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Elternkurs in Sigmaringen

“Manchmal weiß ich nicht was ich machen soll…..”. Mit diesen Worten kommen Eltern oft zum Kinder- und Jugendarzt. Was in Büchern so einfach daher kommt, kann im Alltag eine große Herausforderung sein: das Verhalten der Kinder.

Ab Oktober 2017 bietet die Mariaberger Ausbildung & Service gGmbH im Rahmen de Landesprogrammes STÄRKE Kurse für Eltern an, in denen auf eben diese alltäglichen Erziehungssituationen eingegangen wird.

Der erste Kurs für Eltern von Kindern unter 12 Jahren findet am 17. Oktober 2017 um 20 Uhr in Sigmaringen statt. Bei Interesse ist eine Voranmeldung bis zum 13. Oktober erforderlich per Telefon (07571  74 86-0) oder Mail (g.scheuerle@mariaberg.de).

Erziehung?

Die Entwicklung von Kindern wird in den letzten Jahrzehnten immer mehr reguliert. Alle fühlen sich berufen hier etwas anzumerken: Kinder- und Jugendärzte, Lehrer- und Erzieherverbände, Arbeitgeber und Arbeitnehmer – Politiker sowieso, die sind bei allen Themen wortgewaltig dabei. Auch wenn der Inhalt mal um 180° gedreht wird, weil es die politische Lage so will. Getreu dem Motto von Konrad Adenauer: Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern. Oder Robert Bosch: ”Was goht mi mei saudomms G’schwätz vo geschtr a”!

Kinder brauchen Freiräume, in denen sie ihre Kreativität ausleben können. Dabei sind die Angebote von außen (Turnverein, Ballett u.ä.) nett, aber oft nicht so wichtig wie es scheint. Ein Kind, das gerne Fußball spielt – siehe das nebenstehende Bild von Orges –  wird schnell eine kleine Truppe organisieren, um dem Ball auch im nahen Umfeld hinterher laufen zu können. Der Fördergedanke hört sich immer gut an. Er ist aber nur in den seltenen Fällen bedeutsam, wenn Kinder eine umschriebene Schwäche haben, die sie in ihrer Entwicklung hemmen. So sollte ein Kind mit künstlerischem Talent keine verkrampfte Stifthaltung haben, weil das die Umsetzung seiner Kreativität einschränken würde. Die vielen Förderprogramme werden sicher nicht dazu beitragen, leichte Schwächen zu beheben. Warum auch. Alle Kinder haben Talente. Und wir brauchen ihnen nur den Raum zu lassen, diese auszuleben und ihnen ein gutes Vorbild sein.

Oder wie schon Karl Valentin sagte: ”Wir brauchen unsere Kinder nicht erziehen, sie machen uns sowieso alles nach.”

Wie Erziehung zur Bürde wird (WELT, 18.11.2014 in Auszügen)

Einst Prügel schon als Säugling, später Freiheit bar jeder Autorität – und nun Förderung um jeden Preis. Immer wieder rutscht Erziehung in Extreme. “Momentan gibt es einen regelrechten Frühförderwahn”, sagt Bildungsforscher Heiner Barz von der Universität Düsseldorf. Was als jeweils beste Erziehung erscheine, habe wenig damit zu tun, wie Kinder sind, meint Herbert Renz-Polster, Kinderarzt und Wissenschaftler aus Vogt im Allgäu. “Es hat vielmehr damit zu tun, für was sie einmal gebraucht werden.” Eltern erlägen oft dem Irrglauben, völlig aus eigenen Überlegungen über die Erziehung zu entscheiden.

Kindheit verlaufe in den hochproduktiven Ländern immer stärker nach einem globalisierten Universalmodell, ausgerichtet auf eine möglichst intensive und frühe kognitive Förderung, schreibt Renz-Polster in seinem aktuellen Buch “Die Kindheit ist unantastbar”. Die Kita sei zum Heiligen Gral eines ganzen Wirtschaftsmodells geworden. “Statt Basteln steht die Erweiterung des Zahlenraums auf dem Programm, statt Kinderbande gilt das Kursprogramm.” Der letzte noch verbliebene Schonraum werde ausgehebelt, auch die Kleinsten bekämen nun zu spüren, wie sich die Drehzahl der Welt nach oben schraube.

