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Flüchtlingspolitik

Die Flüchtlingspolitik beherrscht die Nachrichten seit Monaten. Oft werden die gleichen Formeln beschworen. Die Vielschichtigkeit des Themas unter Einbezug kultureller Unterschiede wird kaum beleuchtet. Das folgende Interview mit dem früheren Entwicklungshelfer Toni Stadler in der Sonntagszeitung (Zürich, Schweiz) ist anders.

Im Bild Frauen im Dogon (Mali) auf dem Weg zum Markt. 

Als Entwicklungshelfer und Diplomat haben Sie Ihr Leben der Weltverbesserung gewidmet. Sind Sie ein Gutmensch?

Wer über 20 Jahre lang in Konfliktländern gearbeitet hat, kann mit solchen Wörtern wenig anfangen.

Warum nicht?

Ich habe von der UNO, dem Roten Kreuz oder der Schweiz für meine Arbeit immer einen anständigen Lohn erhalten und dabei nicht persönlich gelitten. Nebenbei: Was am Verbessern der heutigen Welt ist anstössig?

Das Helfen stand bei Ihnen aber gar nicht im Vordergrund?

Zwar habe ich schon in meiner Studienzeit im Niger geholfen, Brunnen zu bauen, dass ich danach fast mein ganzes Berufsleben im internationalen Dienst verbracht habe, war eher Zufall. Ich wollte die problematischen Seiten der Welt besser kennen lernen, nahe dran sein, wo Politik gemacht wird. Dass ich dabei auch nicht wenigen Menschen helfen konnte: umso besser.

Heute sind Sie nicht mehr angestellt und können offen reden …

Keine Sorge, ich habe auch im Berufsleben meist offen geredet.

Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie die aktuelle Flüchtlingskrise beobachten?

Mich ärgert die Konzeptlosigkeit und dass zu oft mit Gefühlen statt mit dem Verstand agiert wird. Europa hat noch immer keine klare Vorstellung davon, wie die Migration aus Afrika und aus dem arabischen Raum begrenzt oder gestoppt werden könnte. Dabei wird das Problem in der nahen Zukunft vermutlich noch grösser werden. Der Klimawandel dürfte in zehn bis zwanzig Jahren Bevölkerungsverschiebungen produzieren, die wir uns heute noch gar nicht vorstellen können.

Umso schwieriger wird es, eine Lösung zu finden.

Wenn Menschen aus schlecht regierten und kriegsversehrten Ländern einfach in den Westen migrieren, ist das Problem jedenfalls nicht gelöst. Man wird auch davon wegkommen müssen, Kriegsvertriebene unbegrenzt bei uns aufzunehmen. Europa wird seine Aussengrenze künftig so handhaben müssen wie die USA oder Kanada. Illegale Einwanderung ist in Nordamerika strafbar. Wer bedroht ist und einwandern will, muss sich an eine Botschaft im Ausland wenden.

Die Flüchtlinge an der Aussengrenze der EU aufzuhalten, würde Leid und Elend verursachen.

Ich bin nicht aus Hartherzigkeit für eine kontrollierte Einwanderung, sondern weil es der einzige Ausweg ist, um die Situation unter Kontrolle zu bringen. Mit der Migrationswelle entziehen wir zudem den Herkunftsländern die stärksten und besten Leute, die es dort dringend bräuchte.

Ist das Leben in grossen Flüchtlingslagern zumutbar?

Ich habe selbst Vertriebenenlager in mehreren Ländern geleitet. Es ist nicht unmenschlich, in gut geführten Zeltsiedlungen das Kriegsende abzuwarten, mit Schulen für die Kinder, medizinischer Versorgung, sanitären Anlagen etc. Was es braucht, ist genügend Geld, um in der Türkei solche Lager zu unterhalten und um den Herkunftsländern der Flüchtlinge nach Friedensschluss beim Wiederaufbau und der Modernisierung zu helfen.

Die EU hat der Türkei 3 Milliarden Euro versprochen – doch Präsident Erdogan will mehr.

