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Kindliches Übergewicht und Protein

Übergewicht und Adipositas (Fettsucht) sind ein seit Jahren zunehmendes Problem. Gerade im Kindes- und Jugendalter ist es schwierig, den Weg zum Normalgewicht wieder zu erreichen. Umso bedeutsamer ist es, die Faktoren zu kennen, die zum Übergewicht führen. Die Risiken beginnen schon in der Schwangerschaft und Säuglingsalter. Hier kann Prävention bereits mit teilweise einfachen Mitteln ansetzen.

Für alle Mütter, die stillen können, ist es eigentlich ganz einfach: gestillte Säuglinge haben durch diese ideale Ernährung das geringste Risiko für eine Adipositas. Mit Schuleintritt, liegt das Risiko für gestillte Kinder bei 3%. Bei mit Flaschenmilch ernährten Kindern liegt es zur gleichen Zeit schon bei 10%, ist also drei mal so hoch. Inzwischen hat man erkannt, dass der Proteingehalt (Eiweiß) in der Nahrung eine erhebliche Rolle spielt. Kuhmilch – und auf dieser basiert alle industriell hergestellte Säuglingsmilch – hat den 3-fachen Gehalt an  Proteinen gegenüber der Muttermilch. Gibt man Säuglingen hingegen eine Nahrung mit erniedrigtem Proteingehalt, ist das Adipositasrisiko mit 4% nur noch geringfügig erhöht.

Fazit:

Säuglinge sollten bis zum 1. Geburtstag keine Kuhmilch erhalten. Das bedeutet, dass für sie weiteres Stillen neben der Beikost (“Teilstillen”) oder eine Folgemilch mit niedrigem Proteingehalt günstig sind. Dadurch lässt sich das Risiko für Übergewicht im Schulalter mehr als halbieren.

Vieles hängt zusammen: Adipositas der Mutter und Atemwege des Kindes

Vieles hängt zusammen, auch wenn es im ersten Moment erstaunt. Ein Beispiel ist sind Mundhygiene und Herz-Kreislauferkrankungen, was hier im praxisblättle mehrfach diskutiert wurde.

Nun noch dieses: Das Übergewicht der Mutter wirkt sich auf die Häufigkeit einer pfeifenden Atmung bei ihren Kindern aus. Dies konnte eine Forschergruppe aus den Niederlanden mit einer aufwendigen Studie belegen, bei der 2606 Kinder mit Lungenfunktion untersucht wurden. Laut den Autoren JB Eising, CSPM Uiterwaal und CK van der Ent (erschienen im ERJ, November 2015) lassen sich vermehrte Atemwegsinfekte bis zum 5. Lebensjahr nachweisen. Sie spekulieren, dass das Leptin hierfür verantwortlich ist, aber das ist noch nicht ganz klar.

Vererbung? Nein, das ist es nicht. Manches, was als Vererbung bezeichnet wurde hat mehr damit zu tun, dass der kindliche Organismus besonders mit den mütterlichen Risikofaktoren nun mal 9 Monate eng zusammen ist. Aber auch die Väter haben einen Einfluss (z. B. über das Rauchen).

Zukunftsfrage: Lebensstil im Alter?

Unsere Kinder bleiben nicht immer Kinder. Eine Binsenweisheit? Ja schon, aber wer macht sich bewusst, dass die heutigen Kinder zu über 50% älter als 100 Jahre werden? Kaum vorstellbar, aber mehrfach belegt. Als Eltern müssen wir also Vorsorge treffen, damit diese 100 Jahre für unsere Kinder möglichst gesunde, angenehme und glückliche Jahre werden.

Das Vorbild der Eltern verändert viel. Kinder ahmen das Verhalten der Eltern nach – im Guten und im Schlechten. Und das Ergebnis ist oft nicht sofort zu sehen, sondern folgt manchmal nach Jahren. Wenn Eltern gute Zahnpflege vormachen und einfordern ist die Chance groß, dass die Kinder in der Pubertät – wenn sie anderen gefallen wollen – dies auch selbstständig weiterführen. Und: Mit gepflegten Zähnen kann man Erkrankungen wie Diabetes, Schlaganfall und Rheuma vorbeugen. So einfach geht das.

Ein anderes Problem ist das Übergewicht. In der letzten Ausgabe des Deutschen Ärzteblattes beschreiben Prof. Dr. H. Völzke und Mitarbeiter aus Greifswald eindrücklich, dass die Adipositas über die letzten 10 Jahre über fast alle Altersgruppen zugenommen hat. So haben heute bei den über 60-jährigen Männern 44.6% einen BMI von über 30, bei den Frauen sind es 41.1%. Für die Menschen von 20-30 Jahren liegen die gleichen Zahlen bei 11.3 – 11.7%. Mit dem Alter nimmt das Übergewicht nochmals zu. Mit dem Übergewicht sind dann Risiken wie Schlaganfall, Herzinfarkt und Diabetes verknüpft. Und diese Risiken haben einen erheblichen Einfluss auf die Lebensqualität.