“Erziehungswerte sind immer Ausdruck des allgemeinen Lebensgefühls”, erklärt Barz. “Das gesellschaftliche Klima findet sich in den Köpfen der einzelnen Menschen wieder.” Derzeit sei es von ökonomischen Imperativen bestimmt: Leistung, Anstrengung, Selbstdisziplin. “Wir leben in einer Zeit der Effizienzagenturen, des Controlling, der maximalen Ausschöpfung von Ressourcen.” Das Ziel “Optimierung” sei allgegenwärtig, selbst in der Freizeit, erklärt Barz. Fortbildungen, Paartraining, Auslandsreisen, Sport, Diäten, das ganze Leben sei auf Selbstoptimierung ausgerichtet. “Dieses Bestreben, bloß keine Möglichkeiten und Fähigkeiten brachliegen zu lassen, hat schon wahnhafte Züge”, so Barz. Dies gelte oft auch für den Umgang mit Kindern. “Es wird angestrebt, Kinder möglichst früh auf die Spur zu setzen, die zu beruflichem Erfolg führt. Tausend Kompetenzen sollen bis zum Kindergarten angehäuft werden, wenn nicht schon vor der Geburt.” Manche Eltern hätten ein schlechtes Gewissen, wenn ihr Kind nicht mindestens zwei Förderangebote pro Tag wahrnehme.

Beweise dafür, dass die maximierten Frühförderangebote wirklich etwas bringen, gebe es nicht. Oft bleibe inzwischen das unbefangene Erleben von Natur und häuslicher Umgebung auf der Strecke, ebenso wie in spielerischem Miteinander erlernte soziale Fähigkeiten. Robinson verwendet in seinem Beitrag den Begriff “Divergentes Denken” – das unter anderem umfasse, wie gut sich Menschen alternative Verwendungen für Gegenstände wie eine Büroklammer vorstellen können. Bei Kleinkindern sei diese Fähigkeit weit ausgeprägter als bei vom Bildungssystem abgestumpften 13-Jährigen.

Nicht nur für die Kinder könne die Fixierung auf Defizite und erreichte kognitive Standards qualvoll sein, ergänzt Barz. “Sie nimmt Eltern die Freude am Kind.” Eltern sollten sich unbedingt klarmachen, dass Erziehung auch immer etwas damit zu tun habe, was für Leistungen sich andere von den Kindern erhofften, schreibt Renz-Polster. Kinder seien immer auch künftige Funktionsträger: Soldaten, sozialistische Normerfüller, IT-Spezialisten, Konsumenten.

“Das Angebot an zum Teil sehr konträren Erziehungsratgebern ist gewaltig”, sagt Barz. “Nicht zuletzt, weil Eltern alle nicht so richtig wissen, wie viel Strenge, wie viel Förderung, wie viel Freiraum denn nun sinnvoll sind.” Verstärkt werde die Verunsicherung durch immer neue Studien vor allem zur frühkindlichen Wahrnehmung und Leistungsfähigkeit.

Erwartungen der Erwachsenen an die Kinder

Der Kinder- und Jugendpsychiater Michael Winterhoff aus Köln macht in seinen Beiträgen seit Jahren auf Probleme in der kindlichen Entwicklung aufmerksam, die von der Politik ignoriert werden. Dabei gibt es ausreichend wissenschaftliche Belege, dass durch die vielfältigen Veränderungen der letzten 20 Jahre (Internet, Kleinstfamilien) die Rollen von Eltern und Kindern sich gewandelt haben. Er nennt das die “Machtumkehr”: Die Erwachsenen wollen von ihren Kindern geliebt werden. Dadurch werden die Erwachsenen bedürftig und die Kinder müssen deren Bedürfnisse erfüllen.