Die Türkei, ein Gründungsmitglied der UNO, ist verpflichtet, die Flüchtlinge und Kriegsvertriebenen aus seinen Nachbarländern aufzunehmen und für sie zu sorgen. Mit den 3 Milliarden kann sie diese Menschen anständig unterbringen und verdient damit vielleicht sogar noch Geld.

Wie das?

Flüchtlinge und Vertriebene sind für das Gastland nicht nur Ausgaben. Die Leute kaufen Essen, Kleider, mieten Wohnungen. Die Hälfte der Flüchtlinge in der Türkei wohnt in Städten und hat offenbar genügend Geld, um Mieten zu zahlen, die Mietpreise an der syrischen Grenze sind bereits stark gestiegen. Die Türkei profitiert also auch. Aber klar, was ihr fehlt, soll ihr durch die internationale Gemeinschaft einschliesslich der reichen Golfstaaten zur Verfügung gestellt werden.

Wird Europa die Courage haben, seine Aussengrenze zu schliessen und Flüchtlinge im grossen Stil zurückzuweisen?

Als ich 2008 nach zwanzig Jahren zurück nach Europa kam, fiel mir auf, dass sich viele gebildete Europäer für fast jedes Problem auf der Welt schuldig zu fühlen scheinen. Vor allem in deutschen und Schweizer Zeitungen schimmert oft eine Selbstzerknirschtheit durch, ein permanent schlechtes Gewissen über die Zustände auf der Welt, verbunden mit einer übertriebenen Herabsetzung der eigenen Lebensweise und Kultur. Wenn sich ein Flüchtling fragwürdig benimmt, versucht man ihn zu verstehen, statt ihm freundlich zu sagen, dass er sich an die Regeln unserer Gesellschaft halten muss oder aber sich ein anderes Gastland aussuchen sollte.

Sie plädieren für mehr Selbstvertrauen?

Unbedingt. Wir Europäer haben nicht nur etwas zu verteidigen, sondern dürfen ruhig auch ein wenig stolz sein auf unsere moderne Gesellschaftsordnung. Wir haben demokratische Gesellschaften, die ihre Regierungen auf gewaltlose Art demokratisch ersetzen. Kirche und Staat sind getrennt, die Gleichheit von Frau und Mann vor dem Gesetz ist fast vollständig erreicht, und es gibt in Europa wesentlich weniger Kriminelle und Arme als im grössten Teil der übrigen Welt.

Hat Ihnen Ihr langer Auslandsaufenthalt die Augen geöffnet?

In meiner Zeit im Irak hatten wir von der UNO Schulmaterial verteilt. Dabei habe ich erkannt, weshalb der Nahe Osten gesellschaftlich und politisch derart im Rückstand ist. Bildungsziel war nicht das Wissenwollen, sondern das Glaubenwollen. In den Schulbüchern fehlte nicht nur die Evolution, die Schulung des kritischen Denkens, eine Kultur der Neugierde und des Fragens, sondern die Bücher stellten dazu noch die ganze nicht islamische Welt als dekadent dar, mit Alkohol, mit Rauschgiften, mit Frauen, die halbnackt herumliefen und wo niemand den Armen helfe. Die Schulkinder von damals im Irak sind die Migranten von heute. Es liegt an uns, ihnen ein realistischeres Bild des heutigen Europa zu vermitteln.

Was kann der Einzelne tun?

Selbstbewusst von gleich zu gleich auftreten, ob als Geschäftsreisender, als Tourist oder als Flüchtlingsbetreuer. Andere Kulturen und Religionen an deren Einhaltung der Menschenrechte messen. Es gibt noch immer zu viele Europäer, die bei einer fremden Kultur oder Religion unkritisch in Achtungsstellung gehen. Selbst vor Kulturen, wie etwa dem äthiopischen Hirtenstamm der Mursi, wo neunjährigen Mädchen Lehmteller in die Lippen gebaut werden. Statt dass sie sagen würden: Was ihr da tut, ist Kindesmissbrauch, passt eure Kultur doch bitte den Menschenrechten an.

