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Impfung gegen Meningokokken schützt teilweise vor Gonorrhoe

Dass die Impfung gegen einen Krankheitserreger gleichzeitig gegen einen zweiten erfolgreich wirksam sein kann ist neu. Hinweise hierfür finden sich in einer Studie aus Neuseeland.

Dort wurde zwischen 2004 und 2006 eine Impfung gegen eine Untergruppe von Meningokokken B angeboten. Diese Jugendliche und Heranwachsende unter 20 Jahren sich geben lassen, da sie besonders von diesem speziellen Erreger bedroht waren. Schnell zeigte sich, dass die Neuerkrankungen hierdurch auf unter 10% abgesunken waren. Daraufhin stellte die Behörden dieses Impfprogramm wieder ein. Die Erkrankung an diesen Meningokokken tritt bis heute nur noch sporadisch auf. Also ein voller Erfolg.

Nun hat eine Forschergruppe um Dr. Helen Petousis-Harris bemerkt, dass seither die Zahl von Geschlechtskrankheiten mit Chlamydien klar zugenommen, aber die Erkrankungen mit Gonorrhoe ebenso deutlich abgenommen haben. Gonokokken sind die Erreger der Gonorrhoe und mit den Meningokokken verwandet. Ihr Ähnlichkeit in der Struktur liegt bei 80-90%. Die Forscher fanden heraus, dass die Patienten, die (gegen diese speziellen Meningokokken) geimpft worden waren um 31% seltener an auch dieser schwierigen Geschlechtskrankheit erkrankten als die Ungeimpften.

Damit eröffnet sich vielleicht ein neuer Ansatz, bisher unbesiegbare Erreger erfolgreich indirekt bekämpfen zu können.

Keuchhusten – noch immer eine Gefahr

Was ist Keuchhusten überhaupt? Das wissen aus eigener Erfahrung fast nur noch Großeltern – und einige wenige Eltern heute, die ihr Kind auf dem leidvollen Weg mit dieser Krankheit begleitet haben. Zum Glück erspart die wirkungsvolle Impfung gegen Keuchhusten den meisten Kindern und Eltern diese Erfahrung.

Mediziner nennen Keuchhusten Pertussis (lat.). Das bedeutet durch und durch husten und beschreibt, dass diese Krankheit mit extremem Husten verbunden ist, der über viele Wochen oder zumeist Monate andauert. Das kann für bestimmte Kinder und auch Erwachsene durchaus gefährlich werden.

Im Jahre 2016 erkrankten in Deutschland 13.809 Menschen an Pertussis (17 Erkrankungen pro 100.000 Einwohner). Am meisten waren Säuglinge betroffen: 61 Erkrankungen pro 100.000 Einwohner. In dieser Altersgruppe besteht erst nach drei Impfungen ein Schutz, also kaum vor dem 4. Lebensmonat. Denn gegen Keuchhusten werden keine wirksamen Antikörper bei Geburt weitergegeben. Somit werden diese erst bei Erkrankung oder eben durch die Impfung gebildet.  Obwohl wegen der Schwere der Krankheit 52% der betroffenen Säuglinge im Krankenhaus behandelt wurden starben 3 Säuglinge daran im Jahre 2016. 

Die Impfung gegen Keuchhusten ist gut wirksam, die Wirkdauer liegt jedoch nur bei 5-7 Jahren. Da die Impfung zusammen mit der Tetanusimpfung erfolgt, liegt das normale Wiederholungsintervall bei 10 Jahren, so dass Impflücken entstehen. Dadurch und durch die unzureichende Impfung gerade von Erwachsenen ist zu erklären, dass im Moment 84% der Bevölkerung unzureichend oder gar nicht geimpft sind. Das erleichtert das Wiederauftreten von Keuchhusten.

Der gute Schutz von Erwachsenen würde helfen, Säuglinge zu schützen. Leider ist es noch immer so, dass bei den Impfungen fast alle nur an sich und nicht an die anderen denken. Das führt dann in der Politik zu den verwirrenden Diskussionen über eine Impfpflicht, die in Deutschland nicht denkbar ist. Sinnvoller wäre es wohl, alle Menschen auf die Solidarität mit den Schutzlosen hinzuweisen.

