Schlagwort-Archiv: Blähungen

Ist Schreien bei Babys normal?

Viele Eltern sind – gerade beim ersten Kind – in den ersten Lebenswochen verwirrt, weil ihr Baby immer wieder schreit. Sie versuchen alles, um ihr Kind zufrieden zu machen. Aber es schreit trotzdem. Warum? Verzweifelt versuchen sie weiter, dem neuen Erdenbürger alle Wünsche zu erfüllen. Aber das Kind ist undankbar. Es schreit trotzdem.

Wissenschaftler beschäftigen sich mit diesem belastenden Thema seit Jahrzehnten, nennen es erstmal “Blähungen”, später “Dreimonatskoliken” und heutzutage “Regulationsstörungen“.

Etwas Licht bringt eine Meta-Analyse von Prof. Dr. Dieter Wolke und Mitarbeitern von der Universität Warwick in Conventry (Großbritannien) in das Thema. Sie verglichen Studien aus verschiedenen Ländern miteinander und fanden, dass die tägliche Schreidauer von Kindern in den ersten sechs Wochen bei etwa 120 Minuten liegt. Danach nimmt sie schrittweise ab. Im 4. Lebensmonat ist anhaltendes Schreien nur noch bei 0.3% der Kinder zu beobachten. Dänische und deutsche Kinder schreien laut dieser Studie übrigens deutlich weniger als solche in Canada.

Dass Babys schreien, scheint also ein weltweites Problem zu sein. In vielen Kulturen Afrikas, wo die Kinder noch häufig 24/24 Stunden bei den Müttern sind, ist dies seltener der Fall als bei uns. In unseren Kulturen wird auf die Autonomie des Kindes Wert gelegt. Diese ist jedoch in den ersten Monaten nur begrenzt und das Kind braucht immer wieder Hilfe von außen, um sich zu regulieren. Die Hilfe sollte aber beruhigend sein. Gerade sehr aufmerksame Kinder – “sensention seekers” – reagieren zunächst auch günstig auf erregende Reize (Schaukeln, Autofahren, Schlüssel-Rasseln). Bald jedoch steigern diese das Erregungsniveau noch mehr, so dass die Einschlafschwierigkeiten noch deutlicher werden.

Ein Rezept, das für alle Kinder günstig wäre, ist nicht gefunden. Sicher ist, dass Neugeborene viel Nähe brauchen. Eltern sind da, spürbar. Das bedeutet aber nicht, dass sie ihr hilfloses Kind mit Küssen überschütten und auf jede kleine Bewegung mit irgendetwas regieren sollten. Einfach da sein ist wichtig. Diese starke Nähe ist für Eltern und Babys wunderbar. Aber bereits in diesen ersten Lebenswochen beginnt eine zarte Ablösung. Es zeigt sich der Charakter der Babys, der respektiert werden sollte. Das bedeutet manchmal, dass Eltern ihrem Kind auch eine gewisse Selbständigkeit zutrauen dürfen. Es für Momente liegen lassen, wenn das Kind mit den Blicken seine Umgebung beobachtet nicht ansprechen. Der Anfang der Autarkie.

Die Ablösung des Kindes von seinen Eltern beginnt sehr zart schon in den ersten Lebenswochen. Diese Veränderungen und Bedürfnisse des Kindes gilt es zu erspüren und zu respektieren.

Fructoseintoleranz

Das Thema von Nahrungsmittelunverträglichkeiten steht zunehmend im Zentrum vieler Beschwerden des Magen-Darm-Traktes. Im Vordergrund steht hier ganz besonders die Laktoseintoleranz (siehe praxisblaettle vom Januar 2016). Gemeinsam ist diesen Unverträglichkeiten, dass sie zu Beschwerden im engen Zusammenhang mit der Nahrungsmittelaufnahme führen. Entgegen aller Vermutungen, kommen Allergien als Ursache eher selten in Betracht.

