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Mal kurz die Welt retten – von Bettina Wolff (FAZ)

Der Nachname täuscht. Bettina Wolff hat nichts mit unserer Praxis zu tun. Aber der Artikel in der FAZ vom 10. Mai 2017 beschreibt witzig und klar den Voluntourismus – jenes Phänomen dieser Tage, das Tourismus mit der angesehenen Freiwilligenarbeit kombiniert. Man steht zuhause gut da und hat dennoch recht nett Urlaub gemacht. Eine vielschichtige Lüge, die auch jungen Menschen, die gerne und von Herzen helfen wollen, nicht unbedingt gut tut.  

Die Kinder beäugten die junge Frau verwirrt. Das war also die neue Freiwillige. Doch die Kleinen verstanden nicht, warum sie eine Schwarze vor sich sahen. Sind Helfer nicht immer weiße Menschen? Die Neue passte nicht in ihr Weltbild, in dem die Weißen den Schwarzen überlegen sind. „White Supremacy“ nennt sich diese Vorstellung, die sich vor allem durch die Kolonialzeit-Propaganda in der ganzen Welt tief in der gesellschaftlichen Überzeugung verankert hat. Auch hier. Die Kinder selbst waren zwar unterschiedlichster Herkunft. Doch trotzdem mussten sie alle erst einmal das Klischee der „weißen Retter“ über Bord werfen.

Bettina Wolff

„Das Vermächtnis des Kolonialismus ist viel gewaltiger, als man es sich vorstellen kann“, berichtet diese Freiwillige später. Die Siebenundzwanzigjährige ist als Schwarze in einem Land aufgewachsen, das ihre Familie noch als Rhodesien erlebt hat und das heute Zimbabwe heißt. Nach dem britischen Kolonialherrn Cecil Rhodes benannt, herrschte dort Rassentrennung. Da sie sowohl Zimbabwerin als auch Britin ist, lebt sie seit der Oberstufe in England. Die junge Frau hat ein Masterstudium in Internationaler Entwicklung absolviert und später ein Freiwilligenprojekt in Bolivien geleitet.

„Geh reisen, und sieh dir die Welt an!“, rät sie. Einen philanthropischen Ansatz dabei zu haben sieht die Zimbabwerin aber kritisch: Selbst wenn weiße Menschen mit den besten Intentionen Freiwilligenarbeit leisteten, verstärke es bereits bestehende rassistische Vorurteile. Die subtile Hierarchie zwischen Schwarzen und Weißen werde so gefestigt. Ein zentrales Problem ist die teils überhebliche Illusion der Freiwilligen, sie könnten mal eben die Welt retten – in den Sommerferien oder während eines „Gap Year“ nach dem Abitur oder im Studium.

Jedes Jahr entscheiden sich mehr als eine Million der 20 bis 25 Jahre jungen Menschen für „Voluntourism“. Die Kombination aus Tourismus und Freiwilligenarbeit wird seit Jahrzehnten immer beliebter. Besonders gefragt sind ferne Länder, die sowohl wunderschöne Urlaubsziele als auch Möglichkeiten bieten, „aktiv vor Ort einen sozialen Beitrag zu leisten“. Mit solchen Worten versprechen unzählige Anbieter, „sinnvolle Ferien“ zu organisieren – mit Entwicklungsprojekten sowie zusätzlichen Ausflügen und Abendveranstaltungen. So kann sich die Freiwillige doppelt gut fühlen. Und ein rundum positives Erlebnis zu schaffen ist oberste Priorität der Anbieter. Schließlich zahlen ihre Kunden bis zu mehrere tausend Euro in der Woche zuzüglich Flugkosten, um sich zum Beispiel an einem Hausbau in Kapstadt zu beteiligen. „Voluntourism“ ist eine Industrie, deren Wert auf mehr als eine Milliarde Euro geschätzt wird. Viele Hobby-Helfer sind vermutlich von jugendlichem Idealismus getrieben, aber auch Rentner und ganze Familien wollen ihr soziales Engagement unter Beweis stellen, zumindest am anderen Ende der Welt.