Die Solidarität mit den Schwachen wäre auch in dieser Hinsicht wichtig. Auch wenn das Thema Impfung nicht unbedingt schick ist.

Grippeimpfung – oder schon flu shot

An einem Supermarkt in Halifax (Nova Scotia, Canada) fand sich die nebenstehende Aufforderung zur Impfung. FREE steht ganz oben. Weiter unten dann: “Ask your pharmacist”. Dieser Pharmacist verbirgt sich meist hinter einer großen Absperrung. Ob seine Antwort noch so schlicht ausfällt?

Kostenlos ist die Impfung für Kassenpatienten in Deutschland zum Glück immer. Und sie macht Sinn. Heute starten wir in der Praxis mit der Grippeimpfung (genauer, Impfung gegen Influenza). Aber ohne Werbung. Das ist bei uns nicht üblich und auch nicht erlaubt. Deswegen nur diese kurze Information.

Wer Interesse an der Impfung hat oder Fragen hierzu, möge sich bitte gerne melden. In unserer Region startet die Grippesaison frühestens im Dezember und sie dauert bis März. Eine Impfung im November verspricht den besten Erfolg.

Keuchhustenimpfung für Schwangere?

Es ist nicht lange her, da wäre man als Arzt gesteinigt worden, hätte man Impfungen von Schwangeren auch nur erwogen. Das scheint sich zu ändern.

Eine umfangreiche Studie aus Kalifornien konnte zeigen, dass die Impfung werdender Mütter gegen Keuchhusten sehr effektiv ist. Anhand der Daten von 148.981 Neugeborenen (2010 – 2015) konnte die Arbeitsgruppe um Roger Baxter vom Kaiser Permanente Vaccine Study Center in Oakland/ California zeigen, dass die Impfung der künftigen Mütter ab der 27. Woche der Schwangerschaft günstig ist. Sie konnte eine Keuchhustenerkrankung des Neugeborenen in den ersten zwei Lebensmonaten zu 91.4% verhindern.

Das wäre ein Durchbruch. Nach dem bisherigen deutschen Impfschema ist ein Schutz des Säuglings frühestens mit 4 Monaten zu erwarten. Die Lücke ab Geburt könnte also durch eine einzige mütterliche Impfung effektiv geschlossen werden.

Die deutsche Impfkommission (STIKO) wird in den kommenden Monaten vergleichbare Studien bewerten. Falls sich hierbei zeigt, dass die mütterliche Impfung keinen negativen Effekt auf die später folgende Impfung des Säuglings selbst haben sollte werden die aktuellen Empfehlungen angepasst werden.

Impfung gegen Rotaviren: steigende Akzeptanz

Seit wenigen Jahren hat sich die Impfung gegen die Rotaviren etabliert. Sie richtet sich gegen den häufigsten Erreger der Magen-Darm-Grippe im Kindesalter. Die Schluckimpfung sollte vor der 12. Lebenswoche begonnen werden und ist – je nach Impfstoff – nach 2 bzw. 3 Dosen abgeschlossen.

Die Impfung ist gut verträglich. Mit zunehmendem Alter des Kindes steigt aber das Risiko eine Darmeinstülpung (Invagination) zu erleiden. Deswegen ist eine frühe Impfung wichtig.

Erstaunlich ist die unterschiedliche Akzeptanz in Deutschland, wie die nebenstehende Graphik zeigt (blau= hoher Durchimpfungsgrad). Während im Landkreis Rosenheim (Bayern) nur 15% aller Säuglinge vollständig geimpft sind, sind es im Landkreis Dessau-Roßlau (Sachsen-Anhalt) 89%. In der Summe ist sind die Impfquoten der Rotavirusimpfung seit ihrer offiziellen Empfehlung durch die STIKO im August 2013 angestiegen. Eine zeitgerechte vollständige Impfung erhielten bundesweit 60.5% der Säuglinge.

