigkeit und Wärme. Wunden sollten soweit möglich “luftig” gehalten werden. Nach einer Wundreinigung mit Octenisept© sind weitere Maßnahmen bei Schürfungen und kleinen Verletzungen meist nicht nötig. Der trockene SWchorf ist der beste Verband kleiner Wunden. Von Heilsalben geht kein Heil aus.

Momentan ist auch die Zeit der Zecken. Deswegen stellen wir im Folgenden einen ausführlichen Beitrag aus DocCheck (vom 13. Juni 2017) zum Thema FSME vor. Darin werden viele wichtige Aspekte dargestellt, die in der Diskussion meist untergehen. Es lohnt sich also durchaus, den langen Absatz zu lesen – viel Spaß: In den beiden Bundesländern mit der größten FSME-Erkrankungshäufigkeit, Baden-Württemberg und Bayern, liegt die Inzidenz bei Kindern unter fünf Jahren und ist bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen zwischen 15 und 29 Jahren mit 0,5–0,6 Erkrankungen pro 100.000 Einwohnern im Jahr am niedrigsten. Bei Kindern im Alter von 5–14 Jahren wird sie mit 0,9–1,0 Prozent angegeben.

Was noch entscheidender ist: In den allermeisten Fällen verläuft die Erkrankung bei Kindern glimpflich. Nur bei etwa zwei Prozent der Erkrankten werden laut RKI bleibende neurologische Folgeschäden beobachtet. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kind in einem stark betroffenen Gebiete eine Erkrankung mit anschließendem neurologischen Folgeschaden erleidet liegt dadurch bei 1 bis 2 zu 10 Millionen.

Selbst wenn man davon ausginge, dass die Impfung die Hälfte aller Fälle verhindert (die durchschnittlichen Durchimpfungsraten bei Schulanfängern liegen bei ca. 30 Prozent), läge das Risiko also bei 1 bis 2 zu fünf Millionen. Schwere Verläufe ohne Langzeitfolgen kommen mit einer Wahrscheinlichkeit von 1 bis 2 zu 800.000 vor, wenn man die Angaben des RKI hochrechnet.

Demgegenüber stehen die Risiken der Impfung mit inaktiviertem Virus. Leichtere Nebenwirkungen wie Fieber sind recht häufig – es tritt bei ungefähr zehn Prozent aller Geimpften auf, Schüttelfrost bei ein bis zehn Prozent. Laut Fachinformation von FSME-Immun© Junior (Pfizer) wurden nach der Markteinführung zudem folgende schwerwiegendere Nebenwirkungen mit einer Häufigkeit von bis zu 1 von 1.000 berichtet: allergische Reaktionen, neurologische Symptome wie Gesichtslähmungen, vollständige Lähmungen, Nervenentzündungen, entzündliche Erkrankungen des Gehirns, Krampfanfälle mit und ohne Fieber und weitere.

Encepur© Kinder (Glaxo Smith Kline) listet in der Fachinfo mit einer Wahrscheinlichkeit von seltener als 1 zu 10.000 unter anderem auf: allergische Reaktionen mit krampfartiger Verengung der Atemwege und Kreislaufstörungen, eine vorübergehende Abnahme der Blutplättchen, Sehstörungen. Es wird außerdem darauf verwiesen, dass nach der Impfung Erkrankungen des zentralen oder peripheren Nervensystems, einschließlich aufsteigender Lähmungen bis hin zur Atemlähmung (z.B. Guillian-Barré-Syndrom) aufgetreten sind. Auch in der Beilage von FSME-Immun verweist man auf das Auftreten des Guillian-Barré-Syndroms.

FSME 2-001

FSME-Karte mit Inzidenzen © Robert-Koch-Institut

In beiden Fällen fehlt eine Häufigkeitsangabe, bei Encepur ist von Einzelfällen die Rede. Doch das sind gefährlich verlaufende kindliche FSME- Erkrankungen eben auch. Selbst wenn die Impfung Kinder für drei oder später für fünf Jahre schützt, bleibt das Nutzen-Risiko-Verhältnis alles andere als eindeutig.