Für die meisten dieser Projekte sind keine fachlichen Vorkenntnisse nötig. Doch wie sinnvoll ist es, wenn ein Laie irgendwo ein Haus baut? Könnte ein einheimischer Bauarbeiter diese Arbeit nicht besser machen und durch die Bezahlung auch noch seine Familie ernähren? Und was bringt es, nur zwei Wochen lang im Schulunterricht auszuhelfen? Auf der Website des „Voluntourism“-Anbieters „Projects Abroad“ heißt es zum Beispiel: „Aufgrund des Lehrermangels… unterrichtest du in der Regel selbständig nach einem Lehrplan oder gemeinsam mit anderen Freiwilligen.“ Und: „Pädagogische Vorkenntnisse benötigst du nicht.“

Sofort drängt sich die  Frage nach der Nachhaltigkeit  auf. Wenn es wie beim Geschäftsmodell des „Voluntourism“ zum Selbstzweck wird, dass immer mehr Freiwillige beschäftigt werden, widerspricht das dem Nachhaltigkeitsprinzip. Stattdessen muss Hilfe zur Selbsthilfe das Ziel sein. Das bedeutet, gemeinsam mit Einheimischen Lösungen zu suchen, die immer weniger Freiwillige erfordern, bis Einheimische das Projekt irgendwann allein tragen. Inwieweit sowohl private als auch staatliche Entwicklungsorganisationen unvoreingenommen daran arbeiten können, muss kritisch überprüft werden. Schließlich würden sie sich damit selbst überflüssig machen.

Doch die Nachhaltigkeitsfrage hat eine weitere Facette: Würden wir in Deutschland jemanden unsere Kinder unterrichten lassen, der dazu keinerlei Qualifikation besitzt? Warum sollte das in einem anderen Land akzeptabel sein? Die westliche Angewohnheit, mit zweierlei Maß zu messen, kennt die Zimbabwerin nur zu gut. Warum meinen Westler immer noch, auf andere hinunterblicken und sie belehren zu können? Bei allen Problemen, die es zum Beispiel auch mit chinesischen Investoren in Entwicklungsländern gibt, ist mit ihnen das Gespräch auf Augenhöhe erfrischend. Sie kommen ohne den selbstgerechten Dünkel des Weltverbesserers und wollen einfach nur Geschäfte machen – mit Partnern, nicht mit Hilfsbedürftigen. Aus ihrem Herkunftsland kennt die junge Frau „Voluntourism“-Projekte, die daran gescheitert sind, dass Einheimische bei der Planung und Umsetzung gar nicht einbezogen wurden. Anscheinend hatten die „Helfer“ das Gefühl, das nicht nötig zu haben.

Für Axel Dreher, Direktor des Instituts für Wirtschaftswissenschaften der Universität Heidelberg, ist es das gleiche Konzept wie in der Kolonialzeit: die Idee, dass die Westler immer alles besser wissen. Er spricht zudem von einem „Parallelsystem“, wenn von außen finanzierte Projekte Aufgaben des Staates übernähmen, was letztlich nicht effizient sein könne. Selbst effektive Entwicklungsprogramme an Schulen könnten zum Beispiel die jeweilige Regierung des Landes davon abhalten, selbst in die Schulbildung zu investieren. Stattdessen könnte das eigentlich dafür vorgesehene Geld dann anderweitig und nicht unbedingt nachhaltig verwendet werden.

Es ist ein Teufelskreis, da Ursache und Wirkung wirtschaftlicher, politischer und sozialer Zusammenhänge in Entwicklungsländern oft nicht kritisch und damit auch nicht selbstkritisch hinterfragt werden. Dies verstärkt die Gefahr, dass sich sowohl „Voluntouristen“ als auch Einheimische in einem Weltbild der „weißen Vorherrschaft“, der „White Supremacy“, bestätigt fühlen. So wie die Kinder, die noch nie eine Schwarze als Freiwillige gesehen haben, weil deren Zahl eben viel geringer ist. Zudem sind die Zielländer der „Voluntouristen“ oft Entwicklungsländer, die einst von Europäern kolonialisiert und ausgebeutet wurden. Nicht umsonst wird Freiwilligenarbeit und insbesondere „Voluntourism“ mitunter in der Tradition des anmaßenden Missionierungsanspruchs Weißer gegenüber Schwarzen zur Zeit des Kolonialismus gesehen.