Bis heute eher wenig bekannt ist die Fructoseintoleranz. Ihr liegt eine Unverträglichkeit des Fruchtzuckers (Fructose) zugrunde. Der Fruchtzucker kommt – wie der Name schon klar ausdrückt – im Obst vor. Daneben ist er Bestandteil einer Reihe von Süßigkeiten. Wenn wir den regulären Haushaltszucker zu uns nehmen, essen wir Saccharose (Rohr- oder Rübenzucker). Dieser besteht aus 2 Einheiten: der Glucose (Traubenzucker) und der Fructose (Fruchtzucker). Die Saccharose wird im Darm in diese beiden Zucker gespalten, so dass wir Fructose häufig zu uns nehmen, ohne uns dessen immer bewusst zu sein. Die Rolle der Fructose wird immer größer, weil sie zum einen leichter zu transportieren. Zum anderen liegt ihre Süßkraft um 20% höher als die der Glucose, was sie industriell sehr beliebt macht.

Verarbeitung von Fructose im Darm

Die Aufnahme der Fructose in den Darm wird über das Zusammenspiel zweier Eiweiße (GLUT5 und GLUT2) gesteuert. Die Fructose wird dabei nie vollständig aus dem Darm aufgenommen. Je schneller die Darmpassage, umso wenige Zeit bleibt für die Aufnahme in die Blutbahn. Bei sehr rascher Darmpassage wird also weniger Fructose in die Blutbahn überführt und verbleibt im Darm. Wird viel Fructose aufgenommen, steigt auch der Gehalt an GLUT5 und GLUT2. Bei geringerem Angebot sinkt dieser, wodurch bei unregelmäßigem Konsum von Fruchtzucker Beschwerden häufiger sind.

Fructoseintoleranz 

In Europa sind etwa 30% der Menschen davon betroffen, wobei nur ein Teil Symptome aufweißt. Diese Fructoseintoleranz (medizinisch auch Fructosemalabsorption genannt) macht Symptome in Abhängigkeit von der Menge an Fructose, die nicht aufgenommen und damit mit dem Darm weiter transportiert wird. In dieser Zeit wird sie von den Darmbakterien abgebaut und führt zu Blähungen, Bauchschmerzen sowie breiigen und übelriechenden Durchfällen.

Fructose erzeugt ein geringeres Sättigungsgefühl als Glucose und wird – besonders bei kalorienarmer Nahrung – auch schneller in Körperfett umgewandelt als Glucose. Damit erhöht sich durch Fructose das Risiko für Fettleibigkeit, wenngleich der Blutzucker nur wenig verändert wird.

Wie kann die Diagnose gesichert werden?

Dazu wird – ähnlich wie bei der Latoseintoleranz – der sog. H2-Atemtest durchgeführt. Je nach Aufnahme der angebotenen Fructoselösung steigt die Wasserstoffkonzentration im Gas der Ausatemluft. Dieser ambulante Test kann die Diagnose in wenigen Stunden wahrscheinlich machen.

Gibt es eine Therapie?

Da der Abbau von Fructose über zwei Eiweiße erfolgt, die in Abhängigkeit von der Konzentration der Fructose gebildet werden, ist eine Diät frei von Fructose nicht sinnvoll (und auch praktisch nicht möglich). Die Aufnahme von Fruchtzucker sollte abgesenkt und auf etwa gleichem Niveau gehalten werden.

Wo kommt Fructose vor?

Kurz gesagt: in Früchten und in Süßigkeiten (besonders auch Süßgetränken) kommt Fructose vor. Für Details ist es sinnvoll, sich die Tabellen über den Gehalt an Fructose anzusehen.

 

sog. Blähungen: Frühkindliche Regulationsstörungen

Ein grosses Problem für viele Eltern sind die sog. Blähungen. Diese wurden lange so bezeichnet, weil man früher meinte, der Magen-Darm-Bereich der Säuglinge sei unreif.

Dieses Konzept ist schon seit langem überwunden und mit dem Begriff “Frühkindliche Regulationsstörungen” ist klarer beschrieben, wie vielfältig die Ursachen sind. Wie Urs Hunziger aus der Schweiz und andere zeigen könnten, schreien viele Säuglinge und sie schreien lange. Im Alter von 6 Wochen, wenn sie zur U3 zu uns kommen, liegt die mittlere Schreidauer eines Säuglings bei fast 3 Stunden. Wenn die Kinder oft getragen werden, erreicht die Dauer nicht diese Ausmaße und das Schreien geht auch früher zurück (siehe rote gegen blaue Kurve im rechtsstehenden Diagramm). Vermehrtes Tragen am Körper ist also günstig und “verwöhnt” – wie oft behauptet – die Kinder keineswegs. Säuglinge haben vermutlich ein hohes Bedürfnis nach Nähe und das sollten wir ihnen nicht verwehren.