In einem Interview mit dem Tagesanzeiger aus Zürich vom Dezember 2013, der im Folgenden vollständig wiedergegeben ist, geht er auf die Thematik ein.

Eine Einladung lief unlängst so ab: Die Kinder dominierten, ein Gespräch war unmöglich, und die Eltern wiesen sie nicht zurecht, sondern apportierten auf Wunsch Spielsachen. Man dachte: Hier stimmt was nicht. Zu Recht?
Ja, der gesunde Menschenverstand trügt einen da nicht. Der kommt einem aber abhanden, wenn man, wie fast alle Eltern, in eine Symbiose gerutscht ist. Das heisst, das Kind ist ein Teil von ihnen, so wie ein Körperteil, wie ein Arm. Wenn der Arm juckt, müssen sie sich kratzen, wenn er schmerzt, müssen sie ihn halten. Die Eltern in einer Symbiose halten Spannungen nicht aus, deshalb lesen sie ihren Kindern jeden Wunsch von den Augen ab.

Damit scheinen sie ihren Kindern keinen Gefallen zu tun. Die von Ihnen im Buch geschilderten Folgen dieser Symbiose sind fatal. 
Das sind sie auch. Die Kinder solcher Eltern werden in ihrer Entwicklung gebremst, ihre emotionale und soziale Psyche bildet sich nicht mehr aus. Dabei ist diese die Voraussetzung dafür, damit Menschen miteinander klarkommen. Stattdessen wird das Entwicklungsdefizit zum Massenphänomen: Die Primarschüler und Jugendlichen, die in meine Praxis kommen, haben das Weltbild eines 16 Monate alten Kleinkindes.

Wie äussert sich das?
Sie haben keine Frustrationstoleranz, kein Unrechtsbewusstsein, keine Empathie oder sehen sich dauernd als Opfer. Und vor allem denken sie, alles würde sich um sie und das Stillen ihrer Bedürfnisse drehen.

Sie schreiben, dass deshalb so viele Kinder als lernbehindert gelten. 
Ja, klar. Früher hatten Kinder, die in die erste Klasse kamen, die Schulreife. Sie konnten vier Stunden lang auf einem Stuhl sitzen, zuhören und akzeptieren, dass die Lehrerin das Sagen hat. Heute leben sie lustorientiert im Moment und meiden jegliche Anstrengung. Wie sollen die dem Schulstoff folgen können, wenn sie nie gelernt haben, still zu sitzen, zuzuhören oder etwas zu tun, worauf sie keine Lust haben? Ihr Entwicklungsdefizit macht es unmöglich, dass sie ihre Intelligenz ausschöpfen.

Ist es wirklich so schlimm? Gilt nicht jede nachfolgende Generation als hoffnungsloser Fall? 
Es ist so schlimm, glauben Sie mir. Ich arbeite jetzt seit 28 Jahren als Kinder- und Jugendpsychiater. Was ich seit 1995 täglich in meiner Praxis sehe, gab es zuvor nicht: 1995 hatten wir zwei auffällige Schüler pro Klasse, heute sind es zwei, die unauffällig sind. Das ist mehr als besorgniserregend.

Was ist 1995 passiert?
Keine bestimmten Ereignisse, sondern gesellschaftliche Veränderungen und technischer Fortschritt. Mit Windows 95 zum Beispiel hielt der Computer in fast allen Haushalten Einzug. Das veränderte alles, wir hätten uns nie vorstellen können, wie sehr. Mit diesen Veränderungen sind viele Erwachsene überfordert. Sie wissen nicht mehr, was sie wollen im Leben, sind nicht in der Lage, Freude oder Zufriedenheit zu empfinden. Als Eltern machen sie dann die Freude und die Zufriedenheit des Kindes zu ihrer eigenen. Sie denken, fühlen, spüren durch das Kind.