Im Internet lassen sich aber auch einige Berichte von Freiwilligen finden, die vor Ort zu realisieren scheinen, dass ihre Arbeit an der gewünschten Weltverbesserung vorbeigeht oder sogar ins Gegenteil umschlägt. Paradebeispiel hierfür ist der „Waisen-Tourismus“. So führt die hohe Nachfrage nach Freiwilligenarbeit in Waisenhäusern an einigen Orten zu einer Form von Kinderhandel: Die Kleinen werden von ihren Familien getrennt und in scheinbaren Waisenhäusern zur Schau gestellt. Die Betreiber streichen die Spenden der Freiwilligen ein. So hatten laut Unicef, dem Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen, in Kambodscha mehr als drei Viertel der Kinder in Waisenhäusern noch ein oder zwei lebende Elternteile. Außerdem steige dort die Zahl der von nicht staatlichen Organisationen (NGO) betriebenen Waisenhäuser seit mehr als einem Jahrzehnt beständig. Unicef mahnt Freiwillige deshalb, nicht in Waisenhäusern zu arbeiten.

In Nepal sieht die Situation ähnlich aus. Im südlichen Afrika ist zudem ein „Aids-Waisen-Tourismus“ entstanden, der die Situation der betroffenen Kinder laut einer Untersuchung des südafrikanischen Human Sciences Research Council möglicherweise noch verschlimmert. Denn sie bauen emotionale Bindungen zu den Durchreisenden auf, die dann ständig wieder aufgegeben werden müssen.

Die junge Entwicklungsexpertin aus Zimbabwe schätzt den Nutzen von solchen Projekten aus diesen Gründen geringer ein als den Schaden. Wer profitiert also davon? Bei geringer Nachhaltigkeit muss man sagen: vor allem die Freiwilligen sowie die Organisatoren mit ihren Angestellten. Versucht man, den Leistungsbericht des Anbieters „Projects Abroad“ mit Projektergebnissen der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) zu vergleichen, wird deutlich, dass die Freiwilligenarbeit von „Voluntouristen“ keine echte Alternative zur Entwicklungszusammenarbeit darstellt.

Grundsätzlich bleibt es aber fraglich, ob selbst professionelle Entwicklungsprogramme, wenn auch weitaus effektiver, wirklich nachhaltig sind. Peter Nunnenkamp vom Institut für Weltwirtschaft in Kiel hält es für „unsagbar schwierig“, die Wirksamkeit von Entwicklungsprojekten wirklich messen zu wollen. Er könne sich aber auch nicht vorstellen, dass man ohne Bürokratie leicht Nachhaltigkeit schaffen kann. Deshalb zweifle er das auch bei „Voluntourism“-Unternehmen mit einer teils überaus kurzen Durchlaufzeit von Freiwilligen an.

„Wenn du wirklich helfen willst, dann mach dir nichts vor“, fasst die Zimbabwerin die Situation zusammen. Freiwillige zahlten Tausende Euros und reisten einmal um den Globus, um mit Kindern zu spielen. Allein mit den Flugkosten hätten sie wohl einige Klassenzimmer finanzieren können, mutmaßt sie. Es sei viel Augenwischerei im Spiel, die die Vorstellung aufrechterhalte, man könne damit die Welt retten. Die wirklichen Probleme würden dadurch verschleiert, weil es keine nachhaltigen Lösungen schaffe.

Es ist kein Geheimnis, dass EU-Staaten mit ihren subventionierten Produkten die Märkte in den afrikanischen Ländern zerstören. Deutsche Milchprodukte werden dort zum Beispiel günstiger verkauft, als afrikanische Hersteller sie in ihrem eigenen Land wirtschaftlich rentabel anbieten können. „Wir sollten uns anschauen, welche Firmen und Unternehmen wir unterstützen und welche Entscheidungen unsere Regierungen in Politik und Wirtschaft auch außerhalb unseres Heimatlandes treffen“, sagt die einstige Helferin aus Zimbabwe. Freiwilligenarbeit beginnt zu Hause. Da, wo es einem weh tun könnte, auf Privilegien zu verzichten – und wo man sein soziales und politisches Engagement nicht mit einem Foto auf Facebook in Szene setzen kann.

Ist Schreien bei Babys normal?