Impfungen bleiben umstritten. Nachvollziehbar ist das nicht immer.

Rotavirus-Impfung: Risiko für Darmeinstülpung gering

Rotaviren sind die häufigsten Erreger einer Magen-Darm-Grippe bei Säuglingen und Kleinkindern. Die Erkrankung geht meist über eine knappe Woche und ist mit Durchfall, Erbrechen und Fieber sowie häufiger Trinkverweigerung verbunden. Weltweit sterben jährlich 453.000 Kinder an dieser Infektion.

In Deutschland trat die Rotavirus-Infektion vor Einführung der Schluckimpfung bei 1850 Unter-2-Jährigen von 100.000 Kindern auf.

Ein erster Impfstoff wurde 1998 in den USA eingeführt. Da er zu einer massiven Zunahme von Darmeinstülpungen (Invagination) führte – das Risiko war 37-fach erhöht! – wurde er wieder vom Markt genommen. Die beiden neuen Schluck – Impfstoffe, die seit 2006 in Deutschland auf den Markt kamen, werden sehr früh geimpft. Hierdurch konnte das Invaginationsrisiko minimal gehalten werden. So zeigte eine Übersichtsarbeit von Judith Koch und Mitarbeitern vom Robert-Koch-Institut (RKI) in Berlin, dass das Risiko für eine Darmeinstülpung für Kinder in den ersten 3 Lebensmonaten bei 1:5208 liegt, wenn sie nicht geimpft sind. Bei Geimpften liegt diese Zahl unmerklich höher bei 1:4785.

Die Zahl der Krankenhauseinweisungen wegen Rotaviren im Säuglingsalter ist in den letzten wenigen Jahren um über 30% zurückgegangen.

Die Impfung gegen Rotaviren ist in Deutschland seit 2006 verfügbar und seit 2013 eine von der STIKO empfohlene Impfung. Im Geburtsjahrgang 2014 sind in Baden-Württemberg 57.4% aller Säuglinge komplett geimpft. Neuere Daten sind nicht verfügbar.

Kinderkrankheiten (7): Röteln

Die Röteln sind eine Infektionskrankheit, ausgelöst durch das Rötelnvirus. Vor Einführung der Impfung steckten sich fast 90% der Menschen im Kindesalter an. Nach Ansteckung besteht ein lebenslanger Schutz, weswegen die Röteln zu den Kinderkrankheiten zählen. Für das erkrankte Kind ist die Erkrankung eher schwach spürbar. Gefürchtet ist jedoch eine schwere Komplikation, die Rötelnembryopathie.

Krankheitsbild

Durch eine Tröpfcheninfektion tritt nach einer langen Inkubationszeit von 14 – 21 Tagen ein kleinfleckiger Ausschlag (siehe Bild rechts) im Gesicht auf, der sich über den Körper ausbreitet und nach 1-3 Tagen wieder abklingt. Daneben treten teilweise Kopfschmerzen, Temperaturerhöhungen und Schwellungen der Lymphknoten auf.

Komplikationen

Sie sind eher selten und betreffen eher ältere Personen. Hierbei kann es zu Entzündungen der Gelenke (Arthritis), Hirnentzündungen (Encephalitis) oder Herzmuskelentzündungen (Myo- und Perikarditis) kommen.

Erkrankt jedoch eine schwangere Frau an Röteln, so führt dies zu Beginn der Schwangerschaft (erst 8 Wochen) in 90%, im dritten bis sechsten Monat in 25-35% zu einer Infektion des Embryos. Diese kann je nach Zeitpunkt der Infektion zum Spontanabort, zur Frühgeburt oder zur sog. Rötelnembryopathie (congenitales Rötelnsyndrom – CRS) führen. Dies bedeutet für das ungeborene Kind mögliche Fehlbildungen an

  • Herz (offener Ductus arteriosus)
  • Augen (Cataract = grauer Star)
  • Ohren (Taubheit)

die im Verbund als Gregg-Syndrom bezeichnet werden. Die Sterblichkeit für diese Missbildungen liegt bei 15-20%.