In der gleichen Untersuchung wird auch gezeigt, dass der Hang zur Trägheit (“körperliche Inaktivität”) bei jüngeren Menschen zunimmt, bei Älteren aber abnimmt (siehe hierzu die  nebenstehende Graphik für die Männer: die zart-blauen Säulen zeigen die Daten von 2001, die kräftig blauen die von 2012 für die jeweiligen Altersgruppen – Quelle: Dt. Ärzteblatt). Die Alten von heute haben also erkannt, dass Rumsitzen zwar angenehm, aber zum Schluss mit vielen schwerwiegenden Problemen verbunden ist.

Fazit

Unsere Kinder werden deutlich länger leben als wir. Wir sollten Ihnen schon heute ein gutes Vorbild geben, um bekannte Risikofaktoren für ein gesundes Leben zu vermeiden. Gute Zahnpflege und viel körperliche Aktivität sind zwei wichtige Möglichkeiten Ihnen lange Gesundheit zu bescheren.

Krebserkrankungen: frühe Vorsorge immer wichtiger

In unserer Praxis nimmt Vorsorge schon immer einen besonderen Platz ein. Infekte kommen und gehen. Und sie sind in aller Regel letztlich harmlos. Das muss im Einzelfall immer geklärt werden, weswegen in den Wintermonaten viele Kinder uns mit Infekten vorgestellt werden. Aber die meisten haben einen harmlosen Infekt, der nach wenigen Tagen wieder verschwindet.

Langfristig bedeutsamer sind andere Maßnahmen: Zum Beispiel die Unfallverhütung. Nein, wir können nicht alle Unfälle von unseren Kinder fernhalten. Aber wenn bekannt ist, dass Kinder auch beim Spiel in der Badewanne in einem unbeobachteten Moment bei 5 cm hohem Wasser ertrinken kann, dann lässt niemand das Kind wegen eines Telefonanrufs alleine. Und schon sind ganz seltene, aber extrem gefährliche Unfälle verhindert.

Oder die Zahnpflege. Karies ist nicht nur ein Problem, das schöne Zähne verhindert, sondern ein bedeutsamer Risikofaktor. Karies fördert in Abhängigkeit von seiner Dauer das Risiko für Diabetes, Rheuma oder Schlaganfall. Das alles passiert vielleicht Jahrzehnte später, aber dann ist es eben dennoch schrecklich.

Das neue Deutsche Ärzteblatt befasst sich mit der neueren Forschung bei bösartigen Tumoren. Allen ist klar, dass die Medizin bei der Behandlung einiges leisten kann. Gemessen an den anderen Fortschritten der Medizin sind die Ergebnisse der letzten Jahrzehnte trotz erheblicher Kosten aber eher dürftig. So erkennt man immer mehr, dass in einem Menschenleben bei fast jedem Menschen bösartige Zellen (siehe Bild: Zellteilung einer Lungenkrebszelle) auftreten können. Diese entwickeln sich aber nur durch gewisse Umstände in bösartige Tumoren. Rauchen ist schon lange als Risikofaktor – nicht nur beim Lungenkrebs bekannt – bekannt. Aber es scheint, dass Übergewicht und Adipositas das Rauchen bald von Platz ein entfernt.

Wir versuchen schon seit vielen Jahren auf diesen Umstand aufmerksam zu machen. Übergewicht hat eine vererbliche Ursache. Die lässt sich nicht ändern. Aber das Essverhalten können und sollten wir ab Geburt günstig beeinflussen. Diskutieren Sie also gerne mit uns auch über solche Fragen. Und ergreifen Sie die Chance, schon heute das Krebsrisiko ihres Kindes in eine günstige Richtung zu lenken.

Macht kurzer Schlaf dick?

Übergewichtige Kinder und Jugendliche sind schon seit Jahren in Deutschland nicht mehr selten. Diskussionen warum das so ist sind allseits bekannt. Vermutlich tragen sehr viele Faktoren dazu bei, ein entscheidender ist aber der sitzende Lebensstil. Wir müssen körperlich nicht mehr so viel tun, die Kinder werden meist mit dem Auto zur Schule gebracht und der Heuhaufen ist nicht mehr so wichtig wie der Laptop.