Viele Eltern sind – gerade beim ersten Kind – in den ersten Lebenswochen verwirrt, weil ihr Baby immer wieder schreit. Sie versuchen alles, um ihr Kind zufrieden zu machen. Aber es schreit trotzdem. Warum? Verzweifelt versuchen sie weiter, dem neuen Erdenbürger alle Wünsche zu erfüllen. Aber das Kind ist undankbar. Es schreit trotzdem.

Wissenschaftler beschäftigen sich mit diesem belastenden Thema seit Jahrzehnten, nennen es erstmal “Blähungen”, später “Dreimonatskoliken” und heutzutage “Regulationsstörungen“.

Etwas Licht bringt eine Meta-Analyse von Prof. Dr. Dieter Wolke und Mitarbeitern von der Universität Warwick in Conventry (Großbritannien) in das Thema. Sie verglichen Studien aus verschiedenen Ländern miteinander und fanden, dass die tägliche Schreidauer von Kindern in den ersten sechs Wochen bei etwa 120 Minuten liegt. Danach nimmt sie schrittweise ab. Im 4. Lebensmonat ist anhaltendes Schreien nur noch bei 0.3% der Kinder zu beobachten. Dänische und deutsche Kinder schreien laut dieser Studie übrigens deutlich weniger als solche in Canada.

Dass Babys schreien, scheint also ein weltweites Problem zu sein. In vielen Kulturen Afrikas, wo die Kinder noch häufig 24/24 Stunden bei den Müttern sind, ist dies seltener der Fall als bei uns. In unseren Kulturen wird auf die Autonomie des Kindes Wert gelegt. Diese ist jedoch in den ersten Monaten nur begrenzt und das Kind braucht immer wieder Hilfe von außen, um sich zu regulieren. Die Hilfe sollte aber beruhigend sein. Gerade sehr aufmerksame Kinder – “sensention seekers” – reagieren zunächst auch günstig auf erregende Reize (Schaukeln, Autofahren, Schlüssel-Rasseln). Bald jedoch steigern diese das Erregungsniveau noch mehr, so dass die Einschlafschwierigkeiten noch deutlicher werden.

Ein Rezept, das für alle Kinder günstig wäre, ist nicht gefunden. Sicher ist, dass Neugeborene viel Nähe brauchen. Eltern sind da, spürbar. Das bedeutet aber nicht, dass sie ihr hilfloses Kind mit Küssen überschütten und auf jede kleine Bewegung mit irgendetwas regieren sollten. Einfach da sein ist wichtig. Diese starke Nähe ist für Eltern und Babys wunderbar. Aber bereits in diesen ersten Lebenswochen beginnt eine zarte Ablösung. Es zeigt sich der Charakter der Babys, der respektiert werden sollte. Das bedeutet manchmal, dass Eltern ihrem Kind auch eine gewisse Selbständigkeit zutrauen dürfen. Es für Momente liegen lassen, wenn das Kind mit den Blicken seine Umgebung beobachtet nicht ansprechen. Der Anfang der Autarkie.

Die Ablösung des Kindes von seinen Eltern beginnt sehr zart schon in den ersten Lebenswochen. Diese Veränderungen und Bedürfnisse des Kindes gilt es zu erspüren und zu respektieren.

Reisemedizin: Malaria

Gerne unterschätzt wird von vielen Reisenden die Malaria. bei dieser Krankheit vermutete man früher, dass sie durch schlechte Luft (mal aria – italienisch: schlechte Luft) übertragen würde, wodurch eine Stadt, die sicher frei von Malaria war Buenos Aires (“gute Lüfte”) genannt wurde.

Schon lange ist klar, dass die Erkrankung durch Erreger aus der Gattung der Plasmodien ausgelöst wird. Die Plasmodien wiederum werden durch nachtaktive Mücken (z.B. Anopheles-Mücke) beim Stich übertragen. Die Folgen sind dramatisch. Afrika ist der Kontinent mit der weitaus größten Belastung durch Malaria. Menschen, die dort dauerhaft leben, erkranken immer wieder daran und leiden dann an einem Krankheitsbild, das einer schweren Grippe in Europa – im günstigsten Fall! – ähnelt. Das gilt jedoch nur für Menschen, die regelmäßig mit dem Erreger konfrontiert sind.