Diagnose

Die Diagnose des Röteln-Ausschlages ist teilweise schwierig. So kann in aller Regel eine sichere Diagnose nur durch Labortests erfolgen. Heute ist die Überprüfung einer Abwehr gegen Röteln im Beginn einer Schwangerschaft Standard. Sinnvoller wäre es, dies vor der Schwangerschaft zu prüfen, um noch vorbeugend impfen zu können.

Therapie

Eine ursächliche Therapie gegen Röteln gibt es nicht.

Vorbeugung

Im Wissen um die Schwere und Gefährlichkeit der Rötelnembryopathie steht die Impfung gegen die Röteln im Zentrum der Bemühungen.Diese erfolgt in der Regel als Kombinationsimpfung gegen Masern, Mumps und Röteln (MMR) ab dem 12. Lebensmonat. Da etwa 5% der Kinder auf die erste Impfung keinen aktiven Schutz entwickeln, ist die zweite Impfung nach dem 15. Lebensmonat enorm wichtig. Diese zweimalige Impfung ist für Mädchen und Jungen wichtig – unverständlicherweise gab es Ärzte, die im Unverständnis der Epidemiologie nur Mädchen gegen Röteln impften.

Für das Jahr 2014 wurden laut Robert-Koch-Institut (RKI) keine Infektionen an Röteln deutschlandweit gemeldet. Man muss aber davon ausgehen, dass viele Erkrankungen wegen ihrer Flüchtigkeit nicht erkannt werden.

Gesichert ist hingegen, dass die Zahl der Rötelnembryopathien massiv zurückging. Seit 2001 wurden insgesamt noch 11 Erkrankungen beim RKI gemeldet.

Bildquelle: www.stuedeli.net

Was geht rum? 24. Juni 2017

Der Sommer zeigt sich von seiner wunderbaren Seite. Da mögen viele Menschen unter der Hitze stöhnen, aber frische Infektionen sehen wir kaum mehr. Zum Glück ist auch die Welle mit der Mundfäule fast zu Ende. Bei diesem Wetter Fieber zu haben und kaum schwitzen zu können – was viele Kinder betrifft – ist sehr unangenehm. Ein lauwarmer (!) mit Wasser getränkter Waschlappen kann da sehr hilfreich sein. Die Haut sollte nach dem Abreiben aber nicht abtrocknet werden (Verdunstungskälte).

Verletzungen stehen im Vordergrund der momentanen Arztbesuche. Manche Wunden sind entzündet – auch Bakterien lieben die Feuchtigkeit und Wärme. Wunden sollten soweit möglich “luftig” gehalten werden. Nach einer Wundreinigung mit Octenisept© sind weitere Maßnahmen bei Schürfungen und kleinen Verletzungen meist nicht nötig. Der trockene SWchorf ist der beste Verband kleiner Wunden. Von Heilsalben geht kein Heil aus.

Momentan ist auch die Zeit der Zecken. Deswegen stellen wir im Folgenden einen ausführlichen Beitrag aus DocCheck (vom 13. Juni 2017) zum Thema FSME vor. Darin werden viele wichtige Aspekte dargestellt, die in der Diskussion meist untergehen. Es lohnt sich also durchaus, den langen Absatz zu lesen – viel Spaß: In den beiden Bundesländern mit der größten FSME-Erkrankungshäufigkeit, Baden-Württemberg und Bayern, liegt die Inzidenz bei Kindern unter fünf Jahren und ist bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen zwischen 15 und 29 Jahren mit 0,5–0,6 Erkrankungen pro 100.000 Einwohnern im Jahr am niedrigsten. Bei Kindern im Alter von 5–14 Jahren wird sie mit 0,9–1,0 Prozent angegeben.