Der Einfluß der Schlafdauer auf das Gewicht wird schon seit langem in Studien belegt. Zunächst  konnte gezeigt werden, dass kurzer Schlaf häufiger mit Übergewicht verbunden ist. In einer japanischen Studie bestätigte sich dieser Trend bei über 8000 Kindern; es zeigte sich, dass Kinder, die im Grundschulalter weniger 8 Stunden pro Nacht schliefen ein fast dreifaches Risiko für Übergewicht hatten gegenüber denen mit mehr als 10 Stunden Schlaf. Dieser Trend zeigt ich bereits bei Kleinstkindern: Kinder, die im Alter von 30 Monaten weniger als 10.5 Stunden schliefen hatten ein klares Risiko im Alter von 7 Jahr übergewichtig zu sein.

Schlaf spiel also eine grosse Rolle und ist auch in Bezug auf das Gewicht wesentlich. Das unterstreicht nochmal,wie wichtig es ist Zu-Bett-Geh-Rituale zu haben, den Schlafraum angenehm dunkel und ruhig zu halten und technische Geräte wie Fernseher oder Computer aus dem Schlafzimmer fernzuhalten.

Säuglingsernährung und Übergewicht

Die Ernährung im Säuglingsalter ist ein Dauerbrenner in der Kinderheilkunde. Muttermilch ist und bleibt die beste Nahrung, was aber keinen wirklich verwundern dürfte. Ein Wundermittel ist die Muttermilch aber auch nicht. Auch in der Stillperiode können schwere Infektionen auftreten und Allergien werden nicht verhindert.

In Bezug auf die spätere Gewichtsentwicklung und insbesondere das Übergewicht hat die Muttermilch einen günstigen Effekt. In verschiedenen Studien ist belegt worden, dass das Risiko für einer Adipositas als Erwachsene bei gestillten Kindern um 15 – 22% niedriger liegt.

“Die ersten 1000 Tagen des menschlichen Lebens – von der Entwicklung im Mutterleib bis zum Alter von etwa zwei Jahren – bestimmen das Programm für das Wohlbefinden im späteren Leben und für die langfristige Gesundheit im Erwachsenenalter“, so Prof. Dr. Berthold Koletzko, Es scheint, dass hier insbesondere die Art und menge der Eiweiße eine Rolle spielen. In einer neuen Studie der Arbeitsgruppe um Prof. Koletzko aus München konnte nachgewiesen werden, dass das Risiko für Übergewicht bei hohem Eiweisgehalt in der Säuglingsnahrung um das 2.9 – fache erhöht ist (Weber et al, Am J Clin Nutr, 2014)

Fazit für die Praxis

1. Wenn immer möglich sollten Säuglinge gesteillt werden.

2. Wegen des hohen Eiweißgehaltes sollte im ersten Lebensjahr keine Kuhmilch gegeben werden.

3. Wenn nicht oder nicht vollständig gestillt wird, sollte eine Nahrung mit niedrigem Eiweißgehalt gegeben werden. Aus diesem Grunde ist eine Selbstherstellung der Nahrung aus Kuhmilch nicht sinnvoll. Auch Milch anderer Tiere (Stute, Schaf u.a.) bzw. aus Soja oder Mandeln ist keine günstige Alternative.

 

Süßes zum Abnehmen?

Die Forschung zum Übergewicht bringt immer wieder erstaunliche Facetten ans Tageslicht, die unsere Vorstellungen verändern.

So fand eine Forschergruppe um D. Jakubowicz heraus, dass möglicherweise der Genuß eines süßen Teilchens zum Frühstück zum Abnehmen geeignet sein könnte. Sie untersuchten 193 übergewichtige Erwachsene, von denen eine Gruppe ein hoch mit Kohlehydraten und Eiweiß angereichertes Frühstück zusammen mit einer Süßigkeit erhielten. Eine zweite Gruppe bekam ein Frühstück mit wenigen Kohlenhydraten, aber ebenso vielen Kalorien. Nach 4 Monaten hatten beide Gruppen etwa gleichviel abgenommen (13,5 bzw. 15,1 kg). Danach nahmen aber die Erwachsenen in Gruppe zwei wieder um 11,6 kg zu, während die Patienten in Gruppe eins, die das süße Teilchen bekommen hatten, weitere 6,9 kg an Gewicht verloren. Anscheinend steckt hinter dem Phänomen das Hungerhormon GHRELIN, das in der letzteren Gruppe nur gering zurückging.

Fazit: Dadurch, dass Menschen sich bereits morgens ein süßes Teilchen gönnen, fällt – vermittelt durch das Hungerhormon Ghrelin – vermutlich die Gier nach Süßem weitgehend weg und es gelingt besser das Gewicht zu halten. Also Süß muss nicht immer schlecht sein!