Für Kinder, die auch in Afrika keine Immunität gegen die Malaria haben, ist die Erkrankung dramatisch. Jährlich erkranken weltweit etwa 200 Millionen Menschen, wovon über 600.000 pro Jahr sterben – meist Kinder in Afrika.

In Deutschland selbst kann man praktisch nicht erkranken. Aber von Reisen in die Tropen bringen Menschen die Erkrankung hierher. Das waren in den letzten Jahren 500-600 Kranke pro Jahr, inzwischen ist die Zahl auf über 1000 pro Jahr angestiegen, wo sie schon vor 20 Jahren lag. Trotz Intensivmedizin kommt es auch in Deutschland zu tödlichen Verläufen.

Jeder Reisende, der in die Tropen aufbricht sollte sich also mit dem Thema Malaria auseinandersetzen. Da sich die Lage weltweit von Jahr zu Jahr ändert, ist es sinnvoll ärztliche Beratung bei einem Arzt für Reisemedizin oder Tropenmedizin einzuholen. Der kann je nach bereister Region, den individuellen Reiseplänen und der Gesundheit des Reisenden aufzeigen, was wichtig ist, um nicht von der Malaria getroffen zu werden. Welche Regionen in Lateinamerika und Afrika Malariagebiete sind, zeigt die Karte der Deutschen Tropenmedizinischen Gesellschaft (DTG) rechts im Bild. Nicht abgebildet sind die betroffenenen Gebiete in Asien.

Unsere Praxis bietet reisemedizinische Beratungen an.

 

Ursachen der Ernährungskrise

Ernährungskrisen werden immer wieder thematisiert. Oft ist die Darstellung zu einfach. Der Versuch mit einigen Zeilen zur Aufklärung beizutragen kann nur misslingen. Die Frage der Ernährung weltweit ist vielschichtig. Der folgende Beitrag ist der Sonntagszeitung (Zürich, Schweiz) entnommen zeigt die unterschiedlichen Aspekte des Problems gut auf. Er erschien vor der Volksabstimmung Ende Februar und ist von Philipp Aerni* verfasst.

«Mit Essen spielt man nicht!» Das Motto der Initianten der Spekulationsstoppinitiative weckt Schuldgefühle aus der Kindheit. Zugleich schafft es Wut und Empörung gegenüber Erwachsenen, die versuchen auf Kosten der Armen Geld mit Nahrungsmitteln zu verdienen. Diese Spekulanten hätten keinen Respekt vor der Menschenwürde, und es sei ihnen gleichgültig, ob Millionen durch ihre Spielchen verhungern, wie es Jean Ziegler ausdrückt.

Die Verwandlung des kindlichen Schuldgefühls in ein Wutgefühl gegen- über Nahrungsmittelspekulanten nennt man in der Sozialpsychologie symbolische Schuldübertragung. Das Phänomen des Sündenbocks, der seinen Kopf hinhalten muss, um die kollektive Reinwaschung von Schuldgefühlen zu ermöglichen, existiert in allen Kulturen. In der modernen Gesellschaft geht es dabei nicht mehr um die symbolische Schlachtung eines Ziegenbocks oder gar um Hexenverbrennung, sondern um ein Votum gegen die angeblich moralisch Minderwertigen, denen all die Eigenschaften zugeschrieben werden, die man bei sich selbst nicht wahrhaben will.

Klar würden die Jungsozialisten diesem impliziten Vorwurf der unbewussten Manipulation vehement widersprechen und auf Studien verweisen, die einen Zusammenhang zwischen Spekulation und unerwünschten Preisschwankungen aufdecken. Der Hinweis auf wissenschaftliche Publikationen soll wieder Nüchternheit und Sachlichkeit in die Diskussion bringen. Doch meistens endet diese Diskussion in einem relativ langweiligen Erbsenzählen von Studien, die keinen Zusammenhang sehen, und solchen, die einen Zusammenhang sehen. Und wenn es sich herausstellt, dass tatsächlich eine Mehrheit der Studien keinen Zusammenhang sehen, dann bezichtigt man die Autoren der Komplizenschaft mit den Spekulationsbefürwortern. Man kehrt also wieder auf die emotionale Ebene zurück.