In der Datenbank des Paul-Ehrlich-Instituts belegt die FSME-Impfung bei den Nebenwirkungen den vierten Platz unter den Impfstoffen, mit knapp 4.300 gemeldeten Verdachtsfällen. Eine Cochrane Review von 2009 hat bei drei Impfstoffen (darunter FSME-Immun und Encepur Kinder) keine ernsten oder gefährlichen Nebenwirkungen festgestellt. Hierfür wurden Studien mit 8.184 Teilnehmern ausgewertet, darunter nur 1.598 Kinder. Die Autoren hatten deshalb auch eine genauere Langzeitbeobachtung der Nebenwirkungen empfohlen.

Liegen dem RKI andere Zahlen vor, die den Mehrwert einer Impfung von Kindern plausibel machen? Es gebe ihres Wissens nach „keine umfassende Analyse hinsichtlich der Häufigkeit vergleichbarer Schäden nach einer FSME-Impfung und der FSME-Erkrankung‟, räumt Hellenbrand ein. Woher aber sollen die Ärzte dann wissen ob eine Impfung im Einzelfall sinnvoll ist?

Hellenbrand rät neben der allgemeinen Wahrscheinlichkeit einer Zeckenexposition (bei Kindern, die zum Beispiel viel im Freien spielen oder einen Waldkindergarten besuchen ist sie erhöht) die regionalen FSME-Inzidenzen „als Entscheidungshilfe in die Nutzen-Risiko-Abwägung miteinzubeziehen‟. Doch genau diese werden vom RKI zurückhaltend kommuniziert.

Während 2006 auf der FSME-Karte des epidemiologischen Bulletin noch verschiedenfarbig Risikogebiete, Hochrisikogebiete und Gebiete mit geringerer FSME-Endemizität gekennzeichnet wurden, verschwand diese Aufteilung danach in den offiziellen Karten. Einfarbige Karten vermitteln seitdem fälschlicherweise den Eindruck, dass eine Impfung in allen markierten Gebieten gleich sinnvoll sei. Inzwischen findet man zusätzlich zu den einfarbigen Versionen wieder eine verkleinerte, dreifarbige Darstellung, wenn man gezielt danach sucht und sich bis auf die letzten Seiten des epidemiologischen Bulletin durchklickt.

Verwirrend wird es, wenn man nun noch die Karten eines Impfstoffherstellers hinzuzieht. So veröffentlicht die Firma Pfizer über ihr „Infoportal‟ zecken.de eigene Versionen. Dort sind nicht nur die RKI Gebiete einheitlich in dunkelorange eingefärbt – ohne Unterteilung nach Inzidenzen. Zusätzlich finden sich über ganz Deutschland verteilt gelb gefärbte Regionen. In der Legende findet sich die Aufschlüsselung: Dies seien „Landkreise mit vereinzelt auftretenden FSME-Erkrankungen, die jedoch nicht der Definition für ein FSME-Risikogebiet nach Robert Koch-Institut entsprechen‟. Eltern, die solche Karten sehen, könnten meinen, dass es nahezu überall gut wäre, ihre Kinder zu impfen.

Impfung: Hepatitis-B-Schutz für 30 Jahre

Mitte der 1980ger Jahre stand erstmals eine Impfung gegen Hepatitis B für die Bevölkerung zur Verfügung. Zehn Jahre später wurde sie durch die STIKO (Ständige Impfkommission) zur Impfung aller Säuglinge zugelassen. Heute werden die Säuglinge in aller Regel mit dem Sechsfach-Impfstoff (Diphterie, Tetanus, Keuchhusten, HiB, Poliomyelitis, Hepatitis B) drei Mal im ersten Lebensjahr geimpft. Diese Impfung wird durch eine vierte Auffrischimpfung nach dem ersten Geburtstag ergänzt.

Lange war strittig, wie lange der Schutz gegen die Hepatitis B anhalten würde. Durch vielfache Studien ist heute belegt, dass ein Schutz auch 30 Jahre nach der letzten Impfung vorliegt. Davon kann man auch ausgehen, wenn die Antikörper im Blut eher niedrig sind. Denn auch bei dieser Impfung gibt es eine zelluläre Antwort (über die sog. T-Zellen), die im Praxisalltag nicht getestet werden kann. Die Gedächtniszellen sichern einen derart lange Schutzwirkung.

