Schlagwort-Archiv: Impfen

Die unendliche Geschichte: Impfpflicht – gut oder böse?

Die Frage wird immer wieder aufgeworfen, wenn Ausbrüche von Masern oder anderen Kinderkrankheiten die Öffentlichkeit beunruhigen. Wie wollen wir es mit dem Impfen halten? Impfen schützt nachweislich. Es gibt aber einige Menschen, die die möglichen Nebenwirkungen höher bewerten und lieber ungeimpft bleiben wollen. Das hat etwas mit der Freiheit des Einzelnen zu tun, in die der Staat tunlichst nicht eingreifen sollte. Aber: ungeimpfte Kinder tragen solche Ausbrüche von Masern manchmal zu Kindern, die aus gesundheitlichen Gründen (z.B. Immundefekt) nicht geimpft werden können und gefährden diese durchaus erheblich. Also was tun?

Schweizer Modell: die Impfapotheke

In der Schweiz wurden Impfapotheken eingeführt. Je nach Kanton dürfen speziell zertifizierte Apotheken Personen über 16 Jahren gegen gewisse Erkrankungen impfen (meist Grippe, FSME, teilweise auch Hepatitis A und B). Kinder sind jedoch ausgenommen.

Vergleichbare Möglichkeiten gibt es in Modellprojekten auch in Frankreich. Großbritannien erlaubt die Impfung gegen Influenza (Grippe). Dort wurden in der letzten Saison immerhin 221.000 Menschen in Apotheken geimpft.

Deutsches Modell: Impfberatung

In Deutschland wird wie in der Schweiz eine Impfpflicht weiterhin abgelehnt. In der kommenden Woche soll ein Gesetzesentwurf im Bundestag eingebracht werden, der Eltern vorschreibt, den Nachweis über eine Impfberatung in der Kindertagesstätte vorzulegen. Sollten sie das nicht tun, soll die Kita dies dem Gesundheitsamt melden, das wiederum eine Geldbuße von bis zu 2500 € verhängen kann. Alles sehr bürokratisch und kompliziert.

Italienisches Modell: Impfpflicht

Nach einer deutlichen Masernwelle in Italien (in 2017 bis Mitte Mai 2395 Erkrankungen; Gesamtjahr 2016: 860 Fälle) hat nun die Regierung für alle Vorschulen, Kitas und Krippen eine Impfpflicht für Kinder bis 6 Jahre verfügt.

Es gibt also wieder genügend Stoff für Diskussionen. Wer will eine Impfpflicht durchsetzen? Welche Strafen sollen ggf. verfügt werden? Müssen in Deutschland die Kitas nun als Hilfssheriff auftreten und Eltern an die Gesundheitsämter verpfeifen? Wie lassen sich Ärzte beschwichtigen, wenn  die Patienten zum Apotheker um die Ecke gehen für die Grippeimpfung? Wer wird also die erste Geige spielen in diesem bunten Konzert?

Aber wie sagte Donald Trump schon so unschuldig: ”Now, I have to tell you, it’s an unbelievably complex subject. Nobody knew health care could be so complicated.” (28.02.2017)

Impfung und Angst

In brand eins Wissen (Ausgabe 03/0) beleuchtet Bernhard Bartsch das Thema Impfungen und warum die Kluft zwischen Impfbefürwortern und Impfgegnern so groß ist. Im Folgenden finden sie den letzten Teil dieser Abhandlung die klar macht, dass es um viel Psycholologie geht. 

Die Ironie ist verständlich, dürfte allerdings kaum dazu geeignet sein, Impfskeptiker auf die andere Seite zu ziehen. Denn die Diskussion wird nicht nur in der Arena wissenschaftlicher Argumente ausgetragen, sondern auch im Unterbewusstsein. Dort entfalten die Warnungen der Kritiker starke Wirkung, wie Cornelia Betsch, Expertin für empirische Verhaltensforschung an der Universität Erfurt, herausgefunden hat.

In einem Experiment untersuchte die Wissenschaftlerin, wie Frauen auf Impfkontroversen im Internet reagieren. Zunächst wurde den Testpersonen eine Impfwerbung vorgespielt, angelehnt an die Kampagnen der Gesundheitsbehörden. Einigen Müttern wurde dabei ein sogenannter Furcht­appell gezeigt („Masern können zu geistiger Behinderung führen!“), anderen eine Präventionsaufforderung („Kommen Sie den Masern zuvor!“).

Im Anschluss sollten sich die Mütter vorstellen, im Netz um Rat bei der Impfentscheidung für ihre Kinder zu fragen.

In einem simulierten Onlineforum wurden ihnen zehn Antworten zugespielt. Sieben berichteten von einem problem­losen Impfverlauf, drei von mittelschweren Komplikationen wie Diabetes. Das Experiment dauerte zehn Minuten, und als die Testmütter anschließend nach ihrer Einstellung befragt wurden, war das Bedrohungsgefühl durch Impfungen deutlich gestiegen. Die Angst, das Kind könne im Fall der Nicht­impfung an Masern erkranken, hatte hingegen nicht zugenommen. Im Gegenteil: Die Warnung, Masern könnten zu geistiger Behinderung führen, erhöhte sogar das wahrgenommene Impfrisiko.

Betsch führt dies auf eine „Quellenkonfusion“ zurück: Die Information hinterlässt ein negatives Gefühl, dessen Herkunft nicht mehr verortet wird. Und weil Menschen außerdem grundsätzlich mehr Angst haben, etwas Falsches zu tun, als etwas Richtiges zu unterlassen, wird das Risikoempfinden eher auf die Impfung übertragen als auf die damit verhin­derte Krankheit.

Entscheiden über die Ausrottung von Krankheiten wie Masern am Ende also nicht Vernunft und Medizin, sondern die menschliche Psyche, die Impfrisiken im Zweifel höher einschätzt als Erkrankungsrisiken? Wissenschaftlich gesehen ist die Wahrscheinlichkeit, an Masern zu erkranken und eine Hirnentzündung zu bekommen, tausendmal größer als das Risiko, einen Impfschaden zu erleiden. Doch der Mensch ist, wie er ist. Und deshalb wird die WHO ihr Ziel, die Masern 2015 für besiegt zu erklären, nicht erreichen.