Die Frage, ob die Preisschwankungen der an globalen Börsen gehandelten Agrarrohstoffwaren tatsächlich einen unmittelbaren Effekt auf die am meisten unter Hunger und Unterernährung leidenden Bevölkerung haben, fällt dabei unter den Tisch. Das grundlegende Missverständnis zu den Ursachen der Welternährungskrise wird vollständig ausgeklammert.

Marginale ländliche Regionen sind vom Markt abgekoppelt

Vielen ist nämlich kaum bewusst, dass bereits vor dem ersten massiven Anstieg der Nahrungsmittelpreise im Frühjahr 2008 über 850 Millionen an Hunger und Unterernährung gelitten haben. Offenbar schienen diese Leute nicht auf unserem Radar zu sein, denn niemand redete hier von einer Krise. Warum? Weil diese Leute nicht in Städten, sondern in marginalen ländlichen Regionen leben und daher abgekoppelt sind von globalen Nahrungsmittelmärkten.

Es sind primär Viehzüchter und Subsistenzbauern, die zuerst ihre Eigenversorgung sicherstellen müssen, bevor sie es sich leisten können, etwas auf dem lokalen Markt zu verkaufen. Ihre prekäre Lage zeigt sich vor allem in den von Hunger und Unterernährung am meisten betroffenen  Regionen in Südindien und Afrika südlich der Sahara. Die Grundnahrungsmittel, die für ihre Selbstversorgung bestimmt sind, werden gar nicht an internationalen Börsen gehandelt. Kaum jemand spekuliert auf Maniok, Yams oder Sorghum.

Doch selbst wenn sie Mais, Reis oder Weizen anbauen, gelangt ihre überschüssige Ware kaum je an eine Börse. Denn es fehlt oft die Infrastruktur für Lagerhaltung und Qualitätsbeurteilung; und die Transportkosten stehen in keinem Verhältnis zu den relativ kleinen Überschussmengen. Die Kosten sind schlichtweg zu hoch, um in marginalen Regionen aus nicht handelbaren handelbare Agrarprodukte zu machen.

Somit geschieht keine Integration in die formalen Agrarmärkte, und genau dies macht die lokalen Produzenten verletzbar, denn für ihre Überschüsse finden sie kaum einen lokalen Abnehmer, da ja alle gleichzeitig gute Ernten erzielen, und bei Missernten will niemand das verkaufen, was er noch auf Vorrat hat.

Nun stellt sich die Frage, ob man etwas gegen diese prekäre Situation tun kann. Die Resultate aus der Feldforschung im südlichen Afrika zeigen klar, dass Produktivitätssteigerungen und die Verbesserung der lokalen Infrastruktur die Lebenssituation in marginalen Regionen rapide verbessert, denn solche Investitionen erlauben eine Integration in regionale Märkte, wo die Überschüsse oft zu einem weit besseren Preis in den nahe gelegenen Städten verkauft werden können. Die Informationen zu den aktuell gehandelten Preisen können die Bauern via Handy ausfindig machen, und somit werden auch Zwischenhändler ausgeschaltet, welche die mangelnde Transparenz zu den gehandelten Preisen ausnützen.

Gut gemeinte Projekte bewirken oft das Gegenteil

Die Frage stellt sich aber, warum die notwendigen Investitionen in die Verbesserung der Produktivität der Grundnahrungsmittel und der ländlichen Infrastruktur nicht getätigt werden. Dies hat viel mit der Wahrnehmung in Geberländern wie der Schweiz zu tun. Die bukolische Vorstellung des glücklichen Kleinbauern in Afrika, der sich genügsam mit dem nötigsten selbst versorgt und die Fortschritte in der modernen Saatgutzüchtung und des Pflanzenschutzes als fremdartige Innovationen nobel von sich weist, sind hierzulande sehr ausgeprägt. Ausserdem werden Infrastrukturprojekte in diesen Ländern weniger mit ruraler Ermächtigung, als mit Prestigeprojekten von Regierungen in Verbindung gebracht, von denen hauptsächlich ausländische Unternehmen profitieren.

Tatsache ist jedoch, dass die Kinder von Millionen von Kleinbauern in die Städte migrieren wollen, weil sie keine Zukunft auf dem kleinen Hof sehen, dessen Grundbesitz sie noch mit zahlreichen Geschwistern teilen müssen, da es keine Jobs ausserhalb des Betriebes gibt. Die Migration in die Städte steigert unweigerlich die Nachfrage nach handelbaren Nahrungsmitteln; und weil nicht in den ländlichen Strukturwandel investiert wird, müssen die Nahrungsmittel zunehmend importiert werden, was die Abhängigkeit von internationalen Nahrungsmittelpreisen, die primär von Missernten und Überschüssen in den wichtigen Exportländern bestimmt werden, weiter verschärft.