Lediglich bei bestimmten Risikogruppen weicht man von diesem Vorgehen aus rechtlichen Gründen ab. So erhalten HIV- oder Dialyse-Patienten – aber auch Menschen mit hohem beruflichen Risiko (Polizisten, Mitarbeiter in Altenheimen u.a.) – zusätzliche Impfungen, wenn die Antikörperantwort im Blut niedrig ist.

Adäquate Impfungen gegen Hepatitis B und auch Hepatitis A (auch als Twinrix© mit dem Kombinationsimpfstoff) haben inzwischen somit eine Wirksamkeit von 30 Jahren. Große Wirkung bei kleinem Aufwand!

2018: Ernährungstherapie bei Mukoviszidose wird verordnungsfähig

Die Nachricht stammt zwar vom 16. März 2017 – wird aber erst im kommenden Jahr wirksam. Damit wird erstmals wieder eine Ernährungstherapie verordnungsfähig. Hoffnung für alle, deren Krankheit ebenfalls mit besonderen Kosten für die Ernährung verbunden ist. Sie wird im Wortlaut wiedergegeben, wie von der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg mitgeteilt. 

16.03.2017 – Ab nächstem Jahr können spezialisierte Ärzte eine ambulante Ernährungstherapie für Patienten mit einer seltenen angeborenen Stoffwechselerkrankung oder Mukoviszidose als Heilmittel verordnen. Der Gemeinsame Bundesausschuss hat heute die Heilmittel-Richtlinie angepasst.

Mit der Aufnahme der Ernährungstherapie in den Heilmittelkatalog dürfen insbesondere Diätassistenten, Oecotrophologen und Ernährungswissenschaftler die Behandlung künftig zulasten der gesetzlichen Krankenversicherung durchführen, wenn sie dafür von den Krankenkassen zugelassen sind. Bislang erfolgt die Therapie vor allem in spezialisierten Zentren.

Ein Beschluss des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) vom Januar 2015, die Leistung nicht in die Heilmittel-Richtlinie aufzunehmen, wurde vom Bundesgesundheitsministerium (BMG) beanstandet – jetzt hat der G-BA nachgebessert.

Von der neuen Regelung profitieren Patienten, die an einer seltenen angeborenen Stoffwechselerkrankung wie Phenylketonurie, Harnstoffzyklusdefekte, Formen der Glykogenose oder an einer Mukoviszidose leiden. Dabei muss die Ernährungstherapie bei seltenen angeborenen Stoffwechselerkrankungen als alternativlose medizinische Maßnahme gelten, ohne die Tod oder schwere Behinderung drohen. In Deutschland betrifft dies nach Schätzungen des G-BA insgesamt etwa 23.000 Patienten. Ihnen dürfen spezialisierte Ärzte künftig eine Ernährungstherapie verordnen.

Die Ernährungstherapie ist Teil des ärztlichen Behandlungsplans und umfasst insbesondere die Beratung zur Auswahl und Zubereitung natürlicher Nahrungsmittel. In Absprache mit dem Vertragsarzt erstellt der Ernährungstherapeut krankheitsspezifische Diäten und Ernährungspläne. Ziele sind eine verbesserte Lebenserwartung, eine altersgemäße, körperliche und geistige Entwicklung und die Verhütung von Krankheitsfolgen beziehungsweise die Vermeidung von Komplikationen.

Die Verordnung erfolgt grundsätzlich durch einen Vertragsarzt, der auf die Behandlung von seltenen angeborenen Stoffwechselerkrankungen spezialisiert ist. Das ist in der Regel derjenige Arzt, der die krankheitsspezifische Behandlung schwerpunktmäßig durchführt. Der G-BA listet keine konkreten Fachgruppen auf.

Nur in Ausnahmefällen kann eine Folgeverordnung auch von nicht-spezialisierten Vertragsärzten in Abstimmung mit dem „Spezialisten“ ausgestellt werden.

Das BMG hat jetzt zwei Monate Zeit, den Beschluss des G-BA zu prüfen. Bei einer Nichtbeanstandung können die Änderungen zum 1. Januar 2018 in Kraft treten.