Süßes zum Frühstück: Müssen wir umdenken?

Adipositas ist seit der Jahrhundertwende auch in unserer Region zu einem erheblichen Problem geworden. Ansätze wie FDH sind meist nicht zielführend. Mehr Bewegung ist in jedem Fall günstig, wird aber nur selten umgesetzt wenn das Übergewicht bereits da ist.

Eine wissenschaftliche Veröffentlichung könnte nun für viele ein spannender Ansatz sein. Helmuth Kohl, unser früherer Bundeskanzler, der für sein hohes Körpergewicht bekannt, das nach der Diät im  Sommerurlaub jährlich mehr zunahm hat uns gelehrt, dass Abnehmen allein nicht ausreicht. Denn nach dem Abnehmen schmeckt’s meist noch besser und das Gewicht liegt nach kurzer Zeit höher als es vor dem Abnehmen lag:  ”Ping-Pong-Effekt”

Jakubowicz D und Mitarbeiter berichten von einem Experiment (Steroids, 2012) in dem sie 193 erwachsenen adipösen Menschen (BMI 32) ein Frühstück anboten, das entweder arm an Kohlenhydraten war (Gruppe 1) oder reicht an Kohlenhydraten mit Eiweiß (Gruppe 2) bei gleichem Kaloriengehalt. Nach 16 Wochen hatten beide Gruppen gut abgenommen (13-15 kg). Während in den folgenden 4 Monaten die Erwachsenen der Gruppe 1 jedoch 11.6 kg an Gewicht zulegten, nahmen die Probanden in Gruppe 2 in der gleichen Zeit um weitere 6.9 kg ab.

Es scheint somit, dass eine kohlenhydratreiche Kost das mit der Diät verbundene Hungergefühl, die Gier aufs Essen und die die Unterdrückung des Hunger-Hormons Ghrelin weniger hervorrufen, so dass die Gewichtsminderung erfolgreicher ist

 

Übergewicht – ein gewichtiges Problem

“Das Risiko an Übergewicht zu versterben ist weltweit inzwischen höher als an den Folgen von Hunger zu versterben”, so Universitäts-Professor Dr. Gerald Gartlehner. Wer aufmerksam durch deutsche Städte oder auch durch Oberschwaben wandert wird ihm recht geben. Übergewichtigkeit stellt ein enormes Problem dar.

Das Fatale ist, dass die Anfänge des Übergewichts von vielen Eltern mit Freude begrüßt werden: “Also wir (?) haben kein Problem mit dem essen, unser Kind isst immer gern”. Das übergewichtige Kleinkind wird als süß angesehen, der gleich übergewichtige Jugendliche als fett.

Übergewicht hat letztlich zwei Wurzeln: Zuviel Essen und zuwenig Bewegung. Dabei kann es durchaus sein, dass ein Klassenkamerad gleich viel ist und gertenschlank ist während das eigene Kind an Gewicht zulegt. Trotz aller Gleichstellungsgesetze von heute: jeder Mensch ist anders. Der eine bewegt sich wenig und bekommt im Sport mit Leichtigkeit die Note 1 (er ist sportlich begabt), der andere lernt 2 Stunden täglich auf die Mathearbeit und bleibt auf einer 4 hängen. So ist das eben. Wer die Schokolade nur ansehen muss um 500 g mehr auf die Waage zu bringen muss es halt lassen. Der Neid auf den schlanken Freund hilft nicht weiter.

Wichtiger als alles ist aber die Bewegung. Viel Studien erhärten den Verdacht, dass der Transport mit dem elterlichen Auto in die Schule der Anfang vom Ende der Lust an Bewegung ist. “Ich kann doch mein Kind bei dem Regen nicht in die Schule laufen lassen!”. Warum nicht? Regen macht vielleicht nass,aber Nässe trocknet. Nur, mangelnde Bewegung macht weniger Muskeln, weniger Energieverbrauch und letztlich übergewichtig. Und fast alle Menschen über 30 wissen, wie mühsam es bei den Verführungen von Bratwürsten, Weizenbier oder Vanilleeis sein kann das Gewicht zu halten. Also: lassen wir unsere Kinder ruhig wieder in die Schule laufen. Auch wenn’s 20 min Zeit kostet. Nebenbei treffen Kinder ihre Freunde und haben große Freude dran.

Und ein Vanilleeis dürfen sie dann alle auch essen. Die dünnen und die nicht ganz so dünnen. Das macht Lust auf Sommer und mehr Bewegung.