Was noch entscheidender ist: In den allermeisten Fällen verläuft die Erkrankung bei Kindern glimpflich. Nur bei etwa zwei Prozent der Erkrankten werden laut RKI bleibende neurologische Folgeschäden beobachtet. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kind in einem stark betroffenen Gebiete eine Erkrankung mit anschließendem neurologischen Folgeschaden erleidet liegt dadurch bei 1 bis 2 zu 10 Millionen.

Selbst wenn man davon ausginge, dass die Impfung die Hälfte aller Fälle verhindert (die durchschnittlichen Durchimpfungsraten bei Schulanfängern liegen bei ca. 30 Prozent), läge das Risiko also bei 1 bis 2 zu fünf Millionen. Schwere Verläufe ohne Langzeitfolgen kommen mit einer Wahrscheinlichkeit von 1 bis 2 zu 800.000 vor, wenn man die Angaben des RKI hochrechnet.

Demgegenüber stehen die Risiken der Impfung mit inaktiviertem Virus. Leichtere Nebenwirkungen wie Fieber sind recht häufig – es tritt bei ungefähr zehn Prozent aller Geimpften auf, Schüttelfrost bei ein bis zehn Prozent. Laut Fachinformation von FSME-Immun© Junior (Pfizer) wurden nach der Markteinführung zudem folgende schwerwiegendere Nebenwirkungen mit einer Häufigkeit von bis zu 1 von 1.000 berichtet: allergische Reaktionen, neurologische Symptome wie Gesichtslähmungen, vollständige Lähmungen, Nervenentzündungen, entzündliche Erkrankungen des Gehirns, Krampfanfälle mit und ohne Fieber und weitere.

Encepur© Kinder (Glaxo Smith Kline) listet in der Fachinfo mit einer Wahrscheinlichkeit von seltener als 1 zu 10.000 unter anderem auf: allergische Reaktionen mit krampfartiger Verengung der Atemwege und Kreislaufstörungen, eine vorübergehende Abnahme der Blutplättchen, Sehstörungen. Es wird außerdem darauf verwiesen, dass nach der Impfung Erkrankungen des zentralen oder peripheren Nervensystems, einschließlich aufsteigender Lähmungen bis hin zur Atemlähmung (z.B. Guillian-Barré-Syndrom) aufgetreten sind. Auch in der Beilage von FSME-Immun verweist man auf das Auftreten des Guillian-Barré-Syndroms.

FSME 2-001

FSME-Karte mit Inzidenzen © Robert-Koch-Institut

In beiden Fällen fehlt eine Häufigkeitsangabe, bei Encepur ist von Einzelfällen die Rede. Doch das sind gefährlich verlaufende kindliche FSME- Erkrankungen eben auch. Selbst wenn die Impfung Kinder für drei oder später für fünf Jahre schützt, bleibt das Nutzen-Risiko-Verhältnis alles andere als eindeutig.

In der Datenbank des Paul-Ehrlich-Instituts belegt die FSME-Impfung bei den Nebenwirkungen den vierten Platz unter den Impfstoffen, mit knapp 4.300 gemeldeten Verdachtsfällen. Eine Cochrane Review von 2009 hat bei drei Impfstoffen (darunter FSME-Immun und Encepur Kinder) keine ernsten oder gefährlichen Nebenwirkungen festgestellt. Hierfür wurden Studien mit 8.184 Teilnehmern ausgewertet, darunter nur 1.598 Kinder. Die Autoren hatten deshalb auch eine genauere Langzeitbeobachtung der Nebenwirkungen empfohlen.

Liegen dem RKI andere Zahlen vor, die den Mehrwert einer Impfung von Kindern plausibel machen? Es gebe ihres Wissens nach „keine umfassende Analyse hinsichtlich der Häufigkeit vergleichbarer Schäden nach einer FSME-Impfung und der FSME-Erkrankung‟, räumt Hellenbrand ein. Woher aber sollen die Ärzte dann wissen ob eine Impfung im Einzelfall sinnvoll ist?