Es heisst, dass auch Europa schuld sei an den Zuständen im Nahen Osten, weil wir die Grenzen dort künstlich gezogen haben.

Wer dies als Grund für die Probleme des Nahen Ostens aufführt, sollte sich einmal die Grenzen der Schweizer Kantone ansehen – auch sie schneiden durch Religionen oder Sprachen hindurch. Fast alle Nationen auf der Arabischen Halbinsel wurden in die Unabhängigkeit entlassen, bevor ich geboren wurde. Sie hätten fast 70 Jahre Zeit gehabt, sich mit Verfassungen basierend auf den UNO-Menschenrechten der Moderne anzupassen. Das geschah nicht. Deshalb sind Hunderttausende junger Männer heute beim Militär oder auf der Flucht nach Europa. Und deshalb produzieren Apple oder Airbus in China und nicht in Kairo, Damaskus, Bagdad oder Teheran.

War man zu lange zu nett mit diesen Ländern?

Mit den Eliten problematischer Länder, ob im Nahen Osten oder in Afrika, muss Klartext gesprochen werden. Die gut gemeinte Rhetorik der Entwicklungszusammenarbeit der vergangenen Jahrzehnte hat dazu geführt, dass die Verantwortlichkeiten für viele Missstände auf der Welt verwischt worden sind.

Wer ist denn verantwortlich?

Für die stagnierenden Länder Afrikas sind in erster Linie die dortigen Regierungen verantwortlich. Und im arabischen Raum scheint mir die offenbar unlösbare Verknüpfung zwischen autoritärer Staatsmacht und autoritärem Islam der Hauptgrund für das Fehlen fast jeden Fortschritts. Die rigide Hälfte des Islam muss sich zwingend reformieren, das kritische wissenschaftliche Denken fördern und den Glauben aus den Klassenzimmern verbannen. Eine solche Reform kann nur von innen kommen. Oder dann von den liberalen Musliminnen und Muslimen aus der Diaspora.

Der Westen kann also gar nichts tun?

Doch. Das Kernproblem der Unreformierbarkeit des Islam ist Saudiarabien, es beherbergt mit Mekka und Medina die spirituellen Zentren der Religion und finanziert den Fundamentalismus weltweit. Zudem verfügt es über beste Verbindungen zu Pakistan, der islamischen Atommacht. Saudiarabiens Wirtschaft ist kleiner als die der Schweiz. Wenn man ein Land wie unseres dazu zwingen kann, das Bankgeheimnis aufzugeben, sollte es eigentlich auch möglich sein, Saudiarabien dazu zu bringen, die Menschenrechte vollständig einzuhalten.

Schwierig ist es, mit Entwicklungshilfe Einfluss zu nehmen. Über 1000 Milliarden Franken hat der Westen in den letzten 50 Jahren allein in Afrika ausgegeben, die Bilanz ist desaströs. 

Mit einem grossen Teil dieses Geldes hat man während des Kalten Krieges Regimes unterstützt, die sich zum marktwirtschaftlichen Lager zählten. Doch in einem haben Sie recht: Die Resultate sind ernüchternd. Wir haben auch viele Fehler gemacht.

Welche?

Der Hauptfehler war, dass man lang geglaubt hat, mit Entwicklungshilfe allein könnten Länder wie Ruanda oder Burundi in eine Schweiz verwandelt werden. Man hat das Instrument Hilfe überschätzt. Falsch geleistete Hilfe weckt den Wunsch nach mehr, macht abhängig, führt zu verzerrten Staatsbudgets. Wer die Arbeit tut, für welche eigentlich die Regierung zuständig sein sollte, trägt dazu bei, dass die herrschende Elite bequem und selbstzufrieden wird.

Was muss sich ändern?

Vielleicht sollte nach 50 Jahren Entwicklungshilfe nicht mehr direkt im Feld gearbeitet werden. Man könnte sich darauf konzentrieren, dass Länder mit tiefem Pro-Kopf-Einkommen und grossen sozialen Spannungen als Gesamtsystem besser funktionieren.