Ursächlich für das Schreien sind “Temperament”, Schlafprobleme, Trinkstörungen, Erkrankungen (wie z.B.  Infektionen, Milchunverträglichkeiten) aber auch Vater-Mutter-Kind-Interaktionen. Dies gilt es im Einzelfall immer herauszuarbeiten, um dem Säugling und seinen Eltern weiterzuhelfen.

 

Gibt es Blähungen bei Säuglingen?

Wenn Kinder schreien hat die Umgebung schnell eine Antwort parat: je nach Alter heißt sie “Blähungen”, “Zahnen” oder “Wachstumsschmerzen”. So gut gemeint diese Antworten sind, so wenig treffen sie die Wahrheit. Und sie helfen den Eltern oder gar dem Kind nicht weiter. Deswegen soll hier versucht werden zu erklären, was Kinder in den verschiedenen Altersgruppen Unwohlsein empfinden lässt. Und was Eltern dagegen tun können.

Dem Schreien des Säuglings kann sich niemand entziehen; als angeborenes Alarmsignal löst es aufseiten der sozialen Umwelt Stressreaktionen aus. Gleichzeitig ändert sich auch das Fürsorgeverhalten: Die Umgebung erarbeitet intuitiv Beruhigungshilfen, die Baby und Eltern gleichermaßen wieder zur Ruhe bringen sollen. Als unwillkürlicher Ausdruck jeglicher Form von Missbehagen und starker Erregung erreicht das Schreien des Säuglings (von vielen als “Blähung” bezeichnet) um die sechste Lebenswoche seinen Höhepunkt. Jenseits des dritten Monats ändert sich dann diese Reaktionsform des Kindes: Statt Quengeln und Schreien treten andere Signale auf, mit denen sich das Kind an seine Eltern wendet. “Die Blähungen sind weg”, aber eigentlich ist das Kind inzwischen reifer und kann sich anders äussern. Es wird für die Eltern leichter, bei ihrem Kind die Gefühle von Ärger/Frustration/Wut/Protest, von Angst/Furcht/Panik oder von Traurigkeit und Verlassenheit zu unterscheiden.

Diagnose des exzessiven Schreiens (“sog. Blähungen”)