Früher waren Eltern auch unter Druck, zum Beispiel finanziell. 
Aber früher hatten wir eine Gesellschaft, die klar Orientierung geboten hat. Heute ist alles unsicher geworden. Dennoch hat der Erwachsene ein Bedürfnis nach Anerkennung, Sicherheit. Wenn die Gesellschaft dies nicht mehr leistet, ist die Gefahr gross, dass er das, was ihm fehlt, über das Kind ausgleicht. Eltern wollen ihren Kindern vermeintlich Gutes tun, indem sie sich pausenlos um deren Bedürfnisse kümmern – das sind unbewusste Kompensationen. Das gilt für fast alle, die mit Kindern zu tun haben, auch für Lehrer und Grosseltern: Sie wollen von den Kindern unbedingt geliebt werden. Das führt zu einer Machtumkehr: Der Erwachsene ist bedürftig und braucht das Kind, um dieses Bedürfnis zu stillen.

Was würden denn Kinder brauchen?
Erwachsene, die in sich ruhen. Das überträgt sich aufs Kind und umgekehrt. Menschen, die in sich ruhen, kann man heute an einer Hand abzählen, fast alle sind dauergestresst. Das ist das eine.

Das andere?
Dass man aufhört, Selbstständigkeit und Selbstbestimmung zu verwechseln – das ist das grösste Missverständnis überhaupt! Kinder werden heute nicht selbstständig gross, sondern selbstbestimmend, und das ist verheerend. Ein Beispiel: Ich arbeite den ganzen Tag selbstständig, bin aber trotzdem fremdbestimmt: morgens durch meine Familie, dann durch die Praxis, abends wieder durch die Familie. Wenn das Kind nicht lernt, dass es fremdbestimmt ist, dass es sich auf ein Gegenüber oder eine Situation einstellen und sich anpassen muss, wird es später nicht mit anderen Menschen klarkommen. In Österreich sollen in Kindergärten allen Ernstes Cafés eingerichtet werden: Das wird verkauft als Förderung der Individualität, weil jedes Kind zu einem anderen Zeitpunkt Hunger oder Durst habe. Das ist absurd!

Geht es nicht darum, dass Begriffe wie Autorität und Hierarchie heute als negativ empfunden werden?
Natürlich. Das Problem ist, dass sich alle im Kind sehen. Und die irrige Vorstellung haben, sie müssten dem Kind wie einem Partner auf Augenhöhe nur lange genug alles erklären, dann würde es schon mitmachen. Aber das funktioniert nicht, weil man so dem Kind Erwachseneneigenschaften abverlangt. Und genau die kann es entwicklungspsychologisch gar nicht haben.

Wie sollen Kinder, die im Glauben aufwachsen, die Welt drehe sich um sie, in einer Welt bestehen, die nicht auf sie gewartet hat?
Genau das ist der Punkt! Sie werden lebensuntüchtig, beziehungsunfähig und bleiben selbst als Erwachsene bei Mama und Papa auf dem Schoss sitzen. Schon jetzt finden Firmen für gewisse Ausbildungen kaum mehr Jugendliche, weil die nie gelernt haben, auf die Zähne zu beissen, und nicht mit Autorität oder Kritik umgehen können. Man muss unbedingt Gegensteuer geben. Tun wir das nicht, werden wir als Gesellschaft teuer dafür bezahlen.

Was können Eltern tun, um zu retten, was noch zu retten ist?
Diese Symbiosebeziehung lösen. Indem sie zur Ruhe kommen, mal ein paar Stunden alleine sind mit sich, ohne Ablenkung, ohne Handy. Die meisten Erwachsenen halten das ja gar nicht mehr aus. Und indem sie nicht mehr reflexartig auf jeden Wunsch des Kindes reagieren, sondern verzögert: zunächst mal innerlich auf vier zählen. So lernt das Kind, dass es einen Unterschied gibt zwischen Gegenständen und Menschen: Der Mensch reagiert nämlich nicht auf Knopfdruck. Das ist anfangs hart. Aber es wirkt.