Wie kann man das erreichen?

Ein Entwicklungsland braucht in erster Linie eine Volkswirtschaft, die ihre Bevölkerung ernährt und etwas produziert, das in Nachbarländern oder auf dem Weltmarkt verkauft werden kann. Es muss keine perfekte Basisdemokratie besitzen, aber ein zuverlässiges System, welches alle vier Jahre korrupte und unfähige Staatschefs unblutig auswechseln kann. Geografisch oder anderweitig benachteiligte Länder sollten in Zukunft wohl von einer Art Finanzausgleich profitieren können. Wenn dazu noch alle Bürger ein Recht auf Eigentum bekämen und die Gesetze einigermassen korrekt angewendet würden, dann könnten sich Länder auch selber entwickeln.

Gibt es positive Beispiele?

Ob Singapur, Thailand, Taiwan, China oder Indien: Diese Staaten haben weitgehend aus eigener Kraft den Aufschwung geschafft, weil ihre Elite ein klares Ziel hatte und dieses rational verfolgte.

Sie sind ein Profi. Störte es Sie, wenn in Flüchtlingslagern private NGO und Helfer auftauchten, die eher mit dem Herz als dem Verstand agierten?

UNO und Deza bestehen nicht aus herzlosen Menschen. Aber die meisten Entwicklungsfachleute grenzen sich ab vom allzu enthusiastischen Teil der Helferwelt. Letztlich zählt nicht das Motiv der Hilfe, sondern das Resultat. Und das wird mit klarem Verstand eher erreicht als mit dem Gefühl.

Warum?

Manchmal führt einen das Gefühl in die Irre. Wer in einem Flüchtlingslager zu grosszügig Nahrung und Unterstützung verteilt, bringt arme Leute aus der Nachbarschaft dazu, aus ihren Dörfern ins Flüchtlingslager umzuziehen. Das Gleiche gilt auch für die Migranten in Europa: Werden sie zu grosszügig unterstützt, zieht das Menschen mit falscher Motivation ins Land. Wir dürfen nicht vergessen, dass die meisten Flüchtlinge und Kriegsvertriebenen aus Gesellschaften kommen, wo härtere Regeln herrschen als bei uns.

Spenden Sie persönlich Geld für die Entwicklungshilfe?

Selten.

Warum nicht?

Weil ich Steuern zahle und will, dass ein Teil meines Geldes von der Schweiz für eine professionelle internationale Zusammenarbeit eingesetzt wird.

Glückliches Neues Jahr

Ein sehr sonniges Jahr geht zu Ende. Hoffentlich war Ihnen und Ihrer Familie auch das Glück und die Gesundheit hold. Das zählt weit mehr als Sonnenstrahlen oder Wärmegrade.

Das neue Jahr wird Veränderungen mit sich bringen, die auch als Chance zu verstehen sind. Der Zustrom von einer Million Menschen nach Deutschland im letzten Jahr wird auch unsere Region nachhaltig beeinflussen. Flüchtlingskinder werden in Kindergärten und Schulen integriert werden. Sie bringen neue Erfahrungen und Geschichten mit, die für uns eine Erweiterung unseres Horizontes bedeuten können. Pfullendorf hat dies vor 20 Jahren gut bewältigt, als viele Menschen aus dem Osten kamen, die heute zu uns gehören. Das gleiche wird auch mit den Menschen gelingen, die aus dem Süden zu uns gekommen sind.

Manchmal träumen wir, dass alles so bleibt wie wir es in unserer Kindheit erlebt haben. Dabei vergessen wir häufig, dass dieser idelae Kindheitstraum vieles ausblendet und nur das Gute und Unverfälschte zurücklässt. Die Erde dreht sich und bringt immer wieder Neues. Oder wie Heraklit es in der Antike sagte: Panta rhei – alles fliesst. 

Unser gesamtes Praxisteam wünscht Ihnen einen guten Start in das Neue Jahr 2016! Seien wir auf das Neue gespannt, besonders auf die Kreativität und Lebensfreude unserer Kinder.