  • Zur Diagnose des “exzessiven Schreiens” bei einem ansonsten gesunden, wohl genährten Säugling gilt international die Wessel’sche Dreierregel: Schreien und Quengeln von mehr als drei Stunden täglich, an mindestens drei Tagen der Woche über mindestens drei Wochen. Bedeutsamer als das zeitliche Ausmaß ist jedoch das Kernsymptom des unstillbaren Schreiens, das nicht auf die normalen Beruhigungshilfen anspricht und bis zum Gipfel in den Abendstunden eskaliert. Es geht einher mit Reizbarkeit, mangelnder Tröstbarkeit und Selbstberuhigung und ausgeprägten Problemen der Schlaf-Wach-Regulation: Unruhe und Überreiztheit der Wachzustände; Schwierigkeiten, trotz Übermüdung in den Schlaf zu finden; Mangel an regelmäßigen Schlaf-Wach-Zyklen tagsüber mit einem zunehmenden Schlafdefizit bis in die späten Abendstunden, aber ruhigem Nachtschlaf.
  • Die Eltern-Kind-Interaktionen sind durch die vergeblichen Beruhigungsversuche und stundenlanges Herumtragen angespannt; der Säugling bleibt auf dem Arm motorisch unruhig, macht sich steif und neigt zu Überstreckung; die Eltern fallen durch unsicheres Handeln und häufigen Wechsel von oft heftigen Stimulationen auf. Sei es durch Laute (“dadadada”), sei es durch Anbieten von visuellen  Reizen (“schau mal”), sei es durch teils kräftiges Herumschaukeln. Es kommt zu Teufelskreisen wechselseitiger Eskalation von Erregung und Anspannung.
  • Aufseiten der Mutter, oft auch beider Eltern findet sich regelmäßig ein Überlastungssyndrom, das von chronischer Erschöpfung, Schlafdefizit, Übererregbarkeit, Frustration, Verunsicherung und agitiert-depressiver Stimmungslage geprägt ist. Es ist in der Regel nicht die Ursache, sondern die Folge des unstillbaren Schreiens, der oft 24-stündigen Beanspruchung und wechselseitigen Eskalation. Im Kern des Erlebens der Mutter steht ihre – durch das negative Feedback von Schreien und Quengeln “bescheinigte” – Unfähigkeit, ihr Baby beruhigen und zufrieden stellen zu können. Sie hat Versagensgefühle und Selbstzweifel in Bezug auf die Mutterrolle, zeitweise auch ohnmächtige Wut auf Partner und Baby.
  • Ursachen
  • Extremausprägungen der normalen individuellen Variabilität von Schreien und Quengeln finden sich bei jedem vierten bis fünften gesunden Säugling in Assoziation mit den Anpassungs- und Reorganisationsprozessen nach der Geburt, die – auch in Naturvölkern und bei Frühgeborenen – um die sechste Woche nach dem errechneten Geburtstermin gipfeln und im Alter von zehn bis zwölf Wochen durch einen Entwicklungsschub beendet werden. Durch diesen erreicht der Säugling eine neue Ebene der Selbstregulation mit neuen sozialen Kompetenzen, aktiv-aufmerksamem Wachen und verbesserter Schlaf-Wach-Organisation. Als Ursache der Extremausprägungen werden genetische und im Zuge pränataler Stressbelastung erworbene Faktoren diskutiert; am häufigsten jedoch scheint es sich um eine vorrübergehende relative Unreife zu handeln, die sich auch in einer leichten neuromotorischen Unreife (Übererregbarkeit, Strecktendenz, Haltungsasymmetrie, Aufrichtungsmangel) zeigtTherapieDie von uns gewünschte Therapie, das Schreien durch Verabreichung von Tropfen zu beenden, gibt es nicht. Zunächst werden organische Ursachen, die zu vermehrtem Schreien führen können, diagnostiziert und behandelt. Dazu gehören in erster Linie: Kuhmilcheiweißunverträglichkeit, gastroösophagealer Reflux und Funktionsstörungen im HWS-Bereich. Zur Klärung von Ausmaß und tageszeitlicher Verteilung der Schrei- und Schlafproblematik hat sich ein 24-stündiges Tagesprotokoll bewährt, das die Eltern einige Tage lang ausfüllen.Wichtig ist, für die physische und psychische Entlastung der Mutter, ggf. beider Eltern, Sorge zu tragen (z.B. verstärktes Einbeziehen des Partners) und das Vertrauen der Eltern in ihre intuitiven Kompetenzen zu stärken. Bei extrem dysregulierten Säuglingen und eskalierenden Situationen kann eine in sensorischer Integrationstherapie von einer mit Säuglingen erfahrenen Ergotherapeutin zu verbessertem Handling beitragen.Die entwicklungsorientierte Beratung zielt auf ein verbessertes Verständnis der kindlichen Regulationsprobleme und damit auf Reizreduktion und Unterstützung eines regelmäßigen Schlaf-Wach-Zyklus ab. Sinnvoll ist
  • eine möglichst reizarme Umgebung: kein Lärm, möglichst wenig Geräusche durch Radio / Fernsehen
  • regelmässige Tagesabläufe schaffen Sicherheit: Besonders wichtig ist das gleichbleibende Abendritual
  • dem Säugling viel Sicherheit vermitteln: mit ihm reden, singen – aber alles ganz ruhig und langsam. Der schreiende Säugling ist eine große – und für viele Eltern überraschende Aufgabe. Besserung kann nur aus einer guten Zusammenarbeit von Kind und Eltern entstehen. Das verunsicherte Kind braucht die Liebe, Wärme und Sicherheit der Eltern. Von den Eltern wird eine enorme Geduld abverlangt, bevor nach Wochen sich die Erfolge zeigen. Die Blähungstropfen jedoch sind keine Lösung.