Hellenbrand rät neben der allgemeinen Wahrscheinlichkeit einer Zeckenexposition (bei Kindern, die zum Beispiel viel im Freien spielen oder einen Waldkindergarten besuchen ist sie erhöht) die regionalen FSME-Inzidenzen „als Entscheidungshilfe in die Nutzen-Risiko-Abwägung miteinzubeziehen‟. Doch genau diese werden vom RKI zurückhaltend kommuniziert.

Während 2006 auf der FSME-Karte des epidemiologischen Bulletin noch verschiedenfarbig Risikogebiete, Hochrisikogebiete und Gebiete mit geringerer FSME-Endemizität gekennzeichnet wurden, verschwand diese Aufteilung danach in den offiziellen Karten. Einfarbige Karten vermitteln seitdem fälschlicherweise den Eindruck, dass eine Impfung in allen markierten Gebieten gleich sinnvoll sei. Inzwischen findet man zusätzlich zu den einfarbigen Versionen wieder eine verkleinerte, dreifarbige Darstellung, wenn man gezielt danach sucht und sich bis auf die letzten Seiten des epidemiologischen Bulletin durchklickt.

Verwirrend wird es, wenn man nun noch die Karten eines Impfstoffherstellers hinzuzieht. So veröffentlicht die Firma Pfizer über ihr „Infoportal‟ zecken.de eigene Versionen. Dort sind nicht nur die RKI Gebiete einheitlich in dunkelorange eingefärbt – ohne Unterteilung nach Inzidenzen. Zusätzlich finden sich über ganz Deutschland verteilt gelb gefärbte Regionen. In der Legende findet sich die Aufschlüsselung: Dies seien „Landkreise mit vereinzelt auftretenden FSME-Erkrankungen, die jedoch nicht der Definition für ein FSME-Risikogebiet nach Robert Koch-Institut entsprechen‟. Eltern, die solche Karten sehen, könnten meinen, dass es nahezu überall gut wäre, ihre Kinder zu impfen.

Die unendliche Geschichte: Impfpflicht – gut oder böse?

Die Frage wird immer wieder aufgeworfen, wenn Ausbrüche von Masern oder anderen Kinderkrankheiten die Öffentlichkeit beunruhigen. Wie wollen wir es mit dem Impfen halten? Impfen schützt nachweislich. Es gibt aber einige Menschen, die die möglichen Nebenwirkungen höher bewerten und lieber ungeimpft bleiben wollen. Das hat etwas mit der Freiheit des Einzelnen zu tun, in die der Staat tunlichst nicht eingreifen sollte. Aber: ungeimpfte Kinder tragen solche Ausbrüche von Masern manchmal zu Kindern, die aus gesundheitlichen Gründen (z.B. Immundefekt) nicht geimpft werden können und gefährden diese durchaus erheblich. Also was tun?

Schweizer Modell: die Impfapotheke

In der Schweiz wurden Impfapotheken eingeführt. Je nach Kanton dürfen speziell zertifizierte Apotheken Personen über 16 Jahren gegen gewisse Erkrankungen impfen (meist Grippe, FSME, teilweise auch Hepatitis A und B). Kinder sind jedoch ausgenommen.

Vergleichbare Möglichkeiten gibt es in Modellprojekten auch in Frankreich. Großbritannien erlaubt die Impfung gegen Influenza (Grippe). Dort wurden in der letzten Saison immerhin 221.000 Menschen in Apotheken geimpft.

Deutsches Modell: Impfberatung

In Deutschland wird wie in der Schweiz eine Impfpflicht weiterhin abgelehnt. In der kommenden Woche soll ein Gesetzesentwurf im Bundestag eingebracht werden, der Eltern vorschreibt, den Nachweis über eine Impfberatung in der Kindertagesstätte vorzulegen. Sollten sie das nicht tun, soll die Kita dies dem Gesundheitsamt melden, das wiederum eine Geldbuße von bis zu 2500 € verhängen kann. Alles sehr bürokratisch und kompliziert.

Italienisches Modell: Impfpflicht

Nach einer deutlichen Masernwelle in Italien (in 2017 bis Mitte Mai 2395 Erkrankungen; Gesamtjahr 2016: 860 Fälle) hat nun die Regierung für alle Vorschulen, Kitas und Krippen eine Impfpflicht für Kinder bis 6 Jahre verfügt.