Westliche Projektionen mögen daher gut gemeint sein, sie bewirken jedoch oftmals genau das Gegenteil von dem, was beabsichtigt wurde.

Doch könnte man eine Volksinitiative gewinnen, bei der das «Volk» mitverantwortlich gemacht wird für falsche Entwicklungen in der Landwirtschaft? Natürlich nicht. Es braucht Ausländer und Spekulanten und andere Profiteure, denen man die Schuld zuweisen kann. Nur so kann man politisch Karriere machen, denn die Kunden beziehungsweise die Wähler sollen sich wohlfühlen bei dem, was sie tun, denken und essen.

*Philipp Aerni ist Direktor des Center for Corporate Respon- sibility and Sustainability (CCRS) an der Universität Zürich. Von Mai 2012 bis September 2013 war er bei der Welternährungsorganisation (FAO) in Rom tätig

Reisemedizin: Cholera in Kenia

Für alle, die eine Fernreise nach Kenia planen: Dort wurden in einigen counties ( Nairobi, Migori, Homa Bay, Bomet, Mombasa, Nakuru und Muranga) in diesem Jahr Fälle von Cholera festgestellt. Von den etwa 3300 Erkrankten verstarben bisher 65 Personen.

Cholera ist eine schwere Magen-Darm-Infektion, die mit massiven Durchfällen und dadurch extremem Flüssigkeitsverlust verbunden sein kann. In der Regel sind eher Menschen betroffen, die keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser haben. Touristen sind jedoch nicht sicher gefeit.

Reisende, die einen Urlaub in diesem Jahr in Kenia geplant haben (z.B. Diani Beach), sollten sich an einen Arzt wenden. Mit einer Impfung kann ein gewisser Schutz gegen die Cholera aufgebaut werden.

Ebola – ein Problem für uns bei Urlaubsreisen?

Eine Erkrankung mit dem Ebola-Virus ist extrem gefährlich. Deswegen erfahren wir auch in Deutschland von diesem Problem, obwohl es uns im Moment nicht direkt betrifft.

Das Ebola-Virus ist seit 1976 bekannt. Krankheitsausbrüche waren seither fast ausschließlich in Westafrika, wobei zwischen 1976 und 1994 keine Fälle auftraten (siehe nebenstehende Graphik von Bloomberg). Dies belegt, dass auch lange ruhige Perioden uns nicht täuschen dürfen. Der jetzige Ausbruch übersteigt alle vorherigen bei weitem: Über 2000 Erkrankungen in 2014 (Stand 20.08.2014), davor waren es maximal 600 im Jahre 1976. Die Sterberate der Erkrankung liegt bei 50% bis 90%, die Überträger sind wahrscheinlich Flughunde (aber das ist noch nicht abschließend geklärt). Immer wieder war die Rede von Medikamenten, die eingesetzt werden könnten. Tatsache ist, dass der erste Behandelte nach Gabe von Zmapp© innerhalb weniger Stunden genesen sei. Beim zweiten Patienten half das Medikement langsam, der dritte Patient verstarb trotz Zmapp©-Gabe. Jetzt gibt es noch Zmapp©, das für 2 – zwei ! – weitere Menschen reicht. Das ist alles.

Was hat das alles mit uns zu tun?

1. Von einem Besuch in den betroffenen Ländern ist sicher abzuraten – aber Guinea, Liberia und Sierra Leone sind selten Urlaubsgebiete für deutsche Touristen.

2. An Ebola starben seit der Entdeckung des Virus 2686 Menschen. An Tollwut, das zu 100% tödlich ist wenn keine Therapie erfolgt, sterben jährlich 55.000 Menschen. Bei Urlaubsreisen in exotische Länder sollte also weniger die Angst vor Ebola einen umtreiben. Sinnvoller ist sich mit dem Arzt zu beraten, ob eine Tollwut-Impfung Sinn macht. Diese ist bestens wirksam.