Es gibt also wieder genügend Stoff für Diskussionen. Wer will eine Impfpflicht durchsetzen? Welche Strafen sollen ggf. verfügt werden? Müssen in Deutschland die Kitas nun als Hilfssheriff auftreten und Eltern an die Gesundheitsämter verpfeifen? Wie lassen sich Ärzte beschwichtigen, wenn  die Patienten zum Apotheker um die Ecke gehen für die Grippeimpfung? Wer wird also die erste Geige spielen in diesem bunten Konzert?

Aber wie sagte Donald Trump schon so unschuldig: ”Now, I have to tell you, it’s an unbelievably complex subject. Nobody knew health care could be so complicated.” (28.02.2017)

Kinderkrankheiten (5): Mumps

Wer kennt noch den Namen Ziegenpeter? Unter dieser Bezeichnung ist Mumps vermutlich nur noch Menschen bekannt, die diese Erkrankung selbst noch erlebt haben. Für die meisten anderen, ist es einer der Krankheiten, die mit dem MMR (Masern – Mumps – Röteln) – Impfstoff angegangen werden.

Das weltweit vorkommende Mumpsvirus löst die Erkrankung aus. Durch die Impfung kam es über die letzten Jahrzehnte zu einem deutlichen Rückgang dieser Infektionen. Da viele Kinder aber keine zweimalige Impfung erhalten, gibt es immer wieder Ausbrüche von Mumps. Davon betroffen sind in aller Regel Jugendliche und Erwachsene unter 25 Jahren, bei denen es zu teilweise heftigen Symptomen kommt.

Die Übertragung erfolgt nur von Mensch zu Mensch und in aller Regel als Tröpfcheninfektion. Die Erkrankung beginnt als sehr schmerzhafte Entzündung der Ohrspeicheldrüse, die bei über 70% der Betroffenen beidseitig auftritt. Sie dauert 3 – 8 Tage und kann auch andere Speicheldrüsen des Körpers erfassen. Zuvor treten öfter Allgemeinsymptome (Fieber, Kopfschmerz, Mattigkeit) auf, die aber nicht richtungsweisend sind.

Gefürchtet sind verschiedene Komplikationen im Zusammenhang mit Mumps. In ersten Linie sind das ZNS-Beteiligungen mit über 60% Entzündungen des Gehirns (Encephalitis), die meist wenige Tage nach der Erkrankung auftreten und häufig schwach ausfallen. Tödliche Verläufe sind jedoch – gerade bei Menschen nach der Pubertät – durchaus möglich. Gut bekannt und sehr gefürchtet ist auch eine Entzündung der Hoden (Orchitis), die bei 15-30% aller männlichen Mumpspatienten vorkommt und oft zu einer Veränderung der Spermienproduktion führt. Die oft beschriebene Sterilität nach einer Erkrankung an Mumps ist jedoch selten. Bei Frauen können eine Entzündung der Brust (Mastitis) und der Eierstöcke (Oophoritis) auftreten.

Die Diagnose kann bei typischem Verlauf durch den erfahrenen Kinder- und Jugendarzt einfach gestellt werden. Da jedoch auch Erkrankungen bei geimpften Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen möglich sind, sollte im Zweifelsfall eine Laboruntersuchung erfolgen.

Eine Therapie gibt es nicht. Betroffene können lediglich durch Schmerzmittel Linderung erfahren.

Eine Impfung ist der einzig effektive Schutz. Empfohlen sind 2 Impfungen – in aller Regel als MMR (Masern-Mumps-Röteln) bzw. MMRV (Masern-Mumps-Röteln-Varizellen). Diese kann erstmals im Alter von 11 Lebensmonaten erfolgen. In Deutschland haben 91.2% der Kinder bei Schuleintritt einen vollständigen Impfschutz mit zwei Impfungen (Stand 2010 laut Robert-Koch-Institut).

Bildquelle: NHS